KommentarDie linken Städte betreiben Alibipolitik gegen die Wohnungsknappheit: Die Agglomerationen beweisen, wie man das Problem wirklich löstZwischen Aktionsplänen und Vernehmlassungen verliert die Schweiz aus dem Blick, was wirklich hilft: mehr Verdichtung, weniger Bürokratie und klare Prioritäten. Leider bewirtschaften immer noch zu viele Akteure lieber die Knappheit, statt Reformen anzustossen.13.07.2026, 05.35 Uhr6 LeseminutenGlasi-Quartier in Bülach: eine hohe Ausnützung, vorwiegend sechs Stockwerke, mit direktem Bahnanschluss.Roman Keller / Steiner AGWer heute in einer Schweizer Stadt eine Mietwohnung sucht, kennt das Ritual. Selbst im teureren Segment, bei 3000 oder 4000 Franken Monatsmiete, bewerben sich über hundert Interessenten auf ein und dieselbe Wohnung. An der Besichtigung drängen sie sich durch denselben engen Korridor – die einen in Turnschuhen, die anderen im Anzug, um seriös zu wirken. Am Ende erhält oft doch ein anderer den begehrten Vertrag, aus Gründen, die selten offenliegen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In Zürich oder Genf liegt die Leerwohnungsziffer im Promillebereich, die Mieten für neue Verträge steigen unaufhörlich, während die vielen Bestandesmieter noch Jahre in ihren günstigen Altbauwohnungen sitzen bleiben. Wer umzieht, weil er die Stelle wechselt oder die Familie grösser wird, zahlt einen Aufschlag, der oft 40 oder 50 Prozent über der bisherigen Miete liegt.Und wehe, wenn ein Investor in diesem aufgeheizten Klima einen Altbau durch ein neues fünfgeschossiges Mehrfamilienhaus oder gar ein Hochhaus ersetzen will. Binnen Wochen formiert sich eine Koalition aus besorgten Nachbarn, Quartiervereinen und Heimatschutz, die im Namen von Zahlbarkeit, Schattenwurf und Ortsbild so lange kämpft, bis der Investor entnervt aufgibt.Und die bittere Ironie dabei: Kaum jemand hat ein Interesse, die Probleme anzugehen. Bestehende Mieter profitieren von eingefrorenen Mietzinsen und die Eigentümer von der noch nie da gewesenen Wertsteigerung ihrer raren Grundstücke. Die Behörden organisieren runde Tische und geben Gutachten in Auftrag, während die Verbände Positionspapiere anhäufen.Wer Tatkraft inszeniert, aber wenig zur Angebotserweiterung beiträgt, fährt seit Jahren gut damit. Mit der Wohnungsknappheit lässt sich trefflich politisieren: Der Schein des Handelns genügt bereits, um die nächste Wiederwahl zu sichern. Das Problem selbst zu lösen und Reformen anzugehen, ist da vielen schon viel zu riskant.Verlierer sind auf diesem blockierten Wohnungsmarkt immer die Outsider, die noch keine Wohnung haben und logischerweise auch nicht abstimmen können.Die naheliegendste LösungDass es anders geht, zeigen einige Agglomerationsgemeinden eindrücklich. Wo einst Industrieareale brachlagen, liessen sich in kurzer Zeit ganze Stadtteile mit Hochhäusern von sechzig, achtzig, teilweise über hundert Metern realisieren – inklusive Schulen, Läden und guter ÖV-Anbindung. Der Trick war simpel: Gemeinden wie Dübendorf oder Bülach definierten frühzeitig und verbindlich, wo und wie hoch gebaut werden darf.Statt Investoren mit stets neuen Anforderungen zu drangsalieren, täten Gemeinden besser daran, gezielt gute Verdichtungsprojekte zu fördern. Schlieren und andere Agglomerationsgemeinden machen das seit Jahren vor. Diese Rechtssicherheit gibt Investoren den Mut, Hunderte Millionen Franken zu investieren.Ähnlich pragmatisch ging man in Regionen rund um Lausanne vor: Mehrere Gemeinden planten dort über die eigenen Grenzen hinweg gemeinsam, anstatt es beim eigenen Gärtchen bewenden zu lassen. In allen Fällen spielte eine politische Führung eine wesentliche Rolle, oft auch die Bereitschaft, über Parteigrenzen hinweg zusammenzuarbeiten. Solche Projekte beweisen: Verdichtung scheitert nicht am Willen von Investoren, sondern schlicht an mutlosen, politisch passiven Exekutiven.Die Agglomerationen, einst wegen ihres Siedlungsbreis belächelt, haben die Bewohnerdichte in den Bauzonen markant gesteigert – nicht die Zentren. Städte wie Bern, Luzern oder St. Gallen verharren im Ranking der baulichen Verdichtung auf den hinteren Plätzen, weil dort entweder der politische Wille fehlt oder der Widerstand gegen jede Veränderung noch grösser ist.Wie absurd die Selbstblockade der Städte inzwischen wirkt, zeigt ausgerechnet Zürich, die links-grün dominierte Stadt, die sich gerne als Vorreiterin aktiver Wohnbaupolitik inszeniert. Noch aufgrund der alten Bau- und Zonenordnung (BZO) schätzten unabhängige Experten, dass auf Stadtgebiet rein theoretisch Platz für 100 000 bis 200 000 zusätzliche Einwohner wäre. Mit der laufenden BZO-Revision, die eigentlich die Innenentwicklung stärken sollte, verschenkt man wertvolle Reserven.Die Revision gestattet allenfalls ein wenig mehr Bauen und Verdichten, hier und dort. Ein grosser Wurf ist das nicht. Denn sie wird mit einem ganzen Katalog zusätzlicher Auflagen erkauft: mehr Grünflächen, abgeschöpfte