Herr Schüttrumpf, vor fünf Jahren suchte ein verheerendes Hochwasser das Ahrtal und andere Regionen heim, mindestens 188 Menschen kamen in der Katastrophennacht ums Leben. Was weiß man heute über die konkreten Ursachen, die das Ereignis so zerstörerisch machten?Zunächst einmal handelte es sich um ein extremes Niederschlagsereignis mit mehr als 150 Millimetern Regen in 24 Stunden. Mit diesen gewaltigen Wassermengen waren die Flüsse und die gesamte wasserwirtschaftliche Infrastruktur schlicht überfordert. Diese Wassermassen lagen außerhalb unseres Erfahrungshorizonts. Natürlich gab es historische Ereignisse ähnlicher Größenordnung – im Ahrtal etwa 1804 und 1910. Aber wir neigen zu Hochwasserdemenz, wir vergessen. Und so wurden wir vor fünf Jahren vor Herausforderungen gestellt, auf die niemand vorbereitet war.Experten sind sich einig, dass solche Extremwetterlagen durch den Klimawandel wahrscheinlicher werden. Ist Deutschland heute besser vorbereitet?Beim Thema Frühwarnung sind wir deutlich weitergekommen. Cell Broadcasting, wenn also Warnungen direkt aufs Handy geschickt werden, dazu der jährliche Warntag, die breite Einführung von Apps wie Nina oder Katwarn: Das sind alles direkte Konsequenzen aus dem Hochwasser von 2021. Und das ist wichtig, denn Frühwarnung schützt Menschenleben, weil wir sie rechtzeitig aus gefährdeten Gebieten herausholen können.Aber?Bei den baulichen Hochwasserschutzmaßnahmen sind wir bislang nicht weit genug.Was ist der Stand bei diesen Maßnahmen?In Nordrhein-Westfalen ist man weiter, weil es dort mit den sondergesetzlichen Wasserverbänden leistungsfähige Organisationen gibt. Es gibt bereits Genehmigungen und weitreichende Planungen an Rur, Inde und Erft, um den Hochwasserrückhalt in den engen Mittelgebirgstälern zu verbessern. In Rheinland-Pfalz sieht das anders aus, obwohl auch dort Planungen für 18 Rückhaltebecken an der Ahr laufen. Aber entscheidend ist: Kein einziges dieser Becken ist bislang im Bau, weder in Nordrhein-Westfalen noch in Rheinland-Pfalz.Wenn es heute zu einem ähnlichen Starkregenereignis käme, wie sähen die Folgen aus?Ganz ähnlich wie 2021, zumindest was die Überflutungsflächen angeht.Woran liegt diese Langsamkeit?Im Wesentlichen an unseren Genehmigungsverfahren, die viele Jahre, teilweise Jahrzehnte dauern. Wir müssen mit der Realisierung der Schutzmaßnahmen schneller sein als das nächste Hochwasser. Und angesichts des Klimawandels dürfen wir nicht mehr davon ausgehen, dass ein vergleichbares Ereignis erst in hundert Jahren wiederkehrt – es könnte in fünfzig, sechzig Jahren sein. Oder früher. Ein mahnendes Beispiel ist die Elbe: 2002 und 2013 gab es dort schwere Hochwasser, und jedes Mal wurden dieselben Gebiete geflutet.Sie sprechen von Maßnahmen, die in den 2021 überfluteten Gebieten getroffen werden. Wie sieht es im Rest des Landes aus? Mein Eindruck ist, dass das außerhalb der direkt betroffenen Gebiete bisher nicht in ausreichendem Maße geschieht. Es fehlt das Bewusstsein für die mögliche Gefährdung – und teilweise auch an der Akzeptanz für die notwendigen Maßnahmen. Es gibt 33 Mittelgebirgsregionen in Deutschland, in jeder davon könnte sich ein Ereignis wie 2021 wiederholen. Alle müssten jetzt prüfen: Könnte es uns treffen? Was wären die Folgen von 150 Millimetern Niederschlag in 24 Stunden bei uns? Wie müssen wir uns schützen? Das betrifft Wasserrückhalt in der Landschaft, Raum für den Fluss und Objektschutz.Es fehlt das Bewusstsein für die mögliche Gefährdung – und teilweise auch an der Akzeptanz für die notwendigen Maßnahmen.Hochwasserexperte Holger Schüttrumpf sieht Deutschland weiter unzureichend vorbereitetBundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) hat kürzlich ein Paket von zehn Milliarden Euro für die Modernisierung des Zivil- und Katastrophenschutzes angekündigt. Wie bewerten Sie das?In meiner Arbeit geht es primär darum, dass ein solches Ereignis gar nicht erst in dieser Wucht eintritt. Katastrophenschutz greift, wenn es passiert ist. In beiden Bereichen gibt es großen Nachholbedarf. Der Katastrophenschutz ist in den vergangenen Jahrzehnten sträflich vernachlässigt worden. Und wir erkennen erst jetzt, wie verwundbar wir gegenüber verschiedensten Gefahren sind.Was muss sich zwingend ändern, um solche Katastrophen in Zukunft zu verhindern?Wir benötigen schnellere Genehmigungsverfahren und eine klare politische Priorisierung. Jede Maßnahme, die nur auf dem Papier existiert, schützt niemanden. Hochwasserschutz ist Menschenschutz. Gegen einen Wasserstand von zehn Metern, wie wir ihn im Ahrtal hatten, kann man sich nicht schützen, wenn die Infrastruktur nicht vorhanden ist. Wir dürfen nicht Jahrzehnte warten.
Was hat Deutschland aus der Ahrtal-Flut gelernt?: „Wenn sich 2021 heute wiederholen würde, wären die Folgen ähnlich“
Zerstörte Landstriche, fast 200 Tote: Vor fünf Jahren übertraf die Flutkatastrophe im Ahrtal und Umgebung alles Vorstellbare. Doch wäre das Land heute besser vorbereitet? Der Experte Holger Schüttrumpf ist skeptisch.










