Ich habe Spiegel und Zeit gelesen, seit ich eine junge Journalistin war, was schon eine Weile her ist. Sie waren links-liberale Blätter, deren Integrität sich in vielen Investigativ-Recherchen, Scoops und Meinungsartikeln widerspiegelte. Für mich als Ostdeutsche, die dem Totalitarismus und der Muffigkeit der DDR durch Flucht in den Westen entkam, waren sie journalistische Leitsterne: unabhängig, intellektuell, neugierig und unbequem. Vor allem aber bereit, sich mit jeder Macht anzulegen, egal aus welcher politischen Richtung sie kam. Ich war der Meinung, dort saß ein Journalismus, wie er sein sollte: den Tatsachen und nicht der eigenen Gesinnung verpfichtet.

Ein Weltbild, das ohne jeden Selbstzweifel auskommt

Das hat sich geändert, schleichend. Und ich bin immer mehr aus meiner Liebe zu diesen Medien herausgefallen. Es gibt immer noch vieles, was ich gern lese, aber um politische Artikel und Kommentare mache ich seit ungefähr zehn Jahren einen Bogen. Ich bin – gerade, weil ostsozialisiert – hochgradig allergisch gegen eine Haltungsforderung, die dort immer inflationärer auftaucht und die nach meinem Befinden im Journalismus, wie ich ihn schätze, nichts zu suchen hat. Auch die fortwährende Bestätigung des eigenen links-grünen Weltbildes, das so ohne jeden Selbstzweifel auskommt, macht mich fertig. Ich selbst war lange SPD-Wähler, bis die Partei sich der Identitätspolitik verschrieb. Politisch fühle ich mich inzwischen heimatlos.