PfadnavigationHomeICONISTEssen & TrinkenErinnerung an Wolfram SiebeckEr faszinierte mich früh, dieser „Fresspapst“, die „schärfste Zunge der Nation“Von Christoph WirtzStand: 07:41 UhrLesedauer: 5 MinutenLebensfreude als Akt der Selbstverteidigung: Wolfram Siebeck (1928–2016)Quelle: Mathias Bothor/laifVor zehn Jahren starb der Autor und Feinschmecker Wolfram Siebeck. Sein Biograf erinnert sich an eine folgenreiche Begegnung mit dem Mann, der den Deutschen das Genießen beigebracht hat.Aus welchen Gründen wird man Journalist? Weil man die Welt mit glühender Feder vor dem sicheren Untergang bewahren will? Um den Mächtigen die Maske vom Gesicht zu reißen? Aus Sehnsucht nach dem Pulitzer-Preis? Möglicherweise. In meinem Fall lagen die Dinge anders. Ich wollte Wolfram Siebeck kennenlernen. Also: nicht nur, aber auch. Er faszinierte mich früh, dieser „Fresspapst“, die „schärfste Zunge der Nation“, der „Jahrhundert-Kritiker“, dem es – nicht anders als Duden, Porsche und Knigge – gelungen war, seinen Namen zum Markenzeichen zu machen. Der Eckart Witzigmann und dem Münchner „Tantris“ Anfang der 70er-Jahre zum Durchbruch verholfen und mit seinen Texten das anschließende „Deutsche Küchenwunder“ erst möglich gemacht hatte. Der Legionen von Köchen und Genussmenschen geprägt und ihnen den Weg gewiesen hatte – zumeist nach Frankreich.Ein Doppelinterview mit ihm und Oskar LafontaineIch kannte und las seine Artikel, Kolumnen und Bücher („Eine Prise Süden“, „Wenn Madame den Deckel hebt“, „Frisch gewürzt ist halb gewonnen“) schon als Schüler. Seine Streifzüge durch die Bistros und Restaurantpaläste von Paris, durch die Provence und entlang der Côte d’Azur dienten mir früh als Wegweiser zu den Sehnsuchtsorten der Kulinarik. Ich liebte Siebeck für seine stilistisch geschliffene, polemische, hochelegante Schreibe, seine unvergleichliche Fähigkeit, so kurzweilig wie gnadenlos Ohrfeigen zu verteilen, wo es nötig war: aufgeblasenen Nichtkönnern ebenso wie frugalen Gesundheitsaposteln oder demonstrativ austernschlürfenden Parvenüs.Also schlug ich kurz nach der Jahrtausendwende, im Frühling 2001, der WELT AM SONNTAG ein Gespräch mit Wolfram Siebeck vor, genauer: ein Doppelinterview mit ihm und Oskar Lafontaine zur Frage, wie es um die Genusskultur in Deutschland stehe. Letzterer qualifizierte sich als Gesprächspartner weniger durch seinen einige Zeit zuvor erfolgten Rücktritt als Finanzminister und SPD-Vorsitzender, sondern vielmehr als kenntnisreicher Informant, wenn es um die Frage ging, warum wir Deutschen uns – ganz anders als Franzosen, Italiener, Spanier, Österreicher – mit dem Hedonismus so schwertaten. Was die Politik damit zu tun habe, unsere Geschichte, und vielleicht auch: die soziale Frage. Die kulturelle Kompetenz der Deutschen in Fragen des KulinarischenAußerdem war Lafontaine einer der wenigen Spitzenpolitiker, die sich offensiv zur gehobenen Küche bekannten: Als Ministerpräsident hatte er in den 80er-Jahren ungeachtet der erwartbaren öffentlichen Entrüstung gar einen Sternekoch für die saarländische Landesvertretung in Bonn engagiert und dessen Ministerialratssalär energisch verteidigt. Siebeck, Zeit seines Lebens selbst ein begeisterter Anhänger der Kaviar-Linken, mochte diesen barocken Sozialisten („In Frankreich leistet sich jeder General einen Privatkoch!