PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungGeschichtspolitikAuferstanden aus Ruinen – die DDR-Nostalgie der AfDVon Hubertus KnabeStand: 18:16 UhrLesedauer: 5 MinutenHubertus Knabe war Direktor der Stasi-Gedenkstätte Berlin-HohenschönhausenQuelle: Martin U. K. Lengemann/WELT; Montage: Infografik WELT/anna wagnerLange Zeit hatte es den Anschein, als wolle die AfD mit der sozialistischen Diktatur in der DDR nichts zu tun haben. Das hat sich geändert. Auch mit Stasi-Vergangenheit kann man in der Partei Karriere machen.Die Szene war durchaus symptomatisch: Als am Dienstagabend nach einer Podiumsdiskussion der AfD feierlich die Nationalhymne der Bundesrepublik gesungen werden sollte, stimmte der Kabarettist Uwe Steimle plötzlich die DDR-Hymne an. Nicht nur der Saal, sondern auch AfD-Chef Tino Chrupalla und der sachsen-anhaltische Spitzenkandidat Ulrich Siegmund sangen lächelnd mit.Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, trägt die AfD seit einiger Zeit eine bemerkenswerte DDR-Nähe zur Schau. Allein die Tatsache, dass sie Steimle nach Dessau-Roßlau einlud, ist erstaunlich. Denn dieser ist dafür bekannt, dass er seit Jahren die Diktatur der SED beschönigt. Lange Zeit war er bekennender Anhänger der PDS und der Linken. 2009 schickte ihn die Linkspartei sogar in die Bundesversammlung, wo er für deren Präsidentschaftskandidaten Peter Sodann stimmte.Inzwischen gilt Steimle als Frontmann der AfD. Wiederholt trat er an der Seite von Parteichef Chrupalla auf, den er öffentlich als „Freund“ bezeichnete. Seine antiwestliche Attitüde passt gut zur prorussischen Haltung der Partei. Er ist der lebende Beweis für die Richtigkeit der Hufeisentheorie, nach der linke und rechte Extremisten sich näher sind als vielfach angenommen.Der Eklat in Sachsen-Anhalt ist nicht der erste Hinweis auf Sympathien der AfD für die DDR. Bereits 2014 lobte der damalige Parteivorsitzende in Brandenburg, Alexander Gauland, in einem Brief an potenzielle Linken-Wähler die Kinderbetreuung im Sozialismus. Zugleich sprach er sich gegen die „amerikanische Dominanz“ in Deutschland und die Sanktionen gegenüber Russland aus.Lesen Sie auchVorübergehend schien es, als habe sich die AfD von jeder Art DDR-Nostalgie verabschiedet. In den Landtagswahlkampf in Sachsen, Brandenburg und Thüringen zog sie 2019 mit dem Slogan „Vollende die Wende“. Die Bundesrepublik wurde nun regelmäßig als „DDR 2.0“ geschmäht. Parteichefin Alice Weidel bezeichnete die Mitarbeiter des Verfassungsschutzes sogar als „schmierige Stasi-Spitzel“.Lesen Sie auchHinter den Kulissen zeichnete sich allerdings eine andere Entwicklung ab. Mit den Wahlerfolgen der AfD zog eine wachsende Zahl ehemaliger Stasi-Mitarbeiter in die Parlamente ein. Entgegen der zur Schau getragenen Rhetorik waren etliche Parteifunktionäre früher selbst Teil des DDR-Überwachungsstaates.Der parlamentarische Geschäftsführer im Deutschen Bundestag, Enrico Komning, verpflichtete sich zum Beispiel noch im Revolutionsjahr 1989 für das Wachregiment der Stasi. Auch die brandenburgischen Landtagsabgeordneten Falk Janke und Peter Drenske gehörten der Truppe an. Die Soldaten bewachten unter anderem die Gefängnisse der Stasi und waren darauf trainiert, Unruhen niederzuschlagen.Auf der Gehaltsliste der StasiMit Dieter Laudenbach sitzt im thüringischen Landtag auch ein ehemaliger Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi. Als Führungskraft im Interhotel Gera gab er etliche Informationen über seine Mitarbeiter weiter. Als Informant betätigte sich auch der brandenburgische Abgeordnete Jean-René Adam, der für die DDR-Kriminalpolizei Jugendliche und Kollegen ausspionierte. Später verpflichtete er sich bei der