Sein letztes Gefecht: Volkswagen-Konzernchef Oliver Blume geht aufs GanzeDer Chef von Europas grösstem Autokonzern will bis zu 120 000 Stellen abbauen und vier Werke schliessen. Er kämpft um das Überleben von Volkswagen – und um seine eigene Zukunft.12.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenOliver Blume, Vorstandsvorsitzender des Volkswagen-Konzerns.K. Bocsi / Bloomberg / GettyOliver Blume steht unter enormem Druck. Er muss den Volkswagen-Konzern mit den weltweit über 650 000 Mitarbeitern und 111 Produktionsstätten in 27 Ländern endlich nachhaltig sanieren – und damit vor dem möglichen Untergang bewahren. Blume dürfte sich inzwischen an die Last gewöhnt haben. Er ist seit September 2022 Vorstandsvorsitzender des nach Toyota zweitgrössten Autokonzerns der Welt. Seine vier Jahre als Konzernchef waren allesamt Krisenjahre.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der trotz seinen 58 Jahren noch immer jungenhaft wirkende Manager mit den wachen blauen Augen, der markanten Kurzhaarfrisur und dem fast immer freundlichen Gesicht ist ein akribischer Stratege. Sonntagabends bereitet er genau die Prioritäten und den Zeitplan für die kommende Woche vor, so erzählte es Blume jedenfalls einmal im Gespräch. Sein Führungsstil gilt als umgänglich, sachlich und teamorientiert.Toyota hängt VW bei der Effizienz abDiese Eigenschaften unterscheiden ihn von seinem rauflustigen Vorgänger Herbert Diess, der im Konzern oft – erfolglos – auf Konfrontationskurs war. Und ohne diese Eigenschaften hätte er den ersten Teil der VW-Sanierung vor anderthalb Jahren wohl kaum hinbekommen, denn gegen die starken Arbeitnehmervertreter und IG-Metall-Gewerkschafter geht im Konzern kaum etwas. Sie haben im paritätisch zwischen Arbeitnehmern und Eigentümern besetzten Aufsichtsrat eine immens starke Position.Das liegt daran, dass im Aufsichtsrat die beiden Vertreter des Grossaktionärs Niedersachsen, das sind der Ministerpräsident und ein weiteres Regierungsmitglied des Bundeslandes, im Zweifel mit den Arbeitnehmern stimmen. Dabei sollten sie selbst eigentlich die Interessen der Besitzer, also der Kapitalseite vertreten.Wo die Probleme der Wolfsburger liegen, zeigt ein Vergleich mit Toyota. Die Deutschen haben 2025 mit 663 000 Mitarbeitern 9 Millionen Fahrzeuge hergestellt. Toyota produzierte dagegen mit knapp 380 000 Angestellten 11,3 Millionen Fahrzeuge. Die Japaner operieren mit einer geringeren Fertigungstiefe, kaufen also mehr von Lieferanten dazu.Das führte im vergangenen Jahr dazu, dass der operative Gewinn von Toyota umgerechnet in Euro weit mehr als doppelt so hoch war wie jener von Volkswagen, die Marge betrug sogar fast das Dreifache.Die Wolfsburger verfolgen auch eine komplexe Multimarkenstrategie und bieten mit zwölf Marken von Seat und Skoda über VW, Audi und Porsche bis zu Bentley und Lamborghini sowie dem Lastwagengeschäft das volle Spektrum der Autowelt. Toyota tut das zwar ebenfalls, doch die Japaner sind mit ihren vier Marken Toyota, Lexus (Premium-Fahrzeuge), Daihatsu (Kleinwagen) und Hino (Lastwagen) viel klarer positioniert.Grosse Unterschiede gibt es auch in den regionalen Stärken. VW hat seinen Schwerpunkt in Europa sowie China, ist jedoch in den USA trotz diversen Verbesserungsbemühungen schwach unterwegs. Toyota ist dagegen stark in Nordamerika, Japan und einigen asiatischen Ländern. In Europa spielen die Japaner eine durchschnittliche Rolle. Insgesamt ist Toyota geografisch besser aufgestellt. Daran kann Blume kurzfristig wenig ändern. Es fehlen attraktive Modelle für den amerikanischen Markt.Porsche und Audi mit eigener schwerer KriseDer Wolfsburger Konzern leidet seit Jahrzehnten vor allem unter der