Ståle Solbakken fühlt sich erkennbar wohl in diesem schwierigen Terrain, in das er eine knappe Stunde nach dem größten Fußballerfolg seines Heimatlandes hineingerät. Gerade hat der Trainer mit Norwegen die legendäre WM-Nation Brasilien aus dem Turnier geworfen, zum ersten Mal steht das kleine skandinavische Land im Viertelfinale einer Weltmeisterschaft. Das ganze Volk rudert noch, als Solbakken nach der Aufhebung der Sperre gegen den Amerikaner Folarin Balogun gefragt wird.Ob der Vorgang tatsächlich auf Intervention von Donald Trump erfolgt ist, lässt sich in diesem Moment schwer beurteilen, allerlei Gerüchte kursieren. Aber Solbakken ist längst vollständig orientiert und sagt: „Es ist eine schlechte, schlechte, schlechte, schlechte Entscheidung, die der Weltmeisterschaft schaden wird – und die USA tun mir leid, denn wenn sie gewinnen, wird das immer im Hinterkopf mitschwingen.“Selbst in so einem unvergesslichen Moment des Überschwangs, im größten Augenblick der norwegischen Nationalmannschaftsgeschichte, antizipiert der 58 Jahre alte Trainer umgehend, dass der Vorgang um Balogun, Trump und FIFA-Chef Gianni Infantino Dimensionen hat, die andere erst nach und nach erkennen.Nicht immer der umgänglichste MenschSolbakken, der sich selbst als „Sozialist“ bezeichnet, zählt zu dem sehr kleinen Kreis von Menschen auf der höchsten Ebene des Weltfußballs, die nicht erst tagelang mit irgendwelchen PR-Experten beraten, bevor sie öffentlich Haltung zeigen. Einen Teil seines Gehaltes spendet der frühere Mittelfeldspieler für wohltätige Zwecke, die Summen, die im modernen Fußball fließen, findet er „absurd“. In seinem Buch „Löwenherz“ kritisiert er die immer rigidere Einwanderungs- und Abschiebepolitik der skandinavischen Länder.Und als Russland 2022 die Ukraine überfällt, ist sofort klar, dass Profis, die weiterhin für russische Vereine spielen, nicht mehr für Norwegen zum Einsatz kommen können. In seinem Buch räumt er zudem offen ein, nicht immer der umgänglichste Mensch zu sein. Sozial sei er ein wenig „eingeschränkt“, schreibt er, denn: „Das Einzige, wovon ich wirklich etwas verstehe, ist Fußball.“Schwere SchicksalsschlägeWomöglich ist das Understatement, denn vom Leben versteht er ebenfalls einiges. Als die Norweger ihr Gruppenspiel gegen Frankreich bestreiten, dessen Trainer Didier Deschamps aufgrund des Todes seiner Mutter fehlt, überreicht Solbakken dem gegnerischen Assistenzcoach am Spielfeldrand einen Blumenstrauß, um sein Mitgefühl zum Ausdruck zu bringen. Nach dem Spiel gegen die Elfenbeinküste kommt es zu einer innigen Umarmung mit seiner Frau Anniken, in Norwegen wird gemutmaßt, dass die Gedanken der beiden in diesem Moment um den gemeinsamen Sohn Markus kreisen.Das Viertelfinale gegen England wird für Norwegen auch zum Duell zwischen Torjäger Erling Haaland und Harry Kane.ReutersDer ist Fußballprofi bei Aarhus GF in Dänemark, kurz vor der WM erhält er eine erschütternde Diagnose: Multiple Sklerose. „Es war Ausnahmezustand. Wenn dein Sohn eine Gehirnscannung macht, Rückenmarksproben und tausend Bluttests, dann weißt du, dass es harte Tage sind“, sagt Solbakken gegenüber TV 2. Die Familie musste schon einiges gemeinsam durchstehen.2001, Markus ist ein Baby, Anniken eine junge Mutter, erleidet Solbakken als Spieler des FC Kopenhagen im Training einen Herzstillstand. Er muss vom Mannschaftsarzt Dr. Frank Odgaard reanimiert werden. Später wird der Mediziner das Überleben des Fußballers als „Wunder“ bezeichnen und erzählen, dass Solbakkens „Herz zwölf Minuten lang nicht geschlagen hatte“.Solbakken überlebt, doch professionell Fußball spielen kann er nicht mehr nach dieser Nahtoderfahrung, an die er sich gut erinnern kann: „Zuerst konnte ich nichts sehen, nur völlige Dunkelheit. Dann tauchte ein hellblaues Licht auf … nennen wir es einen Tunnel. Es war ein wunderschönes Licht. Als sie mich weckten, dachte ich: ,Oh nein, könnte ich nicht noch ein bisschen länger dortbleiben?