PfadnavigationHomeGeschichteKarthago vs. RomWie Hannibals Elefanten die Alpen überwinden konntenStand: 09:02 UhrLesedauer: 6 MinutenMit 46.000 Soldaten, 8000 Pferden und 37 Elefanten wagte Hannibal im Herbst 218 v. Chr. den Übergang über die AlpenQuelle: picture-alliance/Mary Evans/Raymond Sheppard CollDie Frage, auf welcher Route der Karthager Hannibal 218 v. Chr. mit seinem Heer die Alpen überquerte, hat zahlreiche Antworten provoziert. Eine verblüffende Energie-Analyse macht einen abgelegenen, fast 3000 Meter hohen Pass wahrscheinlich.Die Alpenüberquerung, mit der der karthagische Feldherr Hannibal im Herbst des Jahres 218 v. Chr. die Römer überraschte, zählt zu den großen militärischen Leistungen der Antike. Allerdings wäre sie beinahe gescheitert. Denn der römische General Publius Cornelius Scipio war kurz zuvor mit seinem Heer bei Massilia (Marseille) gelandet, seine Aufklärung geriet sogar in ein Gefecht mit dem Gegner. Aber nachdem er die Rhône überschritten hatte, verschwand Hannibal. Scipio verzichtete auf eine Verfolgung, weil er davon ausging, dass niemand es wagen würde, kurz vor dem Winter mit einem Heer die Alpen zu überqueren.Welchen Weg die Karthager wählten, haben Generationen von Wissenschaftlern und Hobbyarchäologen zu entschlüsseln versucht. Unter den 20 vorgeschlagenen Routen galt lange der 2488 Meter hohe Col de Clapier über das Mont-Cenis-Bergmassiv als Favorit. Doch in jüngster Zeit mehren sich die Indizien, dass die etwa 46.000 Soldaten, 8000 Pferde und 37 Elefanten über den 2950 Meter hohen Col de la Traversette zogen. Eine neue Studie, die Emilio Berti von der Universität Jena und Fritz Vollrath von der Universität Oxford jetzt im Fachjournal „PNAS“ vorlegen, unterstützt diese Theorie mit verblüffenden Argumenten.Die beiden Biologen berechneten den Energiebedarf für Männer und Tiere auf verschiedenen Routen, die vom heutigen Frankreich aus über die Alpen in die Po-Ebene führen. Das war eine entscheidende Frage der Logistik. Denn im Hochgebirge fehlte es zum einen an ausreichenden Nahrungsquellen, zum anderen wurden die Truppen wiederholt von Bergstämmen attackiert. „Viele Diskussionen über Hannibals Alpenüberquerung lassen die biologischen Bedürfnisse von Mensch und Tier außer Acht“, argumentieren die Forscher. „Zwar hätten die Männer – und vielleicht auch die Pferde – jeweils ihre eigenen Vorräte tragen können, doch für die bis zu drei Tonnen schweren Elefanten wäre dies unmöglich gewesen.“ Pro Tag benötigt ein ausgewachsener Elefant bis zu 200 Kilogramm Nahrung. In freier Wildbahn sind die Dickhäuter rund 14 Stunden täglich mit der Nahrungssuche beschäftigt – allein um ihr Körpergewicht zu halten. Auf Basis früherer Arbeiten rekonstruierte das Team vier mögliche Routen, darunter die über Col de Clapier und Col de la Traversette. „Unsere Analysen des Energiebedarfs legen nahe, dass der Col de la Traversette die kürzeste und energieeffizienteste Route gewesen wäre, mit einem Aufwand für die gesamte Armee von 5,42 Terajoule“, resümieren die Wissenschaftler. Über 15 Tage hinweg hätte das Heer auf dieser Strecke etwa 232 Tonnen an Nahrungsmitteln und Vorräten verbraucht.Lesen Sie auchFür Col de Clapier wurde dagegen ein Gesamtverbrauch von 6,28 Terajoule errechnet – rund 16 Prozent mehr als für den Col de la Traversette. Und selbst bei der günstigsten Route: Um ihr Körpergewicht zu halten und den Tagesbedarf zu decken, hätten die Elefanten täglich bis zu fünf oder sechs Stunden nahezu ununterbrochen fressen müssen – eine unrealistische Annahme. Stattdessen gehen die Forscher davon aus, dass Menschen und Tiere während des Marsches auf ihre Energiereserven zurückgriffen. Den Berechnungen zufolge verloren die Soldaten auf der Traversette-Route etwa 19 Prozent ihrer Körperfettreserven, Pferde rund elf Prozent und Elefanten etwa vier Prozent.Lesen Sie auchDass Hannibal den höheren und