Wolfram Siebeck ist Deutschlands bedeutendster, einflussreichster, prägendster Gastronomiejournalist aller Zeiten, und er ist gescheitert – nicht an sich selbst, nicht an seinem Leben, sondern an seiner Mission. Als „verbitterten Greis“ bezeichnete sich der rettungslos Frankophile am Ende seines Lebens selbst, weil er es nicht geschafft habe, den Hedonismus tief in der deutschen Seele zu verankern und der notorischen Genussfeindlichkeit den Garaus zu machen. „Unsere Freizeitgesellschaft sehnt sich nach Spanien, wo es heiß und billig ist. Bekenntnisse zu wahrer Lebensqualität sind ihr nicht zu entlocken.“ Und über die deutsche Küche befand er desillusioniert: „Die Spitzenköche reüssieren, aber unten tut sich kaum etwas. Das passt zu unserer Geschichte. Revolutionen von unten sind nicht unsere Sache.“ So hart urteilte einer über sich selbst, der sich so kolossal um die kulinarische Kultur in Deutschland verdient gemacht hat wie keiner vor ihm und niemand nach ihm.Christoph Wirtz: „Siebeck“ZS VerlagWenn es denn ein Scheitern war – oder doch nur das Eingeständnis, das Unmögliche nicht vollbracht zu haben –, war es ein äußerst sinnenfrohes und lustvolles Scheitern. „Ein sattes Leben“ betitelt Christoph Wirtz aus gutem Grund seine Biographie über Siebeck, seltsamerweise oder auch bezeichnenderweise die erste über den 2016 Verstorbenen, und er schöpft genauso aus dem Vollen, wie es der so glücklich Gescheiterte sein Leben lang tat. Wirtz’ Buch ist die glänzend geschriebene, mit gargantuesker Fabulierlust erzählte Geschichte einer märchenhaft unwahrscheinlichen Karriere, das feinsinnige Psychogramm eines Schicksalslieblingskindes, dem das Scheitern tatsächlich in die Wiege gelegt wurde.Wolfram Siebeck wuchs in bescheidenen Verhältnissen als Sohn eines egozentrischen Schaumschlägers und einer narzisstischen Esoterikerin im Ruhrgebiet auf. Er musste das Ende des Zweiten Weltkriegs als Flakhelfer und Jungsoldat erdulden, schwor danach allen deutschen Untugenden für immer ab, pfiff auf sein Abitur, versuchte sich als Schildermaler, konnte erst als Karikaturist, später als Kulturkritiker im Journalismus Fuß fassen, fand Freunde im linksliberalen Milieu, verschlang die Weltliteratur wie ein nimmersatter Pantagruel und hatte sein Damaskus-Erlebnis 1969 im Elsass, als er über den Kochkurs eines berühmten Zwei-Sterne-Chefs schrieb. Von dieser Stunde an wusste er, dass er zum Gourmet geboren war, und widmete sich mit niemals erlahmendem Feuereifer der Passion, die zu seinem Lebensinhalt und zu Deutschlands Beglückung werden sollte.Siebeck wurde Kolumnist bei der „Zeit“ und beim „Feinschmecker“, verfasste zahllose Kochbücher, avancierte zum Spiritus Rector des deutschen Küchenwunders, predigte seinen Landsleuten oft auch mit satirischem Furor die Freuden der hemmungslosen Genusssucht und heiratete die Galeristin Barbara McBride – es war Donnerschlagliebe auf den ersten Blick –, die fortan nicht mehr von seiner Seite weichen sollte. Ohne sie wäre Siebeck wohl viel früher verbittert.Stattdessen konnte sich die Kulturstaatsministerin Christina Weiss zu seinem 75. Geburtstag mit diesen Worten vor Wolfram Siebeck verneigen: „Sie haben uns Deutsche erlöst! Von einem Einerlei aus Knödeln und Kartoffeln, aus fetten Saucen und panierten Schnitzeln. Sie haben uns gelehrt, dass wir Kalmare essen, Möhren karamellisieren und Kalbfleisch mit Salbei würzen können. Mit ihren Streifzügen durch die Küchen und Weinkeller haben Sie uns Kochen als Kunst und Kulturleistung in all seinen Facetten präsentiert.“ Schöner kann man nicht scheitern als der Mann, der mit solch wunderbar drastischen Worten den Deutschen die Leviten las: „Da muss einer schon vor laufenden Fernsehkameras einen Schäferhund erschlagen, um noch mehr Abscheu hervorzurufen als mit dem Bekenntnis, dass ihm ein Dutzend Austern besser schmecken als eine Pfanne voller Bratkartoffeln.“Der stolze Snob unter dem Himmel der Côte d’AzurDas alles erzählt Christoph Wirtz, der selbst „Feinschmecker“-Kolumnist war und Siebeck persönlich gut kannte, mit fast zärtlicher Zuneigung, ohne jemals in plumpe Heldenverehrung zu verfallen. Bei allem Respekt vor ihm scheut er sich nicht, die Brüche und Widersprüche in Siebecks Leben zu offenbaren: die bedingungslose Verehrung der französischen Haute Cuisine, die ihn blind machte für die Großartigkeit anderer Weltküchen, etwa der japanischen, mit der er überhaupt nichts anzufangen wusste; die Arroganz, die er sich selbst voller Stolz attestierte und ein Grund dafür sein mag, dass so viele Deutsche bis heute mit der Feinschmeckerei fremdeln; den Absolutismus in seinen Lobpreisungen und Verdammungen, mit dem ein Missionar niemals Erfolg haben kann; den Snobismus, in dem er sich sonnte wie unter einem strahlend blauen Himmel an der Côte d’Azur; den Egozentrismus, der als einzigen Geschmacksrichter sich selbst akzeptierte, der die deutsche Gastronomiekritik jahrzehntelang auf die falsche Fährte führte und den der Sternekoch Vincent Klink so beschrieb: „Entweder man kochte, was dem Siebeck schmeckte, oder man schulte besser auf Schlosser oder Schreiner um.“Doch wahrscheinlich ging es damals nicht anders, um den Deutschen die Augen für die Freuden der Feinschmeckerei zu öffnen. Dafür brauchte man eine Axt, kein Fischmesser, und deswegen lässt Wirtz immer Milde walten und spricht Siebeck niemals seinen epochalen Rang ab: „Niemand schrieb in Deutschland früher und länger, eleganter und witziger über Essen und Trinken, über die köstlichsten Höhen und düstersten Abgründe des Kulinarischen als Wolfram Siebeck.“ Es war höchste Zeit, den Mann, der den Deutschen den Weg aus ihrer „Plumpsküche“ in den kulinarischen Paradiesgarten wies, auf so großartige Weise zu würdigen.Christoph Wirtz: „Siebeck“. Ein sattes Leben. ZS Verlag, München 2026. 304 S., Abb., geb., 29,90 €.