‘“Streit um die richtige StrategieSeither trägt Solbakken, der bei der bis zu diesem Sommer letzten norwegischen WM-Teilnahme 1998 selbst noch mitspielte, einen implantierten Defibrillator, der das Herz im Falle eines neuen Stillstands wieder zum Schlagen bringen soll. „So etwas verändert definitiv einiges“, hat er einmal gesagt, „ich gebe alles für meinen Job, aber ich weiß auch, dass es andere, wichtigere Dinge gibt.“ Privates, aber eben auch die politische Weltlage und den Verfall von Werten, die ihm etwas bedeuten. Es passt ganz gut, dass der politisch ebenfalls eher links positionierte Volker Finke Solbakken 2011 zum 1. FC Köln holte.Finke, der langjährige Trainer des SC Freiburg, der seinerzeit Sportdirektor bei den Rheinländern war und der heute in der Klimabewegung engagiert ist, findet Solbakken schon damals menschlich, aber auch fußballfachlich hochinteressant. Verstanden haben die beiden sich trotzdem nicht. Die in Köln ziemlich unpopuläre Entscheidung, Lukas Podolski seines Kapitänsamtes zu entheben, tragen die beiden noch zusammen, aber je länger die Zusammenarbeit andauert, desto heftiger streiten sie. Auch weil Solbakken eigenwillige taktische Vorgaben macht.Beim FC gibt es unter diesem Trainer für jeden Spieler klar definierte Räume, die sie nicht verlassen dürfen. Die Innenverteidiger müssen beispielsweise stur im Zentrum bleiben, auch wenn außen Gefahr droht. Diesen Dogmatismus hat Solbakken inzwischen überwunden, aber in Köln werden am Ende erst Finke entlassen und kurz darauf Solbakken, der anschließend über seine Zeit in der Bundesliga sagt: „Zum ersten Mal war ich so müde, dass ich nicht aufstehen wollte.“Revolution gegen den TrainerAnschließend, während einer Episode bei den Wolverhampton Wanderers, lösen Solbakkens Ideen sogar eine Art Spielerrevolution aus. Der Kapitän Karl Henry ist irgendwann so erbost, dass er anordnet, die Vorgaben des Trainers zu ignorieren, und eigene Strategien festlegt, plötzlich gewinnt das Team. Fans verüben mit Farbe einen Anschlag auf Solbakkens Auto, auch dieses Engagement endet schnell.Erfolg hat Solbakken eigentlich nur in Skandinavien. Und wie. Bevor er 2020 die norwegische Nationalmannschaft übernimmt, wird er in seinen beiden Amtszeiten mit dem FC Kopenhagen achtmal dänischer Meister, hinzu kommen vier Pokalsiege, und nach ein paar Anlaufproblemen läuft es jetzt auch als Nationaltrainer. Bei der WM profitiert er einerseits vom unglaublichen Torjäger Erling Haaland, zum Erfolg trägt aber auch Solbakkens Anpassungsfähigkeit bei.Erfolgreich in der HeimatJe nach Gegner lässt er sein Team kontern oder Ballbesitzfußball spielen. Im Duell mit Brasilien wechselt er zur Halbzeit mit Antonio Nusa und Alexander Sørloth zwei seiner prominentesten Spieler aus, weil die beiden ihm zu riskant spielen. Am Ende sind die Südamerikaner zermürbt von den langen und von Geduld geprägten Ballstafetten der Norweger, die Solbakken mit der Spielweise von Manchester City vergleicht. Auf die Frage nach dem neben Haaland wichtigsten Erfolgsfaktor sagt Solbakken: „Wir sind auch defensiv viel stabiler geworden.“Womöglich ist dieser Mann der interessanteste unter den Trainern, die ihre erste WM in dieser Funktion erleben, wobei sich etwas Ähnliches auch über Thomas Tuchel sagen lässt. Mutmaßlich wird das Viertelfinale am Samstag (23.00 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM und bei Magenta TV) zwischen England und Norwegen zuallererst als Aufeinanderprallen der Torjäger, als Duell zwischen Harry Kane und Erling Haaland, inszeniert. Aber es wird auch ein Duell zwischen zweien der spannendsten Trainer des Turniers.
Norwegen im Viertelfinale der Fußball-WM 2026: Trainer Solbakkens bewegende Vita
Ståle Solbakken führt Norwegen mit dem Viertelfinaleinzug zum bisher größten WM-Erfolg. Sein bewegendes Leben und Gerechtigkeitssinn machen ihn zu einem der interessantesten Trainer dieses Turniers.














