Eine Sendeminute kann mehr über den Zustand des deutschen Journalismus aussagen als jede Medienstudie. Eine solche Minute lieferte der gestern der „Sonntags-Stammtisch“ im Bayerischen Rundfunk.

Anja Kohl, Wirtschaftsjournalistin des Hessischen Rundfunks und einem breiten ARD-Publikum vertraut, wählte als ihren „Ärger der Woche“ die Angriffe auf Journalisten am Rande des AfD-Parteitags in Erfurt. So weit, so richtig. Denn ja: Journalisten in diesem Land müssen geschützt werden.

Nur: Kohls Empörung richtete sich nicht gegen die Täter, sondern gegen die AfD. Diese habe es „nicht geschafft, sich öffentlich davon zu distanzieren oder überhaupt dazu Stellung zu nehmen“. Ein bemerkenswerter Satz. Denn er ist schlicht falsch.

Der Sitzungsleiter des AfD-Parteitags, Krzysztof Walczak, hatte die Delegierten bereits am Samstagmittag auf die Vorfälle hingewiesen. Drei Reporter des Berliner Portals Apollo News seien, so Walczak wörtlich, von Linksextremisten „gejagt und zusammengeschlagen“ worden.

Sein Fazit vom Rednerpult: Der Angriff müsse „mit aller Schärfe und Konsequenz aufgeklärt und bestraft werden“. Deutlicher geht es kaum. Offenbar war Kohl falsch informiert. Weder sie noch die anderen Teilnehmer der Gesprächsrunde noch der Sender stellten während der laufenden Sendung klar, dass die Gewalt eindeutig aus dem Spektrum linker Gegendemonstranten kam.Ein BR-Sprecher nahm am Montag den Sender auf Nachfrage zunächst selbst in Schutz: „Der Bayerische Rundfunk hat ausführlich und differenziert über den AfD-Bundesparteitag in Erfurt berichtet.“ Zum Auftritt von Anja Kohl hieß es, diese habe sich als freie Journalistin innerhalb der Meinungsrubrik „Freude und Ärger der Woche“ geäußert. „Aus Sicht der Redaktion wäre es durchaus lohnenswert gewesen, über die Proteste und den Umgang damit in der Sendung zu diskutieren. Dafür fehlte am Ende der Sendung leider die Zeit.“Abschließend hieß es: „Angriffe auf Journalistinnen und Journalisten verurteilen der BR und auch Anja Kohl entschieden – egal von welcher Seite.“