Ohne Dramatik geht es beim Weltmeister nicht mehr. Wie in den vorherigen Spielen der K.-o.-Phase dieser Fußball-WM brauchte Argentinien auch im Viertelfinale ein turbulentes Spiel für den Einzug in die nächste Runde. Als am Samstagabend aber nach Verlängerung ein 3:1-Sieg über die Schweiz feststand, war klar, dass Argentinien zum dritten Mal einem Ausscheiden auf dramatische Weise entkommen war – und damit dem wohl letzten Spiel von Lionel Messi bei Weltmeisterschaften. Eines kommt noch. Mindestens.Nach Alexis Mac Allisters Führung in der zehnten Minute glich Dan Ndoye für die starken Schweizer aus (67. Minute). Eine Gelb-Rote Karte für Breel Embolo nach Hinweis des Videoassistenten auf eine Schwalbe, nachdem vom Schiedsrichter erst auf ein Foulspiel am Schweizer entschieden worden war, ließ das Spiel zugunsten des schwächelnden Weltmeisters kippen (72.). Der Schweizer Trainer Murat Yakin sprach in der Pressekonferenz von einer „Regel, die absolut unverständlich ist. Das haben wir nicht verdient.“Julián Álvarez traf in Überzahl per Traumtor (112.) zum 2:1, Lautaro Martínez (120.+1) entschied mit seinem Treffer bei einem Konter die Partie in der Verlängerung. Die Argentinier spielen an diesem Mittwoch (21.00 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM, bei ARD oder ZDF und bei Magenta TV) im brisanten Duell mit England um den Finaleinzug.Die Himmelblauen schweben schnell auf Wolke siebenAls um 20.00 Uhr Ortszeit das vierte WM-Viertelfinale in Kansas City begann, überwogen die Farben Weiß und Himmelblau, was nicht nur am Himmel über dem Stadion lag, sondern auch an den zahlreichen Fans im Trikot der Albiceleste, der Himmelblauen.Dass indes auch Rot – wie bei den Heimspielen des Football-Teams der Chiefs – im architektonisch ausgefallenen Stadion durchschimmerte, lag nur zum Teil an Schweizer Anhängern, sondern vielmehr an leeren roten Sitzen, vor allem im Oberrang. Alle, die Eintrittskarten hatten, aber nicht gekommen waren, verpassten einen Start, der alle Himmelblauen schnell auf Wolke sieben schweben ließ. Eine Messi-Ecke von rechts segelte durch den Schweizer Strafraum, wurde von Embolo indes noch geklärt.Bei der folgenden war der Stürmer nicht aufmerksam, verlor Mac Allister aus den Augen, der Messis Ball von links einfach über das geschorene Haupt in die lange Ecke rutschen ließ – 1:0 für Argentinien, das freute auch Chiefs-Star Patrick Mahomes im Argentinien-Shirt auf seinem Platz auf der Tribüne.Oft jedoch kamen die Argentinier danach nicht mehr vor das Schweizer Tor von Gregor Kobel, der seine Mannschaft zuletzt im Elfmeterschießen gegen Kolumbien erst nach Kansas City gebracht hatte. Der Weltmeister, das wurde nicht nur bei dramatischen Siegen im Sechzehntelfinale über Kap Verde und im Achtelfinale über Ägypten deutlich, ist nicht mehr in der Form von Qatar, sondern beschränkte sich weitgehend auf die Defensive und die Hoffnung, dass Spaziergänger Messi es mit Geniestreichen schon richten werde.Die argentinischen Lebensgeister werden gewecktDas ging auch gut, weil die Schweizer mit ihrem vielen Ballbesitz – in der ersten Halbzeit waren es 55 Prozent – viel zu wenig anzufangen wussten. Ein Schüsschen vom früheren Frankfurter Djibril Sow flog direkt auf Torwart Emiliano Martínez zu (20. Minute), Embolo kam gegen den ihn geschickt abdrängenden Abwehrspieler Lisandro Martínez und dessen Torwart nach einem Steilpass nicht mehr an den Ball (32.).In der Halbzeit wurde es dunkel im Stadion – und als die zweite Hälfte begann, war auch das Himmelblau verschwunden, zumindest über Kansas City, nicht auf den Tribünen. Dafür waren mit Einbruch der Dunkelheit aber offenbar die argentinischen Lebensgeister geweckt, zumindest ein wenig.Die Schweizer haben gleich drei Chancen vor dem 1:1Eine Grätsche von Lisandro Martínez gegen Ndoye, der vor dem Tor stand, wäre zwar gar nicht nötig gewesen, weil Embolo vor der Vorarbeit im Abseits gestanden hatte, die Aktion des Abwehrspielers aber wurde auf und neben dem Platz wie ein Tor bejubelt.Nun drehte auch Messi mal auf, spielte einen Traumpass auf Nahuel Molina, doch der verfehlte das Tor