Die aufgeblasene Fussball-WM ist ein Welthit. Volle Stadien und Volksauflauf in Städten wie Amman, Houston oder TokioDie Gruppenphase der Endrunde ist zur verkappten WM-Vorbereitung degradiert worden. Auch wenn vor lauter Spielen die Übersicht verlorengeht: Alle ziehen mit. Der Plan des Weltverbands Fifa geht auf.28.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenNoch mehr WM-Spiele, noch mehr Torjubel in den USA: Der WM-Publikumsrekord von 1994 ist schon jetzt Geschichte.Mike Blake / ReutersDie Bilder von DWS-News sind eindrücklich. Die kroatischen Fussballfans bereiten sich in Toronto auf das WM-Spiel gegen Panama vor. Einige haben ihr Gesicht in den Landesfarben bemalt, andere führen die Landesfarben in sonst einer Form spazieren. Zeit für eine Party. Eine Frau in kroatischen Farben sagt: «Die WM ist nicht günstig. Aber wir machen das für unser Land, wir würden den letzten Cent dafür geben.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das Spiel findet um 1 Uhr mitteleuropäischer Zeit statt. Die Fernsehbilder transportieren eine brodelnde Atmosphäre. Volle Arena, viele Farben, und am Ende kroatischer Jubel, kurz vor 3 Uhr in Europa.Obschon sich die WM wegen der Aufstockung von 32 auf 48 Teams in die Länge zieht und die Gruppenphase mit 72 Partien während der ersten 17 Spieltage nicht mehr als eine in die WM integrierte Qualifikation ist, lässt sie sich sehen. Dabei waren Lücken im WM-Publikum befürchtet worden. Wegen hoher Ticketpreise, wegen der XXL-Grösse der Stadien, wegen der Distanzen, wegen gänzlich ausgeschlossener Klientel (Iran, Haiti) und wegen der Mühseligkeit bei der Einreise.Woher die alle kommen? Kroatische Fans in Toronto.Mert Alper Dervis / ImagoDas Publikum im Stadion braucht’s für den VerkaufswertDas hielt den Weltfussballverband Fifa nicht davon ab, zu kommunizieren, dass alles im grünen Bereich sei. Die WM wird hauptsächlich über die Medienrechte und das Sponsoring verkauft. Das Publikum in den Stadion braucht’s für das Dekor der Fernsehspiele, für die Stimmung, die Lärmkulisse, die Farben.Schon vor dem Ende der Gruppenphase ist das Fifa-Ziel erfüllt. Im Durchschnitt sind 65 000 Zuschauerinnen und Zuschauer zugegen, die Auslastung der grossen Arenen wird mit 98 bis 100 Prozent angegeben. Je nach Quelle. Der bisherige WM-Zuschauerrekord aus dem Jahr 1994 (USA, 3,5 Millionen) ist ausradiert. Am Ende dürften 6,5 Millionen live dabei gewesen sein. Das Fifa-Communiqué, das nach Turnierende mit der «grössten WM aller Zeiten» hyperventilieren und Rekordzahlen purzeln lassen wird, kann jetzt schon verfasst werden. Ohne schlechtes PR-Gewissen.Die WM-Wallung ist erstaunlich und widerspricht pessimistischen Voraussagen. Dieser Befund gilt schon vor der finalen K. o.-Phase, die erst jetzt begonnen hat und in der noch immer 32 Nationen zugegen sind. Man mag das bedauern, vor allem aus eurozentrischer Sicht. Zu viele Spiele, zu langer Anlauf, viele Partien mitten in der europäischen Nacht. Und immer wieder fehlende Übersicht, die sich etwa in jenem Moment manifestiert, in dem nur noch der Fussball-Hardcore-Fan weiss, wer eigentlich zu welcher Gruppe gehört. Dank dem Panini-Album.Algerien spielte gegen Jordanien. In der Nacht. Natürlich lassen hierzulande viele das Live-Spiel sausen. Einige wissen nicht einmal, dass die zwei gegeneinander spielen. Algerien gewinnt 2:1. In der am Morgen konsumierten Zusammenfassung ist zu sehen, wie Vladimir Petkovic, der frühere Schweizer Nationaltrainer, mit