Enzo Fernández ist nicht der weichste unter den rund 1250 Teilnehmern der Fußball-Weltmeisterschaft, im Gegenteil. Doch als er nach dem Spiel gegen Ägypten bei Sofi stand, einer TV-Journalistin des öffentlich-rechtlichen Senders Argentiniens, schossen ihm Tränen in die Augen und seine Stimme versagte.Sofi Martínez, in Argentinien eine Berühmtheit als Flash-Reporterin des Senders Telefe, hatte ihn gefragt, ob der argentinischen Mannschaft im Laufe der Partie der Gedanke gekommen war, dies könne das letzte Spiel Messis in der Nationalmannschaft werden. „Leo ist unser größtes Vorbild …“, sagte er und brach den Satz ab. „Entschuldige. Aber ich werde gerade emotional …“ Dann bekam er doch noch die Kurve: „Wir wussten, dass es zu früh war, um nach Hause zu gehen.“Schweizer Torhüter:„Kobel hält! Kobel hält! Ko-bel hält!“Als Gregor Kobel die Nummer eins in der Schweizer Nationalelf wurde, tat er sich schwer, aus dem Schatten seines Vorgängers Yann Sommer zu treten. Doch er legte eine Entwicklung hin, die ihm manch einer nicht zugetraut hatte.Fernández hatte kurz vor Schluss mit einem Kopfball gegen Ägypten den 3:2-Endstand erzielt und so den Einzug ins Viertelfinale gesichert, der Weltmeister trifft jetzt in Kansas City auf die Schweiz. Es ist die Neuauflage des WM-Achtelfinales von 2014, das Fernández nur am Fernseher verfolgte – er wurde im Januar 2001 geboren und war damals 13 Jahre alt. Die später folgende Finalniederlage von Rio de Janeiro gegen Deutschland (0:1) warf ihn aus der Bahn; ebenso, was in den Folgejahren geschah. Dass Argentinien in der Südamerikameisterschaft zwei Endspiele gegen Chile verlor, vor allem aber, dass Kapitän Lionel Messi nach der zweiten Pleite, im Sommer 2016, so frustriert war, dass er aus der Nationalelf zurücktrat.Fernández veröffentlichte auf Facebook einen gefühligen Post, von dem er Jahre später sagen sollte, dass er größtenteils plagiiert war: „Mach was du willst, Lionel, aber bitte denk darüber nach zu bleiben. Spiel, um dich zu vergnügen! Denn du hast ja keine Ahnung, wie sehr wir uns vergnügen, wenn du Spaß hast“, hatte er irgendwo in Google gefunden und abgeschrieben.Von der Elektro-Postille erfuhr die argentinische Öffentlichkeit im Grunde erst, als Fernández bereits Nationalspieler war. Seither hat sie sich tief im kollektiven Bewusstsein der Argentinier verankert, sie kam auch jetzt wieder zum Vorschein. Denn am Vorabend der Vorrundenpartie Argentiniens gegen Österreich (2:0) wurde Fernández in Dallas gefragt, was er Messi heute schreiben würde. Er blieb im Vagen, was den Inhalt betraf – über den Umfang jedoch nicht: „Um alles aufzuschreiben, was ich von ihm gelernt habe, würde ein Buch nicht reichen.“„Der Typ ist ja Michael Jordan!“, sagte sein ehemaliger Trainer Roger SchmidtWobei auch Fernández anderen nicht wenig beizubringen hätte. Er kann außerordentlich viele Register ziehen. „Mal ist er Hammer, mal Pinsel“, dichtete die spanische Zeitung As, als Gerüchte über einen angeblich unmittelbar bevorstehenden Wechsel zu Real Madrid die Runde machten.Gegen Ägypten hatte er ziemlich genau 14,74 Kilometer in den Beinen, als er das Siegtor schoss. Es war nicht der erste relevante Fernández-Treffer für Argentiniens Auswahl. Beim 2:0-Sieg gegen Mexiko bei der WM 2022 – der umso wichtiger war, weil Argentinien das Auftaktspiel gegen Saudi-Arabien verloren hatte und Mexiko nach der 1:0-Führung durch Messi auf den Ausgleich drängte – schoss Fernández den Ball