Mehrwerte und höhere Anteile vergünstigter Wohnungen.Bürokratie beim BundLängst sind im Parlament in Bern Vorstösse eingebracht worden, um zumindest die gröbsten Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Eines davon: die oft rein opportunistischen, teilweise sogar erpresserischen Einsprachen.Der Bundesrat hat die Vorstösse entgegengenommen. Doch die Taten lassen auf sich warten. Er lanciert Studien, ruft Begleitgruppen ins Leben und erteilt dann den Kantonen unverbindliche «Empfehlungen». Das Unvermögen der Bundespolitik liegt offen zutage. Und dennoch soll ausgerechnet das Eidgenössische Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek) die angedachten Massnahmen «vertieft prüfen» und bis Ende 2026 eine Vernehmlassungsvorlage liefern.Der eigentliche Skandal ist nicht nur, dass Bürokratie keinen Wohnraum schafft und keine Hürden abbaut. Schlimmer ist die Weigerung, ökonomische Tatsachen anzuerkennen. André Odermatt, Zürichs früherer Hochbauvorstand, formulierte es zum Abschied so: Dass ein besseres Angebot die Mieten senke, sei schlicht eine Mär. Die Stadt sieht sich übermächtigen Gegnern gegenüber, und er schimpfte über «Bodenspekulation» und den «unvollkommenen Markt».Diese Sichtweise widerspricht nicht nur dem gesunden Menschenverstand, sondern auch der ökonomischen Evidenz. Wird das Angebot über Jahre knappgehalten, steigen Mieten und Kaufpreise unaufhaltsam weiter. Wer das in Abrede stellt, verwechselt Symptome und Ursachen. Und liefert die pseudointellektuelle Rechtfertigung für immer neue Vorschriften statt für mehr Wohnraum.Hunderte Millionen Steuerfranken fliessen in den Aufkauf von Liegenschaften zu Höchstpreisen, damit Städte mehr günstigen Wohnraum ausweisen können. Für finanzschwache Haushalte mag das sozialpolitisch gerechtfertigt sein. Bloss entsteht kein zusätzlicher Quadratmeter Wohnfläche.Die Politik ignoriert zudem ein grundlegendes Gesetz der Ökonomie. Deutlich verbilligte Mieten erhöhen die Nachfrage nach den begehrten Wohnungen, während das Angebot unverändert bleibt. Wer möchte nicht günstig an bester Stadtlage wohnen? So feiert die Politik jede staatlich vergünstigte Wohnung, während sie vor allem eines bewirkt: immer längere Wartelisten.RealitätsverweigerungDer Mieterinnen- und Mieterverband liefert mit seiner jüngsten Mietpreisinitiative ein Lehrstück dieser Realitätsverweigerung. Über hunderttausend Unterschriften kamen zusammen, getragen vom Versprechen, Immobilienkonzerne endlich «ans geltende Gesetz» zu binden. Gefordert wird eine konsequente Durchsetzung der Bestimmungen gegen missbräuchliche Mieten.Sollten tatsächlich alle über zwei Millionen Mietverhältnisse der Schweiz regelmässig behördlich geprüft werden, würde dies nicht nur an der kaum zu bewältigenden Zahl an Verträgen scheitern, sondern auch am Mangel anerkannter Regeln. Es ist eben bequemer, sich vor der eigenen Klientel als Bollwerk gegen grosse «renditegetriebene Investoren» zu inszenieren, als ernsthaft zu fragen, wie sich die Nachfrage nach Wohnraum decken liesse.Was tatsächlich hülfeDie gute Nachricht: Pragmatische Lösungen sind bekannt, und sie kosten die öffentliche Hand fast nichts. Erstens brauchen Gemeinden und Kantone klare, verbindliche Zielsetzungen, wo und wie verdichtet werden soll. Sie müssen ihren Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern aufzeigen, was sie gewinnen können: ein quantitativ und qualitativ besseres Angebot auf dem Wohnungsmarkt, lebendige Quartiere mit neuem Raum zum Wohnen, Arbeiten, für Läden und Restaurants, wirtschaftlichen Fortschritt und gestärkte Finanzen.Zweitens: Bund und Kantone müssen bauliche Verdichtung und die Schaffung von Wohnraum im Raumplanungsrecht und in den kantonalen Baugesetzen ausdrücklich zum übergeordneten öffentlichen Interesse erklären. Solange Gerichte den Schutz von Ortsbildern höher gewichten als die Schaffung von Wohnraum, bleiben viele Vorgaben Makulatur. Erst ein klares öffentliches Interesse gibt Gemeinden die Handhabe, wichtige Projekte tatsächlich durchzusetzen.Drittens: Es braucht weniger Regeln und weniger Bauvorschriften. Sämtliche Untersuchungen zeigen, dass laufend neue Anforderungen, Einsprachen und lange Bewilligungsverfahren Investitionen lähmen. Unter solchen Umständen lassen es viele Bauherrschaften und Investoren lieber damit bewenden, ihre Liegenschaft nur noch zu unterhalten.Viertens: ökonomische Tatsachen anerkennen. Wer Angebot und Nachfrage ignoriert, erzielt mit Preisdeckeln und einem überbordenden bürokratischen Apparat nie mehr als kurzfristige Effekthascherei, ohne einen einzigen Quadratmeter Wohnraum zu schaffen.Am Ende ist die Wohnungsknappheit kein Naturereignis, sondern das Resultat politischer Verweigerung. Investoren, darunter viele Schweizer Pensionskassen und Versicherungen, könnten das Angebot wesentlich erweitern, wenn man sie denn bauen liesse.Passend zum Artikel
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