beim überhasteten Abschluss (50.). Die argentinischen Gesänge auf den Tribünen blieben laut, die Schweiz gewann aber still und leise die Übermacht auf dem Rasen zurück. Zwei Kopfbälle von Embolo (60.) und Ndoye (64.) sowie ein Schuss von Granit Xhaka (65.) provozierten auch zarte „Hopp-Schwyz“-Rufe im Mittelrang.Eine skurrile Szene schwächt die Schweizer entscheidendVor allem Ndoye, der bei der Europameisterschaft 2024 gegen Deutschland getroffen hatte, wurde immer wieder gefährlich auf seiner linken Seite. Ein Doppelpass mit Ricardo Rodríguez hebelte die weltmeisterliche Defensive, die sich überhaupt nicht so verhielt, einfach aus. Ndoye schoss mit rechts an Martínez vorbei ins Tor zum 1:1. Es war ein verdienter Zwischenstand für couragierte Schweizer, die sich dann jedoch durch eine skurrile Szene geschwächt sahen. Entscheidend, wie sich herausstellen sollte.Eine Szene, die dem Spiel eine Wende gab: Schiedsrichter João Pinheiro zeigt Breel Embolo (l.) nach VAR-Überprüfung die Rote Karte.dpaAn der Seitenlinie hatte Embolo den Ball, Paredes kam zum Duell dazu, der Schweizer fiel, Schiedsrichter João Pinheiro pfiff Foul und zeigte dem Argentinier die Gelbe Karte. Doch der Videoassistent meldete sich. Er hatte gesehen, dass mitnichten ein Vergehen zum Fall führte, vielmehr hatte Embolo abgehoben. Pinheiro schaute sich die Szene am Bildschirm an – und entschied auf Schwalbe. Weil Embolo schon Gelb für ein Foul an Paredes gesehen hatte, zog die Täuschung eine zweite nach sich – Gelb-Rot (72.).Embolo war der Verzweiflung nahe, wollte nicht vom Platz, ihm kamen Tränen, von den Mitspielern konnte er, als er gewahr wurde, welche Folgen die Szene hatte, kaum beruhigt werden. Dass solch ein Eingriff durch den Videoassistenten möglich ist, liegt an einer Regelmodifizierung. Unter dem Motto „Mistaken Identity“ darf der Schiedsrichter bei Vergehen, bei denen „eindeutig der falsche Spieler identifiziert“ wurde, hingewiesen werden.Das gab es vorher auch schon. Neu ist seit diesem Sommer allerdings, dass der Videoassistent auch bei einer Spielerverwechslung einschreiten darf, wenn ein Spieler des falschen Teams – wie in diesem Fall Paredes – verwarnt oder mit einer Roten Karte sanktioniert wurde. Bislang konnten Fälle von Spielerverwechslung nur überprüft werden, wenn der Schiedsrichter den falschen Spieler der gleichen Mannschaft mit einer Karte bestraft hatte.Lionel Messi denkt, dass er im Abseits stehtYakin hätte Paredes gar nicht Gelb gegeben. Erst durch diesen „Fehler des Schiedsrichters“ war das Eingreifen des Videoassistenten überhaupt erst möglich. Bei einem Foul ohne Sanktion hätte er stillhalten müssen. Es sei „eine Regel, die mit Fußball nichts zu tun hat“, sagte der Schweizer Coach. Embolo sei „am Boden zerstört. Ihm eine Schuld zu geben, ist absurd.“Das Spiel änderte sich durch den Platzverweis grundlegend. Mit einem Spieler in Überzahl übernahmen die Argentinier schnell die Chefrolle im Stadion der Chiefs. Messi scheiterte an Kobel mit einem Lupfer. Der Ärger verrauchte schnell, weil der Assistent Abseits anzeigte, die Bilder der Wiederholung aber zeigten: Es war wohl doch kein Abseits (85.).Nun glich das Fußballspiel einem Handballspiel – nur ohne Zeitspielregel. Argentinien drückte die Schweiz in den eigenen Strafraum. Doch weder Mac Allisters Kopfball (89.) noch Messis Schuss mit rechts (!) noch Lisandro Martínez’ Seitfallzieher in der Nachspielzeit landeten im Tor.Keine Löcher in der Schweizer Abwehr – bis zum TraumtorSo ging es in die Verlängerung, in der die Abwehr lange immer noch keine Löcher bekam wie ein Schweizer Käse. Nahe kamen die Argentinier Kobels Tor durch den Schuss des eingewechselten Thiago Almada, der Jubel auslöste, tatsächlich aber nur Außenpfosten und Außennetz traf (95.).Auch Messis Versuch parierte der Dortmunder, gegen Álvarez’ Traumtor mit rechts in den Winkel, das bei der Wiederholung auf den Videotafeln im Stadion ungläubiges Raunen hervorbrachte, war jedoch auch der Torwart machtlos, wie beim Nachschuss von Lautaro Martínez in der Nachspielzeit der Verlängerung zum 3:1 für die Drama-Queen des Fußballs.