schwachen Profitabilität der Kernmarke VW, was wiederum primär an den deutschen Standortbedingungen mit den hohen Löhnen und dem starken Kündigungsschutz liegt.Lange kompensierten das boomende China-Geschäft und die Profitbringer Porsche und Audi die Defizite. Doch letztere erzielten ebenfalls einen Grossteil der Gewinne in China. Sie sind deshalb längst selbst ein Sanierungsfall. In China laufen die Geschäfte inzwischen nämlich bei allen VW-Marken miserabel. Die alten Verkaufszahlen werden auf viele Jahre nicht mehr erreichbar sein.Das liegt auch an hausgemachten Problemen bei der Umstellung auf die Elektromobilität, das autonome Fahren und die Digitalisierung. VW hat zugleich zu spät und zu früh auf die Wende zur Elektromobilität reagiert. Das zeigt, wie schwierig die Transformation ist. In China haben sogenannte New Energy Vehicles inzwischen einen Marktanteil von 50 Prozent, doch VW hat kaum konkurrenzfähige Fahrzeuge im Portfolio. Deshalb hat der Konzern im Reich der Mitte den Anschluss verloren.In Europa und vor allem den USA verkaufen sich E-Autos hingegen schleppend. Deswegen kam die von Blume forcierte Elektro-Offensive bei Porsche und die Umstellung des VW-Werks in Zwickau auf Elektroautos sogar zu früh. Porsche hat inzwischen die Strategie korrigiert und setzt wieder vermehrt auf Verbrenner.Der seit 2020 generell schwache Absatz in Europa und der Einbruch des Geschäfts in China zwangen Blume vor anderthalb Jahren zur Flucht nach vorne – zur harten Konfrontation mit den Arbeitnehmern und zur Sanierung des Konzerns. Doch die damaligen Pläne reichen nicht mehr aus. Die Verkäufe in China gehen weiter stark zurück, die Markterholung in Europa ist bescheiden, und der Zollkrieg belastet das USA-Geschäft. VW hat entsprechend massive Überkapazitäten, die Kosten müssen runter.Geplante Halbierung der ModellpaletteDeshalb plant das Management laut Medienberichten, den Abbau von 50 000 Stellen auf bis zu 120 000 zu erhöhen. In Deutschland sollen mindestens vier Werke zur Disposition stehen, nämlich jene in Emden, Hannover, Zwickau sowie das Audi-Werk in Neckarsulm. Für die Gewerkschafter ist das ein Schock. Manche sehen Blume als Totengräber heimischer Standorte und der deutschen Mitbestimmung.Der Aufsichtsrat konnte sich bei einer Sitzung am letzten Donnerstag noch nicht dazu durchringen, für die Pläne grünes Licht zu geben. Werkschliessungen seien keine Zukunftsstrategie, behauptete der niedersächsische Ministerpräsident Olaf Lies. In dem Bundesland finden dieses Jahr noch Kommunalwahlen und im Herbst 2027 Landtagswahlen statt. Ein massiver Stellenabbau bei VW ist da schädlich.Blume durfte immerhin ankündigen, die Modellpalette halbieren und die Komplexität so um bis zu 75 Prozent reduzieren zu wollen. Zudem soll die Produktionskapazität von 10 auf 9 Millionen Fahrzeuge sinken, die üppige Verwaltung soll weiter schrumpfen, und es sollen Beteiligungen verkauft werden. Dem Vorstand und dem Aufsichtsrat stehen heisse Zeiten bevor – nicht nur wegen des Wetters.Für Blume könnte es das letzte Gefecht werden. Entweder setzt er sich durch, schrumpft VW auf ein gesünderes Niveau und verhilft dem Konzern zu einer sichereren Zukunft – oder er muss auf Druck der Gewerkschaften gehen, wie bereits viele seiner Vorgänger.Sie können Michael Rasch auf den Plattformen X, Linkedin und Xing folgen.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Sein letztes Gefecht: VW-Chef Blume kämpft um das Überleben des Konzerns und um seine Zukunft
Der Chef von Europas grösstem Autokonzern will bis zu 120 000 Stellen abbauen und vier Werke schliessen. Er kämpft um das Überleben von Volkswagen – und um seine eigene Zukunft.















