Eklat im Autorenverband: Der PEN-America-Präsident tritt nach sieben Monaten zurückEin Beitrag über die Ausgrenzung israelischer und jüdischer Schriftsteller hat bei PEN America eine neue Führungskrise ausgelöst.15.07.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenDinaw Mengestu übernahm das Präsidentenamt von PEN America im Dezember 2025.Philippe Matsas / ImagoAm 9. Juli veröffentlichte PEN America einen Beitrag über die Meinungsfreiheit israelischer und jüdischer Autoren. Wenige Stunden später trat der Präsident des Autorenverbands zurück.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Text versammelt die Aussagen von mehr als dreissig Autoren, Literaturagenten und Verlegern. Sie berichten unter anderem, dass ihre Manuskripte seit dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 schwerer zu vermitteln seien. Veranstalter lüden sie aus, Kollegen gingen auf Distanz.Dinaw Mengestu, ein äthiopisch-amerikanischer Schriftsteller, hatte das Präsidentenamt im Dezember 2025 angetreten. Seinen Rücktritt meldete die «New York Times» zunächst ohne Erklärung. Zwei Tage später berichtete «The Atlantic» über den internen Konflikt. Das Magazin berief sich auf Gespräche mit Mengestu sowie mit gegenwärtigen und früheren Mitarbeitern und Vorstandsmitgliedern.Zündstoff für Gesetze gegen die BDS-BewegungMengestu erklärte gegenüber dem Magazin, er sehe in dem PEN-Beitrag eine «mögliche Bedrohung für die verfassungsmässigen Rechte» jener, die sich an Boykotten gegen Israel beteiligten oder dafür einträten.In zahlreichen amerikanischen Gliedstaaten gibt es bereits Gesetze gegen die BDS-Bewegung, die seit 2005 zur wirtschaftlichen und kulturellen Isolation Israels aufruft. Mengestu befürchtet, dass der von PEN America veröffentlichte Text weiteren Zündstoff für Befürworter solcher Gesetze liefert. Dass also Berichte über die Folgen kultureller Boykotte politisch gegen jene verwendet werden könnten, die sie fordern oder unterstützen.Gewaltfreie politische Boykotte seien durch den ersten Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung geschützt, argumentierte er – eine Position, die sich auf ein Grundsatzurteil von 1982 stützt, dessen Reichweite im Fall von BDS aber juristisch umkämpft ist. Und weiter: PEN America habe als Organisation für freie Meinungsäusserung die Aufgabe, dieses Recht zu verteidigen.Der Beitrag über die jüdischen und israelischen Autoren erhebt keine pauschalen Vorwürfe. Er erklärt nicht jeden gescheiterten Verlagsvertrag zum antisemitischen Vorfall und führt die geschilderten Erfahrungen nicht allein auf die BDS-Bewegung zurück. Er nennt unterschiedliche mögliche Ursachen und verweist ausdrücklich auch auf Repressionen gegen palästinensische und propalästinensische Autoren.Die amerikanische Autorin Meg Keene berichtet in dem PEN-Beitrag, ihre Agentin habe ihr geraten, jüdische Bezüge aus einem Roman zu entfernen und eine Figur namens Yael in Sue umzubenennen. Die in Jerusalem tätige Literaturagentin Deborah Harris erklärt dort, sie habe früher jährlich fünf bis zehn israelische Autoren an amerikanische Verlage vermittelt. Seit dem 7. Oktober 2023 sei ihr dies mit keinem literarischen Werk mehr gelungen. Der Jewish Book Council registrierte nach eigenen Angaben innerhalb von zwei Jahren 350 Meldungen über mutmasslich antisemitische Vorfälle im Literaturbetrieb.Andauernder RichtungsstreitIn PEN, dessen Mitglieder über den Gaza-Krieg zerstritten sind, droht der Beitrag zu einer offenen Spaltung zu führen. 2024 zogen sich unter anderem Naomi Klein, Michelle Alexander, Lorrie Moore, Hisham Matar und Isabella Hammad aus dem World Voices Festival und den PEN-Literaturpreisen zurück. Sie warfen der Organisation vor, palästinensische Schriftsteller unzureichend zu unterstützen und Israels Kriegsführung nicht deutlich genug zu verurteilen. Beide Veranstaltungen wurden abgesagt.Die damalige Geschäftsführerin Suzanne Nossel verliess PEN America im Oktober 2024 nach mehr als zehn Jahren. Unter ihrer Leitung weitete die Organisation ihren traditionellen Schwerpunkt über die Literatur hinaus aus. Sie befasste sich zunehmend auch ausserhalb des Kulturbetriebs mit Fragen der Meinungsfreiheit. PEN America lancierte beispielsweise Programme zur Redefreiheit an Hochschulen. Nossels Abgang waren monatelange Konflikte über die Haltung der Organisation zum Gaza-Krieg vorausgegangen.Mengestu sollte nach seiner Wahl die Beziehungen zu jenen Autoren wiederherstellen, die sich von PEN America entfremdet hatten. Er sprach in Interviews von «Heilung» und Wiederaufbau.Während Mengestus Amtszeit hat die Organisation ihre Arbeit zu Gaza ausgebaut, einen Bericht über die Zerstörung des kulturellen Lebens veröffentlicht und palästinensische Schriftsteller und Künstler unterstützt. Mit dem Text über israelische und jüdische Autoren dokumentierte sie nun einen weiteren Bereich möglicher Ausgrenzung.Die Geschäftsführung hält an dem Beitrag fest, wie «The Atlantic» berichtet. Mengestus Rücktritt verdeutlicht jedoch einen andauernden Richtungsstreit. PEN America lehnt kulturelle Boykotte ab, verteidigt aber das Recht Einzelner, daran teilzunehmen oder für sie zu werben. In den Richtlinien erklärt der Verband ausdrücklich, zwischen den beiden Haltungen bestehe kein Widerspruch. Bei der emotional so aufgeladenen Debatte um den Gaza-Krieg geht offensichtlich doch nicht beides zusammen.Passend zum Artikel
Der Präsident von PEN America tritt nach Artikel über israelische Schriftsteller zurück
Ein Beitrag über die Ausgrenzung israelischer und jüdischer Schriftsteller hat bei PEN America eine neue Führungskrise ausgelöst.







