Friedemann Volgel/ EPADie Katastrophe im westdeutschen Ahrtal gilt als Jahrhundertflut. Seit Jahren arbeiten Politik und Behörden das Ereignis auf. Noch immer aber ist nicht alles geklärt.Eric Matt, Berlin14.07.2026, 17.23 Uhr4 LeseminutenDer 14. Juli 2021 geht als schwarzer Tag in die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ein. Nach zwei Tagen Dauerregen in den Bundesländern Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen steigt der Wasserpegel des sonst beschaulichen Flusses Ahr immer weiter, tritt über das Ufer und erfasst die umliegenden Dörfer.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die ländlichen Strassen im Ahrtal werden so zu reissenden Flüssen, aus weggeschwemmten Autos, Baumstämmen oder zerstörten Brückenteilen werden lebensbedrohliche Geschosse. Das eigene Zuhause wird zur Todeszone, Menschen ertrinken in Kellern und auf Dachböden.Tage vor der Katastrophe gab es mehrere WarnungenDurch das in der Region weitverbreitete, undurchlässige Schiefergestein werden die Wassermassen noch schneller und gefährlicher. In der Nacht auf den 15. Juli erreicht die Flut ihren Höhepunkt, am Ende kostet sie knapp zweihundert Menschen das Leben und richtet einen Schaden in Milliardenhöhe an.Doch die Katastrophe wäre zumindest in diesem Ausmass vermeidbar gewesen. So warnte das Europäische Flutwarnsystem (Efas) die deutschen Behörden bereits am 9. Juli vor einer «hohen Hochwasserwahrscheinlichkeit im Rheineinzugsgebiet». Am 12. Juli sprach der Deutsche Wetterdienst (DWD) von «heftigem Starkregen» in «den nächsten Tagen». Auch am Morgen des 14. Juli 2021 warnte der DWD vor «extremem Unwetter» und bat darum, vorsichtig zu sein.Passiert aber ist erst etwas, als die Katastrophe schon ihren Lauf nahm. Denn erst um 22 Uhr am 14. Juli rief der Landkreis Ahrweiler die Alarmstufe 5 aus und forderte mehrere Gemeinden auf, Wohnungen in einer Entfernung von fünfzig Metern um den Fluss zu evakuieren. Allein in diesem Landkreis kamen 136 Menschen ums Leben, weshalb der zuständige Landrat der fahrlässigen Tötung und Körperverletzung durch Unterlassen verdächtigt wurde.Die Zerstörung nach der Flutkatastrophe im Ahrtal war enorm.Friedemann Vogel / EPADie Aufräumarbeiten, hier 2021, dauern teilweise noch immer an.Friedemann Vogel / EPAZwar stellte die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen letztlich ein, doch der Schaden blieb. In den Wochen nach der Katastrophe waren mehr als 20 000 Hilfskräfte im Einsatz, hinzu kamen Tausende Freiwillige. Besonders betroffen waren Dörfer und kleinere Städte in Rheinland-Pfalz wie etwa Bad Neuenahr-Ahrweiler, Schuld oder Altenahr. Aber auch im angrenzenden Bundesland Nordrhein-Westfalen starben 49 Menschen.Im Zuge der Aufarbeitung der Flutkatastrophe mussten die damalige Grünen-Umweltministerin von Rheinland-Pfalz, Anne Spiegel, sowie der für den Katastrophenschutz zuständige sozialdemokratische Innenminister Roger Lewentz zurücktreten. Zudem setzten die Landesparlamente von Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen einen jeweils eigenen Untersuchungsausschuss ein.Anlässlich des tragischen Jahrestages reiste am Dienstag Deutschlands Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier für Gedenkveranstaltungen ins Ahrtal. Auch der christlichdemokratische Kanzler Friedrich Merz wurde erwartet. Steinmeier sagte bei seinem Besuch, der Ort sei nicht nur ein Ort der Zerstörung, sondern auch des Wiederaufbaus. «Ein Ort, der für Solidarität steht, für Würde. Ich glaube inzwischen auch für Stolz.»Doch nicht alle sehen die Aufarbeitung derart positiv. Jan Köstering ist Sprecher für Katastrophenschutz der Linken im Bundestag und sagt, es habe sich gezeigt, «dass weder das Gesundheitsministerium noch das Innenministerium in der Lage sind, schnell und angemessen auf Krisensituationen zu reagieren». Köstering ist der Meinung, ein «Ahrtal 2.0 wäre heute genauso möglich und wird durch die Klimakrise sogar noch häufiger vorkommen».Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gedenkt der Opfer der Jahrhundertflut.Boris Roessler / DPADie Ausstellung des Kreises Ahrweiler zeigt fünf Jahre nach der Flutkatastrophe Porträts von Überlebenden.Marc John / ImagoNur ein Bruchteil der Hilfsgelder wurde beantragtStimmt das, oder hat Deutschland aus dem Ereignis gelernt? Jörn Birkmann ist Professor an der Universität Stuttgart und entwickelt Strategien zum Schutz vor Extremwetter und Naturkatastrophen. Zudem ist er Sprecher des Forschungsprojekts «Klima-Anpassung, Hochwasser, Resilienz» (Kahr), das vom Forschungsministerium gefördert wird und die Tragödie aufarbeiten soll. Im Gespräch mit der NZZ sagt Birkmann, dass auch für ihn die «Wucht und die Höhe der Ahrtalflut überraschend war». Er habe sich zuvor nicht vorstellen können, dass in einem Industriestaat wie Deutschland wegen eines Hochwassers knapp zweihundert Menschen sterben könnten. Heute sei man jedoch «deutlich besser auf derartige Katastrophen vorbereitet».So hat das Kahr-Konsortium zehn Empfehlungen erarbeitet, damit Dörfer und Städte in Zukunft besser geschützt sind. Dazu gehört unter anderem, Frühwarnsysteme auszubauen und kritische Infrastruktur besser abzusichern. Zudem sei es essenziell, dass «klimaresilientes Bauen» fest verankert werde. Eine weitere zentrale Empfehlung behandelt die Gefahr von Brücken: Diese sollten so gebaut werden, dass sie zwar den Wassermassen standhalten, gleichzeitig aber nicht wie Staudämme wirken. Laut den Kahr-Empfehlungen wurden in einigen Gebieten fünfzig Prozent der Brücken zerstört oder beschädigt.Jörn Birkmann.PDPositiv sei, sagt Birkmann, dass sich in den von der Katastrophe betroffenen Dörfern vor allem die Baustandards der Häuser verbessert hätten. Dazu gehöre etwa, dass Feuerwehrhäuser nun auf Stelzen gebaut würden, damit diese in Zukunft auch besonders schweren Fluten standhalten. Zudem versuche der Landkreis Ahrweiler, kritische Infrastruktur wie Kommunikationszentren oder Elektrizitätsversorgungsbetriebe und besonders zu schützende Einrichtungen wie Spitäler oder Schulen aus dem Hochrisikogebiet umzusiedeln. Das seien wichtige Neuerungen, sagt Birkmann.Problematisch aber sei, dass viele Privathäuser auf demselben Grundstück und somit erneut in der Gefahrenzone aufgebaut wurden. Das habe zum einen daran gelegen, dass die Bewohnerinnen und Bewohner nicht umziehen wollten. Zum anderen seien aber baurechtliche Hürden entscheidend gewesen: Gesetze hätten verhindert, dass Betroffene ihr Haus unkompliziert zweihundert Meter weiter entfernt von der Ahr hätten aufbauen können. «Bei kontroversen Themen wie der Umsiedlung ist der politische Wille mitunter gering», sagt Birkmann.Eine Luftaufnahme zeigt die Arbeiten zum Wiederaufbau der Grundschule in Altenburg.Thomsa Frei / DPAArbeiten zur Gewässerrenaturierung bei Kreuzberg in Rheinland-Pfalz.Thomsa Frei / DPABemerkenswert ist auch, dass trotz dem Milliardenschaden bislang nur rund ein Fünftel der Hilfsgelder ausgezahlt wurde. So wurden 6,2 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen «Aufbauhilfe 2021» ausgezahlt, obwohl der deutsche Staat 2021 bis zu 30 Milliarden Euro bereitgestellt hatte. Laut Birkmann liegt dies daran, dass die kleinen Kommunen mit wenigen Tausend Einwohnern überfordert waren. «Die Gemeindeverwaltungen in der Region haben teilweise weniger als zehn Mitarbeiter insgesamt, zudem waren deren Gebäude mitunter zerstört. Sie schafften es schlicht nicht, die komplexen Anträge zu stellen.»Auch 2026 ist die Jahrhundertflut also noch nicht vollends bewältigt. Das Ahrtal schwankt weiterhin zwischen Trauer, Hoffnung und dem mühsamen Wiederaufbau.Passend zum Artikel