Algerien jubelt. Die Stimmung in Santa Clara? Toll. Die Kameras erfassen viele Leute mit algerischen Trikots. Woher die auch immer kommen, wie viel die auch immer bezahlt haben. Das Stadion ist platschvoll.Das Amphitheater in Amman ist vollWer den interkontinentalen Fächer öffnet und zum Beispiel in den sozialen Netzwerken Bilder erhascht, was bei diesem Spiel im römischen Amphitheater in der jordanischen Hauptstadt Amman los war, denkt in Anbetracht von Zehntausenden im Public Viewing nur eines: Wow. So zelebriert Jordanien das Ausscheiden im ersten WM-Abenteuer. Die WM ist ein Welthit.Nächtliches Public Viewing im römischen Amphitheater in Amman.Oder Jubelsequenzen aus Port-au-Prince. Haiti ist in Philadelphia gegen Brasilien (0:3) im Einsatz, die erste WM seit 1974. Teile des haitianischen Volkes im WM-Fieber, eines Volkes, das gar nicht in die USA einreisen darf. Oder die Niederländer in Houston. Fanmarsch in Orange. Kollektiver Rausch, Bierseligkeit, Torjubel, Massenphänomen.Oder Japan gegen Tunesien in Mexiko, in Europa am frühen Morgen angesetzt, in Japan untertags. Wen interessiert das? Das riesige Stadion in Yokohama, das WM-Finalstadion von 2002, ist zur Hälfte gefüllt. Der Jubel ist nicht so ausgelassen und ekstatisch wie in Amsterdam, aber das Volk ist da. Man könnte auch Szenen vom Gwanghwamun-Platz im südkoreanischen Seoul schildern, Grossbildschirme, Public Viewing, Südkorea gegen irgendwen. Egal. Denkt man in Zürich oder München. Nicht aber in Seoul.Alles niederländisch Orange auf einem Fanmarsch in Houston.Joseph Buvid / ReutersLionel Messi verscheucht die WM-MüdigkeitDie WM stösst auf Interesse, egal, wie viele Gruppenspiele zu welcher Tages- und Nachtzeit stattfinden. Je nachdem, wo man sich befindet. Je nachdem, welche Brille man aufsetzt. Und wenn man vor lauter Hitze und Fussballmüdigkeit einzuschlafen droht, lässt der 39-jährige Lionel Messi mit ein paar WM-Toren den Wecker rasseln. Was für ein Personenkult, was für eine Geschichte. Worauf ein langjähriger Schweizer Beobachter mit einem Post daran erinnert, dass vor exakt 40 Jahren Diego Maradona für Argentinien die Hand Gottes bemüht habe.Auch wenn das sportlich zu bedauern ist: Die Fifa hätte einen Fehler gemacht, hätte sie das Turnier nicht ausgeweitet. Die Gruppenphase hält in vielen Ländern die Hoffnung weiter am Leben. Es fehlt zwar oft der ultimative Kick, weil fast niemand ausscheidet. Dafür kann man die Welt entdecken und ein weiteres Mal darüber diskutieren, wo jetzt genau Curaçao liegt. Und wo die Kapverden. Und was Usbekistan ist. Einige Aussenseiter schlagen sich gar nicht so schlecht, wenn die Usbeken nicht gerade dafür sorgen, dass der 41-jährige Ronaldo an seiner sechsten WM für Portugal Tore erzielt. Umso besser für die Endrunde.Über eine Million schaut der Schweizer Auswahl zuMit den Schweizer Spielen erreicht das Schweizer Fernsehen ein Millionenpublikum. Das ist nicht neu. Auch die Zugriffe auf Zusammenfassungen der WM-Partien bewegen sich auf ähnlicher Höhe wie während der Euro 2024. Bei den Online-Visits zeichnen sich laut SRF schon Rekordwerte ab. Das Mitternachtsspiel (MESZ) Schottland gegen Marokko zog etwa 75 000 Personen an, Mexiko gegen Südkorea um 3 Uhr deren 25 000. Es sind Spiele, die für den Schweizer TV-Markt weniger relevant sind.Auf jeden Fall läuft die WM-Maschinerie. Sie bietet noch mehr und dauert noch länger als ihre Vorgänger. Die ausgelasteten Stadien rühren nicht daher, dass ganz Europa in die USA geflogen