in den Winkel. Das war umso bemerkenswerter, als er nur wenige Monate vor der WM 2022 sein Nationalmannschaftsdebüt erlebt hatte. Fernández hatte bei den Testspielen gegen Honduras, Jamaika und die Vereinigten Arabischen Emirate jeweils ein paar Spielminuten in der zweiten Halbzeit bekommen. Als der Kader nominiert wurde, war er – nach Messi, versteht sich – unter den ersten Spielern, die einen Anruf erhielten.Dass er Enzo heißt, hat Fernández seinem Vater Raúl zu verdanken. Wie Zinédine Zidane war Raúl Fernández ein Fan der River-Plate- und Olympique-Marseille-Legende Enzo Francescoli. In Kindheitstagen wurde aber Enzo Fernández schon „El Músico“ getauft, weil er auf dem Platz immer den richtigen Ton traf. Die Gabe, seine Mannschaften durch Kurzpässe zu ordnen, hatte schon, als er noch keine zehn Jahre alt war – und längst in der berühmten Nachwuchsabteilung von River Plate, dem FC Bayern Argentiniens, vorspielte.Er verließ sie leihweise, um bei CSD Defensa y Justicia die Spielpraxis zu sammeln, die ihm in der ersten Mannschaft von River Plate versagt war. Zu dem Zeitpunkt war aus ihm ein reifer Mittelfeldspieler geworden. Einer, der sich mit den Besten seines Teams zu assoziieren wusste, der Spieleröffnungen durch die Abwehrspieler Sinn verlieh, der Seitenwechsel einzuleiten wusste, den Fuß beim Gegner hineinhielt, aus der zweiten Reihe gefährliche Abschlüsse fabrizierte, zwischen den Strafräumen ein gewaltiges Pensum absolvierte. Nach seiner Rückkehr zu River dauerte es dann kein Jahr, bis er bei Benfica Lissabon landete und beim damaligen Trainer Roger Schmidt umgehend Eindruck hinterließ: „Der Typ ist ja Michael Jordan!“, raunte Schmidt seinem Assistenten Jörn Wolf zu.Schlagzeilen machte ein nach der Copa América 2024 ein Rassismus-SkandalGleichwohl dauerte es nicht lange, bis Fernández weiterzog. Wenige Wochen nach der WM in Katar ging er für 121 Millionen Euro zum FC Chelsea: Er galt jetzt als einer der damals fünftteuersten Spieler der Fußballgeschichte. Daran wurde Fernández gemessen, es ging nicht immer zu seinen Gunsten aus.Seine Zeit beim FC Chelsea war von wenigen Titeln geprägt. Er gewann 2025 die Conference League und die Klub-WM. Schlagzeilen machte er aber auch fern des Platzes: 2024 saß er nach dem Sieg bei der Copa América mit Argentinien einen Rassismus-Eklat aus, für den er öffentlich um Entschuldigung bat, während die argentinische Regierung des „libertären“ Präsidenten Javier Milei ihn in Schutz nahm. Fernández hatte im Mannschaftsbus einen Gesang angestimmt, der die Spieler Frankreichs verunglimpfte („...die kommen alle aus Angola!“).Nun war er wieder in den Nachrichten: Schon im März hatte er mit einem Wechsel zu Real Madrid kokettiert. Als sein Manager öffentlich insistierte, dass Spaniens Rekordmeister Fernández holen wolle, dementierte Real durch ein beispielloses Kommuniqué. Man habe keinerlei Interesse an Fernández, hieß es da. Nun wird die Frage sein, ob der Trainerwechsel beim FC Chelsea – die Londoner haben den als Coach Xabi Alonso verpflichtet – noch eine Wende bringt. Zurzeit will sich Fernández nach eigenem Bekunden auf die WM konzentrieren. Und so lange wie möglich verhindern, dass Messi sein letztes WM-Spiel spielt.
Argentinien vor dem Viertelfinale: Ein Mann für alle Register
Mal Handwerker, mal Künstler: Im Team um Lionel Messi ist im Mittelfeld auf Enzo Fernández vom FC Chelsea Verlass: Wenn’s sein muss, dann trifft er auch selbst.













