Die Versuche, den Nahostkonflikt im PEN America zu lösen, nehmen zunehmend groteske Züge an. Die Schriftstellerorganisation erlebt seit dem 7. Oktober 2023 heftige interne Kontroversen. Immer wieder wurde über die korrekte Dosierung von Mitgefühl für Israelis und Palästinenser gestritten und darüber, wie man sich zum Gazakrieg positionieren solle. Boykotte von Autorinnen und Autoren führten 2024 zur Absage der PEN Literary Awards und des World Voices Festival. Wenig später trat die langjährige Geschäftsführerin Suzanne Nossel zurück – ihr war eine zu israelfreundliche Haltung vorgeworfen worden –, während Ex-Präsident Ayad Akhtar den Kurs der Organisation öffentlich verteidigte.Vergangene Woche ist auch der äthiopisch-amerikanische Schriftsteller Dinaw Mengestu nach nur sieben Monaten im Amt als Präsident zurückgetreten, und wieder ging es um kulturellen Boykott. Auslöser des Streits war ein PEN-Beitrag über die zunehmende Diskriminierung nicht nur israelischer, sondern jüdischer Autoren im Allgemeinen. Unter dem Titel „A Silent Moratorium“ berichten mehr als 30 Schriftsteller, Agenten, Lektoren und andere Beteiligte von wachsender Isolation im Literaturbetrieb. Der Beitrag ist auf der Website des PEN nachzulesen.„Ist dein Lieblingsautor Zionist???“Die Jerusalemer Literaturagentin Deborah Harris, die normalerweise fünf bis zehn Romane jährlich in die USA verkauft, erzählt, dass sie seit dem 7. Oktober keinen einzigen mehr verkauft hat. Von Lektoren sei sie gebeten worden, keine israelischen Autoren mehr vorzuschlagen. Eine im Internet kursierende Liste mit dem Titel „Ist dein Lieblingsautor ein Zionist???“ führt Autoren auf, die boykottiert werden sollen. Um dort zu erscheinen, reicht es schon, an bestimmten Literaturveranstaltungen teilgenommen zu haben, die aus Sicht der BDS-Bewegung boykottiert werden sollten. Auch, so der PEN-Beitrag, kann ein Israelbesuch oder die literarische Darstellung einer israelischen Romanfigur genügen, um dort gelistet zu werden. Ebenso sollte man tunlichst vermeiden, etwas so Verwerfliches wie Verständnis für „beide Seiten“ zu äußern, denn in der gehegten Logik der Eindeutigkeit reicht das, um der falschen Seite zugeschlagen zu werden.Der Autor Etgar Keret kann für sich sogar den „einzigartigen Status“ in Anspruch nehmen, sowohl im Ausland als auch in Israel boykottiert zu werden. Er hatte eine Petition unterschrieben, in der Israel aufgefordert wurde, die Zivilbevölkerung in Gaza nicht auszuhungern und unmoralische Befehle zu verweigern, woraufhin er in den Fokus der rechten israelischen Regierung geriet. Laut US-Autorin und Literaturvermittlerin Elissa Wald werden Autoren oft nicht wegen zionistischer Positionen boykottiert, ihnen werde vielmehr gesagt, es sei einfach nicht der richtige Zeitpunkt für ein jüdisches Buch.„The Freedom to Write“ lautet das Mission Statement von PEN America; man will Schriftsteller und Verbündete zusammenbringen, um Freiheiten zu verteidigen, die kreative Ausdrucksformen ermöglichen, heißt es darin. Damit könnte eigentlich schon alles gesagt sein – würde der Anspruch auf absolute Meinungsfreiheit nicht ständig sein eigenes Paradoxon aufführen und sich nicht ständig in Streitereien darüber, wer überhaupt noch sprechen darf, selbst karikieren.Verteidigung des BoykottsEx-Präsident Mengestu jedenfalls sah in dem Beitrag Schändliches, warf dem PEN vor, Boykott als Ausdruck politischer Meinungsfreiheit nicht ausreichend zu unterstützen und wertete den Bericht als einen Versuch, „verfassungsrechtlich geschützte Meinungsäußerungen zu unterdrücken“. Auf Instagram klagte er den PEN an, „die Unterdrückung durch Bigotterie und Gleichgültigkeit“ zu begünstigen. Dabei verurteilt der PEN nicht einmal die BDS-Bewegung. Man lehne kulturelle Boykotte zwar ab, erkenne sie aber als Form politischer Meinungsäußerung an, heißt es in der Einleitung zu „A Silent Moratorium“: „Wir verteidigen das Recht von Schriftstellern, dies zu tun, ohne Repressalien befürchten zu müssen.“ Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, dass auch palästinensische und propalästinensische Autoren weltweit Repressionen und Ausschlüssen ausgesetzt sind. Klingt so Bigotterie?„Was PEN America nicht versteht, ist, dass ein Boykott eine Form des Dialogs ist“, schrieb Mengestu. Immerhin hat er damit eine ganz neue Definition von Dialog geprägt: Gesprächsverweigerung als höchste Form des Austauschs. Das müsste nun nur noch jemand verstehen.