Um Punkt 13.30 Uhr brandete erstmals Applaus auf, viele erhoben sich, allerdings nicht die erlauchten Damen und Herren in der Royal Box. In diesem von Holzleisten eingerahmten Bereich hinter einer der zwei Grundlinien sitzen nur Gäste, die das britische Königshaus eingeladen hat. An diesem Freitag waren das etwa Schauspieler Benedict Cumberbatch, Pat Cash, der coole Wimbledonsieger von 1987 aus Australien, der niederländische Fußballer Virgil van Dijk und Anna Wintour, die neben Tom Ford saß. So sieht an diesem Ort die Promiliga aus. Die Duchess of Gloucester und Prince Michael of Kent hielten als königliche Vertreter in der ersten Reihe die Stellung.Aus dem Nichts waren dann Arthur Fery und Alexander Zverev aufgetaucht, als sie den warmen Empfang erhielten. So ist das hier, im All England Club. Da brüllt kein Stadionsprecher etwas ins Mikrofon, die Spieler werden nicht vorgestellt. Sie sind einfach da. Dann heißt es: „Ready? Play!“ Auch wegen solcher Abläufe ist Wimbledon zu einem Mythos geworden.2:13 Stunden später bebte der Centre Court ein letztes Mal, und womöglich wäre der Lärmpegel deutlich höher gewesen, hätte Fery, der Brite, gewonnen. Doch es war Zverev, der deutsche Weltranglistendritte, der nach dem 7:6 (0), 6:2, 6:4 jubelte. Der 29-Jährige ist spätestens jetzt der Mann der Stunde im Männertennis. Bei den Australian Open schaffte er es bis ins Halbfinale, bei den French Open gewann er seinen ersten Grand-Slam-Titel. Und am Sonntag kann er beim berühmten Rasenklassiker an der Church Road, die Tennisdeutschland seit den Zeiten Boris Beckers und Stefanie Grafs bestens vertraut ist, seinen zweiten einfahren. Was für eine Entwicklung. „Es ist wunderbar, hier habe ich immer am meisten zu kämpfen gehabt“, sagte er beim kurzen Interview auf dem Platz: „Ich bin unglaublich glücklich und stolz.“Für Zverev wird es das fünfte Grand-Slam-Finale sein. 2020 verlor er das Endspiel bei den US Open gegen den Österreicher Dominic Thiem, 2024 bei den French Open gegen den Spanier Carlos Alcaraz, 2025 bei den Australian Open gegen Jannik Sinner aus Italien, ehe er vor wenigen Wochen im Juni in Paris den Italiener Flavio Cobolli bezwang. In der ewigen Bestenliste der deutschen Spieler mit den meisten Finalteilnahmen im Grand-Slam-Männereinzel belegt er nun den dritten Platz hinter Boris Becker (10) und Gottfried von Cramm (7). Zverev ist zudem der erste deutsche Profi, der seit 2018 im Einzelfinale von Wimbledon steht; damals gewann Angelique Kerber den Titel gegen Serena Williams aus den USA. Nach dem siebten und letzten Wimbledon-Finale von Becker im Jahr 1995 standen nur noch drei deutsche Spielerinnen im Finale: Steffi Graf (1996/Sieg und 1999/Niederlage), Sabine Lisicki (2013/Niederlage) und Kerber (2016/Niederlage und 2018).Fery war die britische Märchengeschichte schlechthin, in Anlehnung an den Begriff fairy tale feierten die britischen Medien ihn rauf und runter als Fery-tale. Der 23-Jährige, bei Paris geboren, Sohn eines französischen Hedgefondsmanagers und einer früheren französischen Tennisspielerin, hatte die Massen im All England Club bewegt, als er sich Runde für Runde anschickte, die geschundene britische Tennisehre zu retten.Und auch wenn die französischen Medien murren und ihn aufgrund seiner familiären