ist. Die USA sind ein grosses Einwanderungsland. Bei Schweiz gegen Katar waren nicht viele Leute aus den jeweiligen Ländern zugegen, der Schweizerische Fussballverband (SFV) hat sein Ticketkontingent bei weitem nicht ausgeschöpft. Dennoch war die Arena mehr oder weniger voll.Gleiches gilt für den Match in Los Angeles gegen Bosnien-Herzegowina, wobei die bosnische Diaspora ein gewichtige Rolle spielte. Auch Schotten oder Leute mit schottischem Bezug sind in grosser Zahl in den USA zugegen und zeigen, wie inbrünstig eine Nationalhymne gesungen werden kann. Wer den ecuadorianischen Jubel und die Freudentränen nach dem 2:1-Erfolg gegen Deutschland in New York mitbekommen hat, stellt schnell fest, wie überladen WM-Fussball sein kann.Auch Katar war da.Peter Klaunzer / KeystoneDie verwässerte und verlängerte Endrunde hat WM-Premieren zur Folge (Curaçao, Kapverden, Jordanien, Usbekistan) und schliesst Nationen wie Schottland, Norwegen und Österreich in ihre Arme, die im letzten Jahrhundert letztmals dabei waren. Auch das lässt sich vorzüglich verkaufen – «endlich wieder einmal».Erstaunlich ist, wie viele Fussball- oder Event-Fans sich das leisten können. Sie kommen zum Spiel, zahlen ein teures Ticket und 25 Dollar für ein Bier, beteiligen sich an der Welle, weil sie eben inszeniert worden ist. Sie stehen an für irgendwelche Souvenirs und hängen sich die offizielle schwarze Fan-ID-Karte um. Letztgenannte als Beweis, dass man dabei gewesen ist. Ein früherer CEO eines Schweizer Klubs besucht in New York Deutschland gegen Ecuador und verteilt in einem Linkedin-Post Punkte: 9 von 10 für das Stadionerlebnis, 3 von 10 für die Preise. Kommentar: «Durchwegs teuer. Kommerzielle Interessen haben weit mehr Gewicht als die Zugänglichkeit für Fans.»Die Fifa peppt die Zeremonie vor dem Spiel aufDie Fifa hat die Zeichen der Zeit und der amerikanischen Grösse erkannt und lässt die Zeremonie vor den Spielen zum «immersiven Erlebnis» werden, wie es der Verband nennt. «360-Grad-Event», Einlaufbögen, Fähnchen wehen im Wind, Musik über die Stadionlautsprecher.Neu stellen sich nicht nur die elf Stammspieler auf, nein, beide Teams versammeln sich in corpore rund um den Mittelkreis, in dem eine Fifa-Weltfahne liegt. Links und rechts auf dem Spielfeld die zwei Nationalflaggen, auf so riesigen Stoffen aufgezogen, dass für deren Entfernung ein ganzer Turnverein benötigt wird.Der Aufwand ist sekundär. Pathos muss her, aufgeladen muss die WM sein, überladen, XXL-Grösse, ob im Amphitheater von Amman oder in einer WM-Schüssel. Geschürt mit nationalen Gefühlen. Wir gehen dorthin, auf die Weltbühne, wir repräsentieren Bosnien-Herzegowina, Jordanien oder Ecuador, egal wie weit weg und wie teuer, egal ob zunächst «nur» WM-Qualifikation, «es ist für unser Land».Beim Spiel Argentinien - Algerien dominieren die Südamerikaner, zumindest in diesem Sektor.Siphiwe Sibeko / ReutersPassend zum Artikel
Volle Stadien und Volksaufläufe: Die aufgeblasene Fussball-WM ist ein Welthit
Die Gruppenphase der Endrunde ist zur verkappten WM-Vorbereitung degradiert worden. Auch wenn vor lauter Spielen die Übersicht verlorengeht: Alle ziehen mit. Der Plan des Weltverbands Fifa geht auf.
Fifa-WM 2026: 48 Teams, 6,5 Mio. Zuschauer (2× Rekord 1994), 98-100% Stadion-Auslastung. Expansion+Dezentralisierung (72 Spiele über Zeitzonen) aktivieren globale Audience via Broadcasting+Social+Public Viewing – Playbook für SaaS-Plattformen unter Peak-Load und Multi-Region Engagement.