“).Lesen Sie auchFür unser Gespräch kam nur ein Ort infrage: die „Auberge de l’Ill“ der Familie Haeberlin in Illhaeusern, Institution der großen europäischen Gastronomie. Jener elsässische Gunstort also, seit Jahrzehnten dreifach besternt, der für die kulturelle Entwicklung unseres Landes von zentraler Bedeutung war und ist: Hier erblühte die deutsch-französische Freundschaft nach dem Krieg im Kulinarischen, hier lernten die Deutschen essen und Eckart Witzigmann kochen.Lesen Sie auchAlso saßen Siebeck, Lafontaine und ich an einem wunderbar warmen Mittwochmittag Anfang Mai am offenen Fenster im „Taubenschlag“ der Auberge, schauten auf den träge unter der Trauerweide vorbeiziehenden Fluss und aßen die berühmte Gänseleber-Terrine, Mousseline von Froschschenkeln und „Pêche Haeberlin“ – und diskutierten über die kulturelle Kompetenz der Deutschen in Fragen des Kulinarischen, ihr Verhältnis zum guten Leben.Siebeck war – wie stets von der südfranzösischen Sonne leicht gebräunt und Savile-Row-gewandet – in heiterer Stimmung, eine ideale Mischung aus Hemingway und dem neunten Earl of Emsworth. Und dazu rauflustig wie eh und je: „Da können Fresswellen, Edelfresswellen, Spitzenrestaurants und was weiß ich nicht alles kommen; in Deutschland herrscht immer noch die gleiche Aversion gegen Verfeinerung! Das ist dieses verdammte protestantische Erbe. Verfeinerung gilt als dekadent.“ Lafontaine verwies darauf, dass ihm als Saarländer Paris näher sei als Berlin („Bei uns hat man schon immer Froschschenkel und Schnecken gegessen!“), verteidigte die Segnungen der Arme-Leute-Küche und erklärte, dass man auch mit kleinem Geldbeutel gut essen könne. „Wer Spargelsorten auseinanderhält, wird auch Parteien scharf beobachten.“Vor allem aber waren sich beide einig, dass Geschmack immer etwas mit „Auswählen“ zu tun habe, mit Abwägen und Entscheiden, und dass es sich dabei um wesentliche Elemente für eine funktionierende Gesellschaft handele. Dass kritische Konsumenten auch aufmerksame Wähler seien. Siebeck: „Wer Spargelsorten auseinanderhält, wird auch Parteien scharf beobachten.“ Lafontaine: „Die Demokratie verträgt keine Blinden!“Nach dem Essen saßen wir draußen auf der Terrasse im Halbschatten des traumschönen Gartens. Lafontaine erzählte Anekdoten über seine Essen mit Helmut Kohl („sympathisch!“) oder Erich Honecker („grauenvoll!“). Siebeck döste ein wenig und wurde dann schlagartig ernst. Auch mit Anfang siebzig kam er – Kind der Weimarer Republik, einstiger Hitlerjunge, Flakhelfer und Teil des letzten Aufgebots an der Ostfront des Weltkrieges – nicht von der Vergangenheit los. Er sprach von seiner Liebe zu Frankreich, von der Offenheit im Westen als Gegenentwurf zur heimatlichen Enge und Spießigkeit, zum deutschen Kult der Innerlichkeit und dessen sinnesfeindlicher Verhinderung jeglicher Daseinsfreude. Lesen Sie auchVor allem loderte sein Zorn auf die vermeintlich hehren Werte seiner Generation – Pflichtgefühl, Ordnung, Disziplin –, die für ihn als Gehorsam, Genügsamkeit und Tapferkeit politisch nutzbar gemacht worden waren und in die Menschheitskatastrophe geführt hatten. Woraus er seine zentralen Lehren gezogen hatte: Lebensfreude als Akt der Selbstverteidigung. Geschmacksbildung als Schule der Freiheit. Und vor allem: Niemals kritiklos schlucken, was einem vorgesetzt wird!Hinterher war ich betrunken, glücklich und zuversichtlich beseelt von der Vorstellung, als Journalist auch am gedeckten Tisch die Welt retten zu können. Wann immer ich Wolfram Siebeck in den anderthalb Jahrzehnten danach traf, berührte und bestärkte mich die Klarheit und Entschiedenheit, mit der er seine Mission verfolgte, die träge Mittelschicht unserer Gesellschaft ein bisschen wacher, leichter und heiterer zu machen. Sie aus dem blinden Konsum zu locken und zum bewussten Genuss, zur Kultur zu verführen: dem Schluck Vin Jaune zum Comté, der gratinierten Seezunge im kleinen Bistro im Marais, dem Duft der Provence in der Dämmerung. Dem fühle auch ich mich verpflichtet. Falls es dafür den Pulitzer-Preis gibt: her damit!Gerade von Christoph Wirtz erschienen: Siebeck – ein sattes Leben. Der Mann, der die Deutschen auf den Geschmack brachte (ZS, 29,90 Euro).