Wurzeln Frankreich zusprechen wollen: Fery, in Wimbledon aufgewachsen, zur Schule gegangen und längst auch britischer Staatsbürger, fühlt sich als Brite, das hatte er vor diesem Freitag betont. Der smarte Fery ist der erste Spieler seit 2001, der mit einer Wildcard bis ins Halbfinale vorstieß, damals gewann der Kroate Goran Ivanisevic sogar das Turnier. Trotz der Niederlage verändert sich seine Lage als Profi nun radikal. Fery macht in der Weltrangliste einen Sprung von Position 114 auf 36. Er muss nirgends mehr in die Qualifikation und kann Turniere frei aussuchen.Vergeblich gestreckt: Arthur Fery war gegen Alexander Zverev letztlich chancenlos. Kirsty Wigglesworth/AP PhotoDass Zverev ihn am Freitag besiegte, mag selbstverständlich anmuten. Aber es gab Zeiten, da patzte er auch in Wimbledon gegen Gegner, die weit hinter ihm gelistet waren. 2018 scheiterte er in der dritten Runde an dem Letten Ernests Gulbis, dem 138. der Weltrangliste. 2019 unterlag er dem Tschechen Jiri Vesely (124.). 2015 verlor gar gegen einen Wildcard-Inhaber wie Fery, damals war es Denis Kudla aus den USA; da war Zverev aber erst 18 und gab sein Grand-Slam-Debüt. Solche Ausrutscher leistet er sich kaum noch.Fery ließ sich Blutgefäße in der Nase verödenZverev fand allerdings sehr unrund in diese Partie, schaffte zwar das Break zum 3:1, verlor dann aber umgehend sein eigenes Aufschlagspiel. Fery, das hatte zuvor der renommierte Datenanalyst Craig O’Shannessy der SZ gesagt, könnte Zverev schon wehtun. Er würde nämlich seine relativ geringe Körpergröße von 1,75 Metern geschickt einsetzen – und harte Geschosse erst mal nur abblocken und ins Feld zurück chippen. So hatte der 1,98 Meter große Zverev tatsächlich Mühe, sich abzusetzen, im Tiebreak entfaltete er aber seine ganze Klasse. Nicht ein Punkt gelang Fery, der wenigstens nicht mehr mit einem anderen Problem zu kämpfen hatte. Er litt in den ersten Matches oft unter Nasenbluten; er ließ sich inzwischen Blutgefäße in der Nase veröden.Obwohl Zverev mit einem großzügigen Maß an Selbstbewusstsein ausgestattet ist, hat er oft erklärt, Tennis sei für ihn stets ein Spiel des Selbstvertrauens. Verlorene Sätze rauben es, gewonnene Sätze stärken es, so sieht er das. Und tatsächlich agierte Zverev, mit dem ersten Satz im Rücken, befreiter, schaffte Breaks zum 2:1 und 4:1. Für Fery war das Tempo manchmal schlicht zu hoch. Einmal peitschte Zverev einen Vorhandball die Linie entlang so raketenartig ins Feld, dass das Publikum raunte. Raunen ist ein ganz besonderes Zeichen der Anerkennung im Tennis, weil es die Qualität eines Schlages würdigt.Der Charakter des dritten Satzes blieb gleich. Mit seiner inzwischen nahezu waffenscheinpflichtigen Vorhand und seinem Aufschlag dominierte Zverev das ungleiche Duell. Mit einem Fehler Ferys endete es. Zverev schoss einen Ball in den blauen Himmel und freute sich moderat, er zeigte so auch Respekt vor dem Gegner. Im Finale trifft er auf den Sieger des Duells zwischen Titelverteidiger Sinner und dem 24-maligen Grand-Slam-Gewinner Novak Djokovic aus Serbien (die am Freitag nach Zverev dran waren).Egal, wie das Endspiel ausgeht: Am Montag wird sich Zverev um einen Platz in der Weltrangliste verbessern und den verletzten Spanier Carlos Alcaraz von Position zwei verdrängen.