Nach einer turbulenten Aufsichtsratssitzung in der vergangenen Woche bekräftigt der Volkswagen-Vorstandsvorsitzende Oliver Blume gegenüber der Belegschaft die Notwendigkeit weiterer Einsparungen. „Europa steht wirtschaftlich und geopolitisch massiv unter Druck“, heißt es in einer als Interview gestalteten, ausführlichen Mitteilung des Konzernchefs an die Belegschaft, die jetzt im Intranet veröffentlicht wurde. „Deutschland als Exportnation ist besonders betroffen. Und in der Automobilindustrie zeigen sich die Herausforderungen wie unter einem Brennglas.“ VW habe schon viel getan, um darauf zu reagieren und wolle jetzt „aus einer Position der Stärke in die nächste Phase der Transformation gehen“. So lässt sich Blume in der Mitteilung zitieren, die der F.A.Z. vorliegt.Schon vor der Aufsichtsratssitzung am Donnerstag war bekannt geworden, dass VW erhebliche Einschnitte plant. In der Mitteilung bestätigt Blume nun erstmals betriebsöffentlich den konkreten Umfang möglicher Einschnitte, darunter auch die von der Schließung bedrohten Standorte. „Die Wahrheit ist auch, dass wir heute für die Werke Emden, Hannover, Zwickau und Neckarsulm in den 30er-Jahren noch keine wettbewerbsgerechte Belegung bestätigen können“, sagt Blume laut dem Eintrag im Intranet.Er wiederholt dann seine schon länger bekannte Position, wonach „intelligente Lösungen“ besser seien, als ein Werk zu schließen. Zu solchen Lösungen zählt VW beispielsweise Partnerschaften mit der Rüstungsindustrie, über die gerade verhandelt wird, oder eine Produktion neuer Modelle aus den chinesischen Partnerschaften des Konzerns.Nachteil „von rund 20 Prozent“ zu „vergleichbaren Unternehmen“Blume erklärt auch, wie sich der geplante weitere Stellenabbau errechnen könnte. Schon die bisherigen Vereinbarungen in den Marken VW, Audi, Porsche und der Softwaresparte Cariad führten zu einem sozialverträglichen Abbau von 50.000 Stellen in Deutschland, rechnet er vor. Nun gehe es darum, die Gemeinkosten zu verringern, also die Kosten für Verwaltung, Infrastruktur und Unterstützung des Kerngeschäfts an vielen verschiedenen Stellen. „Hier haben wir uns am Durchschnitt vergleichbarer Unternehmen orientiert und haben heute dazu einen Nachteil von rund 20 Prozent. Da die Hälfte der Gemeinkosten aus den Personalkosten resultiert, würde eine theoretische Ableitung ohne Veränderung der Arbeitskosten rund 50.000 Stellen weltweit ergeben.“Zusammengenommen kann sich dadurch je nach Lesart eine Zahl von 100.000 Stellen ergeben, wobei die Zahl nicht ganz präzise ist, da sich der bisher schon beschlossene Abbau auf Deutschland bezieht, die Planungen für die nächste, derzeit verhandelte Sparrunde aber global zu sehen sind. Über diesen Umfang war schon spekuliert und breit berichtet worden. Aktuell ermitteln laut Blume alle Marken, Gesellschaften und Regionen, „wie viel Anpassungen tatsächlich nötig und möglich sind“.Auf der Aufsichtsratssitzung am Donnerstag hatte das Management dem Vernehmen nach seinen Zukunftsplan für VW zur Abstimmung gestellt, war aber im ersten Schritt am Widerstand der Arbeitnehmervertreter und des Großaktionärs Niedersachsen gescheitert. Blume betont nun, dass es um ein umfassendes Konzept gehe, aus dem sich nicht einfach Einzelteile herauslösen ließen. „Für uns ist dabei entscheidend: Der Zukunftsplan funktioniert nur als Gesamtkonzept. Die Maßnahmen greifen ineinander und entfalten erst im Zusammenspiel ihre volle Wirkung.“Weiter heißt es dazu von Blume: „Es wird ganz sicher weitere Sitzungen geben, in denen wir um die besten Lösungen ringen. Wir haben keine Wahl und keine Zeit zu verlieren, das Gesamtkonzept zu verwirklichen, um so die Zukunftsfähigkeit unseres Konzerns nachhaltig abzusichern.“ Der Konzernchef will außerdem dem Eindruck entgegentreten, dass VW völlig zerrissen und in Lager gespalten ist. „Wir haben im Aufsichtsrat sehr konstruktive, detaillierte Gespräche geführt. Wir kommen gut voran. Trotz durchaus kontroverser Positionen in der Diskussion nehme ich im Aufsichtsrat eine breite Unterstützung wahr: Für unsere Analyse der Lage und für den Handlungsbedarf.“Der VW-Betriebsrat hatte sich vergangene Woche verärgert darüber gezeigt und kritisiert, dass der VW-Chef bisher aus Sicht der Arbeitnehmervertreter noch keine detaillierten Informationen gegenüber der Belegschaft vorgelegt hatte. Am Montagvormittag lag zunächst noch keine Stellungnahme des Betriebsrats vor. Weitere Einblicke in die wirtschaftliche Lage des Konzerns werden kommende Woche erwartet, wenn VW seine Zahlen für das erste Halbjahr vorlegt. Eine weitere Aufsichtsratssitzung ist dann im September geplant.
VW-Chef Oliver Blume bezieht im Intranet Stellung
In einer internen Mitteilung nimmt VW-Chef Oliver Blume gegenüber der verunsicherten Belegschaft im Konzern Stellung – und bestätigt erstmals: Vier Werke sind gefährdet, bis zu 50.000 weitere Stellen könnten wegfallen.










