Und dann wurde wieder mit den Schals und allen nur denkbaren Stofffetzen gewedelt. Viele, viele tausend Schals und Stofffetzen wirbelten durch die Luft, während viele, viele tausend Kehlen auf den Tribünen hüpften und Lieder anstimmten. Die Feierrituale der argentinischen Fans sind inzwischen bestens bekannt. Es wird gewedelt, gesprungen und gesungen, was das Zeug hält.Ja, feiern können die Argentinier, am inbrünstigsten feiern sie Siege ihres Teams. Und weil ihr Team ihnen nur die allerdramatischsten Siege beschert, fällt es ihnen umso leichter, eruptive Zustände zu erlangen. So auch in der Nacht auf Sonntag, mal wieder: Mit 3:1 hat die Albiceleste die Schweiz niedergerungen, nach zwischenzeitlicher Führung und einem besorgniserregenden Leistungseinbruch. Nach einer bemerkenswerten gelb-roten Karte für den Gegner Schweiz. Nach einer Verlängerung, in der ihr Spiel nur so dahintröpfelte. In der, wie aus dem Nichts, Stürmer Julian Álvarez den Ball ins Tor schlenzte, vom Strafraumeck ins lange Eck. Und in der, nun als logische Konsequenz, Lautaro Martínez mit dem dritten Treffer nachlegte, per Abstauber aus kurzer Distanz.Jamal Musiala:Wer bin ich? Und werde ich wieder ganz der Alte?Ein Jahr nach seinem Wadenbeinbruch sucht Jamal Musiala nach seiner früheren Form. Der FC Bayern glaubt weiterhin an ein vollständiges Comeback – hat aber nun sicherheitshalber ein paar Optionen mehr.Die Argentinier können vieles, nur eines können sie bei dieser Weltmeisterschaft offenkundig nicht: sich einen Weg durchs Turnier bahnen, ohne dabei in schwerste Nöte zu geraten. Im Sechzehntelfinale hatten sie nur knapp über die Kapverden triumphiert, ebenfalls in der Verlängerung. Im Achtelfinale hatten sie eine beinahe verlorene Partie gegen Ägypten gedreht, noch in der regulären Spielzeit. Aber sie sind noch im Turnier. Die Argentinier können weiterhin von ihrem vierten Weltmeistersternchen träumen, nach 1978, 1986 und 2022. Gegner im Halbfinale ist nun England. Ob es dann noch mal klappen kann, mit dem letzten Streich?Egal, ob Torwart, Abwehrkette oder Mittelfeld – die argentinischen Spieler kennen und vertrauen sichDenn auch das war eine Nachricht des Spiels gegen die Schweiz: Lionel Messi schoss kein Tor. Dabei ist die Elf von Coach Lionel Scaloni klar definiert, auf den jeweiligen Positionen als auch ideell: Das Alpha und das Omega eines jeden Spielzugs, einer jeden Grätsche, eines jeden Gedankens, den ein argentinischer Spieler denkt, ist, na klar, Messi. Für ihn reiben sich alle auf, Messi dankt es mit Geistesblitzen, die nur Messi hat. Doch auch davon abgesehen verfügen die Argentinier über klare Konturen. Nahezu alle Winkel des Platzes werden von Konstanten besetzt, egal, ob Torwart, Abwehrkette oder Mittelfeld – die Spieler kennen und vertrauen sich.Wirklich umkämpft ist eigentlich nur die Position vorn im Sturm: In der Partie gegen die Schweiz erhielt erneut Álvarez den Vorzug vor Martínez, Scaloni setzte somit auf dieselbe Startelf wie gegen Ägypten. Wahrscheinlich steckte dahinter ein Kalkül. Martínez war es, der dieser Partie, gemeinsam mit Messi, die entscheidende Wendung verpasst hatte – so einen bringt man gern in aller Frische, wenn man ihn braucht.In der ersten Hälfte sah es jedenfalls nicht danach aus, als bestünde Bedarf am Vorschlaghammer: Die Argentinier kontrollierten, was zu kontrollieren war, sie spielten in einer sauberen Ordnung und mit ihrer typischen Körperlichkeit. Die Schweizer hielten zwar gut dagegen, allerdings in überschaubarem Tempo. So begab es sich, dass sich dieses Spiel vor allem zwischen den Strafräumen zutrug, nur selten stießen die Teams in die jeweils relevanten Zonen. Auch, weil die Argentinier dies bereits nach zehn Minuten nicht mehr zwingend mussten: Da hatte Messi eine Ecke in Richtung des Fünfmeterraums geschlagen, wo sich Alexis Mac Allister an seinem Gegenspieler vorbeischob – und zum 1:0 einköpfelte.Gleich ist der Ball im Tor: Alexis Mac Allister (Nummer 20) erzielt nach einer Ecke das 1:0 für Argentinien. Luke Hales/Getty Images/AFPDas laut Messdaten lauteste Stadion der USA dürfte auch in jenem Augenblick so einige Dezibel in den Abendhimmel von