DDR-Bereitschaftspolizei als Berufsunteroffizier, eine Einheit, die 1989 brutal gegen SED-kritische Demonstranten vorging.Bei der kommenden Landtagswahl in Sachsen-Anhalt schickt die AfD sogar einen ehemaligen hauptamtlichen Stasi-Mitarbeiter ins Rennen. Frank-Ronald Bischoff arbeitete einst als Offizier im besonderen Einsatz im Rat der Stadt Halberstadt. Bischoff bestritt seine Stasi-Tätigkeit zunächst, bis Journalisten ihn auf der Gehaltsliste des Geheimdienstes entdeckten.Die AfD hat sich in allen diesen Fällen hinter die ehemaligen DDR-Kader gestellt. Als 2016 bekannt wurde, dass auch der damalige Landtagsabgeordnete Detlev Spangenberg als Informant tätig war, schickte ihn die Partei bei den nächsten Wahlen demonstrativ in den Bundestag. Und als eine Kommission in Brandenburg kürzlich die Spitzeltätigkeit von Adam aufdeckte, sprang ihm Fraktionschef Hans-Christoph Berndt sogleich zur Seite: Bei seinen Denunziationen habe Adam „nicht in dem Bewusstsein gehandelt, Mitarbeiter der Stasi zu sein“.Dass die AfD nahtlos an die SED-Ideologie anknüpft, zeigte jüngst auch der thüringische Partei- und Fraktionschef Björn Höcke. In einem Podcast bezeichnete er Westdeutsche als „deutschsprechende Amerikaner“, während die Menschen im Osten „noch Deutsche“ seien. Ähnlich agitierte einst die DDR-Führung, die den „US-Imperialisten“ jahrelang die Zerstörung der nationalen Kultur in Westdeutschland vorwarf.Lesen Sie auchDie AfD übernimmt damit im Osten mehr und mehr die Rolle der Linkspartei. Jahrelang war sie es, die den Unmut der Ostdeutschen anstachelte und gegen den Westen agitierte. Bei den Landtagswahlen in Thüringen, Sachsen-Anhalt oder Sachsen fuhr sie damit Wahlergebnisse von deutlich über 20 Prozent ein. Großzügig sah die Partei dabei auch über die Stasi-Verstrickungen diverser Abgeordneter hinweg.Trotz aller DDR-Beschönigung versuchte die Linke zugleich, sich verbal vom Regime der SED abzugrenzen. Dasselbe Vorgehen findet sich heute auch bei der AfD. Erst in der vergangenen Woche lud die AfD – als einzige Bundestagsfraktion – zu einer Veranstaltung zum 65. Jahrestag des Mauerbaus ein. Wie auf anderen Gebieten auch füllt die Partei das Vakuum, das die anderen Parteien beim Thema DDR hinterlassen. So macht sie sich auch für die Opfer der SED-Diktatur anschlussfähig.Dass Chrupalla und Siegmund in Sachsen-Anhalt die DDR-Hymne singen, dürfte bei denen, die dem SED-Regime kritisch gegenüberstehen, allerdings weniger gut ankommen. Es macht – genauso wie die Russland-Politik der AfD – den zur Schau getragenen Patriotismus der AfD wenig glaubwürdig. Parteianhänger behaupteten deshalb im Anschluss, die Hymne sei 1989 massenhaft von SED-kritischen Demonstranten gesungen worden. Doch das ist falsch. Lediglich die allgemeinen Worte „Deutschland, einig Vaterland“ tauchten damals in Sprechchören und Transparenten auf. Pikant wird der Vorfall noch durch etwas anderes. In ihrem Wahlprogramm für Sachsen-Anhalt fordert die AfD, die bundesdeutsche Hymne zum Teil des Schulalltags zu machen: „Weiterhin werden wir das gemeinsame Singen der Nationalhymne im Kreise der gesamten Schüler- und Lehrerschaft als festen Bestandteil von Feierlichkeiten im Umfeld der Schule etablieren.“Hubertus Knabe arbeitet als Historiker an der Universität Würzburg. Er ist Autor des kürzlich erschienenen Buches „Die Täter sind unter uns. Über das Schönreden der SED-Diktatur“ (Langen Müller).
Geschichtspolitik: Auferstanden aus Ruinen – die DDR-Nostalgie der AfD - WELT
Lange Zeit hatte es den Anschein, als wolle die AfD mit der sozialistischen Diktatur in der DDR nichts zu tun haben. Das hat sich geändert. Auch mit Stasi-Vergangenheit kann man in der Partei Karriere machen.