schwieriger zu bewältigenden Col de la Traversette an der französisch-italienischen Grenze südöstlich von Grenoble für seinen Überraschungs-Coup wählte, macht auch ein Fund wahrscheinlich, den ein Team um den Geologen Bill Mahaney 2016 publik machte. An einem kleinen See am Rand des Passes fanden die Forscher eine große Menge uralter Kotreste, möglicherweise von Pferden, die sie auf etwa 200 v. Chr. datierten. Der Ort sei eine der wenigen Stellen in der Gegend, die zum Tränken großer Tiergruppen benutzt werden konnten, argumentierten die Wissenschaftler. Auch die schriftliche Überlieferung würde zum Col de la Traversette passen. So berichtet der griechische Historiker Polybios, der zum Kreis der Scipionen-Familie gehörte, dass Hannibal die Passhöhe vom östlichen Ufer der Rhône aus innerhalb von neun Tagen erreichte. Auf der Höhe selbst gab es einigermaßen Platz für ein Heerlager. Und von dort konnte Hannibal die Stimmung seiner Leute aufmuntern, indem er ihnen „die Ebene um den Padus (Po) zeigte … und sogar die Lage von Rom selbst“. Dieser offene Blick in die Po-Ebene gilt daher als wichtiges Kriterium für die Lokalisierung des Passes. Der Abstieg selbst soll drei Tage in Anspruch genommen haben. Vom Col de la Traversette bietet sich tatsächlich dieser weite Blick in die Ebene. Auch die angenommene Marschdauer dürfte einigermaßen mit den geografischen Bedingungen übereinstimmen.Lesen Sie auchSeine Verluste – etwa 10.000 Mann sollen den Strapazen und Kämpfen mit den Alpenstämmen erlegen sein – konnte Hannibal ausgleichen, indem er die Kelten zum Krieg gegen Rom aufrief. Nachdem seine Reiter eine römische Truppe im November am Tessin aus dem Feld geschlagen hatten, traf Hannibal im Dezember am Po-Nebenfluss Trebia (Trebbia) auf das Heer des Konsuls Tiberius Sempronius Longus. Der wartete nicht auf die Verstärkung durch Scipio, sondern wollte den Ruhm des Sieges allein einstreichen. Obwohl deutlich in der Überzahl, erlitt er eine schwere Niederlage, woran die Elefanten – von denen das Gros also die Alpenüberquerung überlebt hatte – und ein Schneesturm entscheidenden Anteil hatten.In den Schlachten der Jahre 217 und 216 v. Chr., in denen Hannibal mehrere römische Heere vernichtete, spielten die Dickhäuter jedoch keine Rolle mehr. Anders als die Menschen fanden sie im Winter 218/17 nicht genug Nahrung, um ihre Körperreserven wieder aufzufüllen, vermuten Berti und Vollrath. Nur Surus, Hannibals persönlicher Elefant, wird in den Quellen noch erwähnt.Kriegsentscheidend waren die Verluste wohl nicht. Schon an der Trebia hätten sich die Elefanten „in ihrer Wut und Verwirrung fast auf die eigenen Truppen gestürzt“, berichtet der römische Historiker Livius. Schließlich aber attackierten sie die fliehenden Römer an dem vom Regen reißend gewordenen Fluss und verbreiteten Panik und Entsetzen, ergänzt Polybios. Als Hannibal 202 bei Zama im heutigen Tunesien in die entscheidende Schlacht gegen Scipios gleichnamigen Sohn zog, hatte er 80 Elefanten dabei. „Da aber nun von überall die Hörner und Trompeten schmetterten, wurden einige der Tiere kopfscheu, kehrten um und warfen sich auf die numidischen Hilfstruppen der Karthager. Die übrigen Tiere trafen in dem Raum zwischen den beiden Schlachtreihen auf die Velites (leichte Truppen der Römer) und hatten von diesen ebenso viel zu leiden, wie sie selbst Schaden anrichteten“, schreibt Polybios. Hannibal verlor die Schlacht und Karthago den Zweiten Punischen Krieg.Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Archäologie zu seinem Arbeitsgebiet.mit dpa
Antike: Wo Hannibals Elefanten in den Alpen etwas zu fressen fanden - WELT
Die Frage, auf welcher Route der Karthager Hannibal 218 v. Chr. mit seinem Heer die Alpen überquerte, hat zahlreiche Antworten provoziert. Eine verblüffende Energie-Analyse macht einen abgelegenen, fast 3000 Meter hohen Pass wahrscheinlich.