Kansas City geblasen haben: Die Zuschauerränge waren zu 95 Prozent in Blau und Weiß gehüllt. Die Argentinier waren viele. Und sie waren laut. Die Schweizer traten zwar nicht auf, als würde ihnen diese Kulisse Unbehagen bereiten. Ihnen gebrach es jedoch an Ideen, wie man hinter den massiven argentinischen Verteidigungsblock gelangen könnte. Einmal wurde Stürmer Breel Embolo steil geschickt, ehe er in eine robuste Martínez-Klammer genommen wurde – von vorne sprang Torwart Emiliano Martínez in den Ball, von hinten eilte der weder verwandte noch verschwägerte Verteidiger Lisandro Martínez zur Hilfe. Embolo wurde regelkonform abgeräumt.Davon abgesehen zerschellte alles am weiß-blauen Abwehrwall, der sich vor alles warf, was sich an schweizerischen Ideen materialisierte. Es war nicht viel: Ein gefährlicher Torschuss konnte für die Elf von Coach Murat Yakin jedenfalls nicht vermeldet werden. Die Argentinier verdichteten die Räume, wo sie konnten, sie unterließen es aber, den Gegner durch Ballbesitz vom eigenen Tor fernzuhalten. Und in der zweiten Hälfte trieben sie es mit ihrem reaktiven Ansatz dann zu weit: Sie ließen sich zurückdrängen, hinten einschnüren, jedweder Spieltrieb war wie fortgeblasen. Und Torwart Martínez hielt, was zu halten war: einen Kopfball von Embolo, einen weiteren von Dan Ndoye, einen Fernschuss von Granit Xhaka.Die Schweizer etablierten sich in und um den gegnerischen Strafraum. Die Argentinier verloren ihre Solidität, ihr Zutrauen in die eigene Unüberwindbarkeit. Wer das Spiel kennt, weiß, was folgt: Ndoye und Ricardo Rodriguez kombinierten sich auf der linken Seite nach vorn, ein Doppelpass reichte, damit Ndoye freistehend vor Torwart Martínez auftauchte – der Flügelmann schob den Ball ins lange Eck, 1:1 (67. Minute). Die argentinischen Spieler teilten sich daraufhin ausgiebigst mit, wie unzufrieden sie mit sich, ihrem Nebenmann und dem Lauf der Dinge waren.Dan Ndoye erzielt das Tor zum zwischenzeitlichen 1:1 für die Schweiz. Ashley Landis/AP/dpaMan sollte meinen, dass dies die passende Gelegenheit war, um das Momentum endgültig auf die eigene, in dem Fall die schweizerische Seite zu ziehen. Doch Embolo hatte etwas anderes vor, mit sich und mit allen, die es mit dem schweizerischen Team halten: Nach einem Zweikampf mit Leandro Paredes hob der Stürmer für eine sagenhafte Pirouette ab – und sah dafür nach VAR-Überprüfung die gelbe Karte, es war seine zweite an diesem Abend. Und folglich: Gelb-Rot wegen Schwalbe. Und das nur zwei Minütchen nach dem Treffer zum Ausgleich.Der portugiesische Schiedsrichter João Pinheiro nutzte dabei eine neue Möglichkeit. Zunächst war er auf Embolos Schwalbe hereingefallen und zeigte Paredes die gelbe Karte. Dann aber meldete sich der VAR – der eigentlich gelbe Karten nicht überprüfen darf – wegen einer „Spielerverwechslung“. Am Bildschirm sah Pinheiro die Flugeinlage und entschied sich um. Diese unerwartete Regeldeutung (Der Referee „verwechselt“ den Spieler, dem er eine gelbe Karte hätte zeigen müssen) hatte früher im Turnier auch schon der Schiedsrichter Danny Makkelie angewandt, die Fifa hatte die Korrektheit des Vorgehens bestätigt. Es bleibt aber kurios: Hätte Pinheiro dem Argentinier Paredes nicht Gelb gezeigt, hätte der VAR nicht eingreifen dürfen – und die Schweiz hätte mit elf Mann weiterspielen können.Nun ergab sich dasselbe Bild, nur spiegelverkehrt und mit einem in Rot gekleideten Spieler weniger: Die Argentinier belagerten den gegnerischen Strafraum, sie passten, passten, passten. Sie erspielten sich auch noch zwei Torchancen, einmal köpfelte Mac Allister, einmal schoss Messi den Ball knapp vorbei. Einen Seitfallzieher von Lisandro Martínez konnte Torwart Gregor Kobel parieren. Doch es half nichts. Es ging in die Verlängerung. Und in dieser passierte: so gut wie nichts. Die Argentinier wirkten erschrocken vom Verlauf des Abends, womöglich auch ein wenig erschrocken von sich selbst. Die Schweizer blieben in ihrer Ordnung und absorbierten quasi alles, was von den Argentiniern ausging.Nun ja, fast alles: Bis Álvarez den Ball ins Tor schlenzte. Bis Martínez nachlegte. Und bis diese Partie ihre finale Wendung verpasst bekam.