Die Briten sind ganz gaga vor Glück, die Tenniswelt ist verblüfft, nur Alexander Zverev hat es immer schon gewusst. Behauptet er jedenfalls. Vor einem halben Jahr, als der neue Tennisheld von Wimbledon schon bei den Australian Open zuschlug und dort überraschend die zweite Runde erreichte, habe er zugeschaut und sei „sehr beeindruckt“ gewesen von der „sehr sauberen Technik und den sehr klaren Grundschlägen“, sagte der Weltranglistendritte Zverev. Kurzum: „Ich habe ihn damals schon für einen sehr guten Tennisspieler gehalten.“Der Typ, der die britischen Fans in Verzückung und den deutschen French-Open-Sieger ins Lobhudeln bringt, heißt Arthur Fery. An diesem Freitag (14.30 Uhr, live bei Prime Video) ist er Zverevs Gegner im Halbfinale beim Rasenklassiker. Beide stehen zum ersten Mal unter den letzten vier, was für Zverev ein schöner Fortschritt ist und für Fery wie ein Tennismärchen anmutet. „Fery-Tale“ – abgewandelt von „Fairytale“ (Märchen) – ist seit Tagen der wohl meistgenutzte Begriff in London.Mit einer Wildcard gestartet und bis ins Halbfinale gekommenAls Nummer 114 der Weltrangliste nur dank einer Wildcard der Turnierveranstalter ins Hauptfeld gekommen, hat sich der Dreiundzwanzigjährige zum Dauerrenner und -brenner gemausert. Zwei seiner bisherigen fünf Matches konnte er erst im fünften Satz nach Matchtiebreak für sich entscheiden. Insgesamt stand er mehr als drei Stunden länger auf dem Platz als Zverev.Gut gebrüllt, Löwe: Auch Zverev schreibt bisher ein Wimbledon-Märchen.dpaDass der kommende Gegner ein noch größeres Kaliber ist als die bisherigen, ahnt Fery: „Aber ich bin bereit. Ich habe nichts zu verlieren.“ Im Endspiel würde es kaum einfacher, stehen sich im zweiten Halbfinale doch der Weltranglistenerste und Titelverteidiger Jannik Sinner und der Grand-Slam-Rekordturniersieger Novak Djokovic gegenüber.Von Wimbledon nach StanfordDass die Engländer von dem Energiebündel aus der Nachbarschaft elektrisiert werden, ist klar. Überraschender ist, dass Fery bei allem britischen Bohei so cool bleibt. „Für einen, der völlig unerwartet so weit gekommen ist, hat ihn der Moment anscheinend überhaupt nicht überwältigt“, sagte John McEnroe, der selbst Einzeltitel in Wimbledon gewann und nun als Experte für die BBC spricht: „Die anderen Typen wirkten viel nervöser als Fery.“Der junge Engländer ist in der Nähe von Paris geboren und in Wimbledon, unweit der Anlage, aufgewachsen. Seine Mutter Olivia Féry war früher Tennisprofi und trat 1991 bei den French Open im Doppel an. Sein Vater Loïc Féry ist in der Finanzbranche tätig und Präsident des FC Lorient aus der ersten französischen Fußball-Liga.Vor diesem Hintergrund konnte sich Fery Zeit nehmen und sich im Alter von 18 Jahren an der amerikanischen Universität in Stanford erproben. Bis vor zwei Jahren spielte er in Kalifornien erfolgreich Collegetennis. Er habe sich nicht sofort auf die Profitour wagen wollen, erklärte Fery nach seinem Viertelfinalerfolg gegen den Italiener Flavio Cobolli: „Das gab mir Zeit, zu reifen.“Sein Aufschlag ist eine Wucht, seine Vorhand schneller und stabiler denn je, die Ausrichtung offensiv. „Ich habe meine Spielweise für Rasen ein bisschen angepasst“, sagte der Deutsche: „Ich habe es in den letzten Jahren schon ausprobiert, aber ich habe mich dabei nie wohlgefühlt. Dieses Jahr funktioniert es ziemlich gut.“„Ein hoher Tennis-IQ“Dank seiner spielerischen Stärken und seines gestiegenen Selbstvertrauens kann ihm angeblich nicht einmal eine wilde Horde auf den Tribünen des Centre Court etwas anhaben. „Ich weiß, dass 99 Prozent der Leute ihn anfeuern werden“, sagte der Neunundzwanzigjährige. „Aber auch ich genieße so eine Atmosphäre.“ Fery kündigte jedenfalls schon mal an, die Zuschauer zu animieren. „Ich versuche immer, das Publikum zu meinem Vorteil zu nutzen und damit vielleicht den Druck auf meine Gegner zu erhöhen“, sagte der Shootingstar, der zum ersten Wildcard-Günstling seit Goran Ivanisevic vor 25 Jahren werden könnte, der in Wimbledon gewinnt.Bis zum Finale wollen sich Zverev und sein familiär geführtes Betreuerteam schlauer machen, was dieser Fery noch alles kann, was er nicht schon bei den Australian Open gezeigt hat. Am spielfreien Donnerstag stand deshalb Videostudium an. Würden die Zverevs auf Rat von außen hören und die BBC-Berichterstattung verfolgen, hätten sie Tim Henmans Mahnung mitbekommen. „Er hat einen hohen Tennis-IQ und eine phänomenale Beweglichkeit“, erklärte der Engländer, der um die Jahrtausendwende viermal im Wimbledon-Halbfinale stand.In der Nähe seines Elternhauses zeigt Arthur Fery, wie erwachsen er geworden ist. Bei seinen ersten Wimbledon-Matches kam er mit Ohrstöpseln auf den Platz, damit er vom Überschwang um sich herum nicht so viel mitbekommt. Auch wenn ihm die Prominenz auf die Pelle rückte, bewahrte er die sprichwörtliche britische Ruhe. Die Prinzessin von Wales, der Rasenkönig Roger Federer und die englische Königin Camilla waren nacheinander bei seinen Auftritten zugegen.Am nervösesten war er angeblich, als ihm sein Vorbild Federer in der königlichen Box zusah. Der Königin Camilla flüsterte er dagegen am Mittwoch zu, dass er am kommenden Sonntag seinen 24. Geburtstag feiere. „Es wäre doch großartig, wenn ich an meinem Geburtstag im Wimbledon-Finale stünde.“ Alexander Zverev könnte zum Partycrasher werden. Zum Partycrasher einer ganzen Sportnation sogar.