Alexander Zverev erlebt gerade besondere Tage in seinem Leben, er ist dabei, verlorene Jahre wiedergutzumachen. Wimbledon? „Das war das einzige Grand Slam, das ich nicht so richtig kannte“, sagt er am Mittwochabend im Media Theatre, und dann erzählt er, warum in seiner Kindheit das berühmteste Tennisturnier der Welt stets an ihm vorbeilief.Er sei „nie mit Mischa mitgekommen“, sein gut zehn Jahre älterer Bruder war ja als erster Spross der Zverevs als Profi auf der Tour unterwegs. Auch im TV verfolgte er den Rasenklassiker nicht. „Damals hatte, glaub’ ich, Sky das erste Mal so die Sportwelt übernommen in Deutschland.“ Er fand es jedenfalls „relativ schade, dass (der Bezahlsender) Sky Wimbledon übertragen hat. Weil die anderen Grand Slams konnte man immer im Fernsehen schauen. Und Wimbledon halt nicht“. Und genau deshalb habe er „nie so richtig etwas mitbekommen“.Inzwischen sind die Jahre ins Land gezogen, 29 ist er, aus dem kleinen Sascha ist einer der weltbesten Tennisprofis geworden, und diesmal schöpft er seinen Besuch in Wimbledon optimal aus. Seine allererste Erinnerung an dieses Turnier sei 2008 „das Federer-gegen-Nadal-Finale“ gewesen, elf war er damals. Gewänne er nun allein ein weiteres Match, das Halbfinale am Freitag gegen den britischen Sensationsmann Arthur Fery (ab 14.30 deutscher Zeit), der sein ganz eigenes Märchen erlebt, gäbe es eine gute Nachricht für Zverev: Er könnte sich die Gebühr für Prime Video sparen. Der Streamingdienst überträgt in Deutschland Wimbledon – er stünde dann ja selbst auf dem Centre Court. Im anderen Halbfinale treffen zwei Schwergewichte aufeinander, der Titelverteidiger Jannik Sinner, 24, aus Italien, und der 24-malige Grand-Slam-Sieger Novak Djokovic aus Serbien.Tennisturnier in Wimbledon:Zverev steht nach Glanzleistung im HalbfinaleAlexander Zverev überrollt Angstgegner Taylor Fritz in drei Sätzen und ist nur noch zwei Siege vom zweiten Grand-Slam-Titel entfernt. Nun wartet der britische Sensationsmann Arthur Fery auf ihn.Die Aussichten für Zverev, seine herausragende Grand-Slam-Bilanz dieser Saison auszudehnen, sind prächtig. Fery ist klarer Außenseiter, der Brite mit den französischen Wurzeln konnte als Weltranglisten-114. nur dank einer Wildcard im Hauptfeld starten. Und der 23-Jährige bestritt vor diesem Turnier nur sechs Grand-Slam-Matches. Zverev verlor von bislang 18 Grand-Slam-Partien in diesem Jahr einzig bei den Australian Open das absurd dramatische Halbfinale gegen den späteren Sieger Carlos Alcaraz aus Spanien, holte in Paris seinen jahrelang verzweifelt ersehnten ersten Grand-Slam-Pokal, und in Wimbledon wirkt er schon wieder unerschütterlich.Halbfinal-Gegner Arthur Fery tauchte wie aus dem Nichts auf und ist plötzlich der Retter des britischen Tennis.Auch wenn der Weltranglistensiebte Taylor Fritz aus den USA Knieprobleme hatte: Zverev ließ ihn im Viertelfinale, das er erstmals im All England Club erreichte, teils wie einen Lehrling aussehen. „Ich habe mein Spiel etwas an Rasen angepasst. Es funktioniert dieses Jahr ziemlich gut“, sagte Zverev fast schon lapidar, „meine Returnposition, meine Position auf dem Platz allgemein, hat sich verändert. Ich habe es die letzten Jahre immer wieder versucht, mich aber nie ganz wohl dabei gefühlt. Dieses Jahr ist es anders.“Matthias Bachinger, 39, einst Profi und in Wimbledon Zverevs Trainingspartner, erklärte der SZ, dass auch technische Veränderungen den Weltranglistendritten nochmals voranbrachten. „Er holt die Vorhand nicht mehr so hoch aus, zieht flacher durch und geht mit dem Körper hinterher“, sagte der Münchner, „früher neigte er dazu, in Rücklage zu geraten.“ Mehr Beschleunigung ist die Folge. Und weil Zverev beim Aufschlag die Höhe des Ballwurfs verringert hat und seine Spieleröffnung damit kompakter und verlässlicher wurde, hat sein gesamtes Spiel eine völlig neue Wucht erhalten.Die nun in einem Halbfinale von einem Gegner auf die Probe gestellt wird, dem Zverev, der zum zwölften Mal in der Runde der letzten Vier bei einem Grand-Slam-Turnier steht, mit diesem Profil zumindest noch nie gegenüberstand. Zverev galt früh als Hochbegabter und hat sich mit der Unterstützung seiner russischen Eltern von unten nach oben gearbeitet. Arthur Fery tauchte dagegen wie aus dem Nichts auf und ist plötzlich der Retter des britischen Tennis. Runde für Runde rückte er ins Rampenlicht und musste sich erst mal vorstellen.Freudenplumpser: Arthur Fery lässt sich nach seinem Viertelfinalsieg gegen den French-Open-Finalisten Flavio Cobolli auf den Rasen fallen. Marko Djurica/ReutersSo erfuhr die staunende Öffentlichkeit: Fery wurde in der Nähe von Paris geboren, ging in Wimbledon zur Schule, später war er an der Elite-Uni in Stanford, sein Englisch klingt wie das eines Diplomaten. Schon jetzt dürfte Fery zu den vermögendsten Profis zählen, was an seinem Vater liegt. Loic Fery ist ein Hedgefonds-Manager, ihm gehört der französische Fußballerstligist FC Lorient. Mutter Olivia war selbst Tennisspielerin und nahm mal an den French Open teil. Fery fliegen unüberhörbar auf dem Centre Court die Herzen zu, was Zverev in dieser Dimension nicht widerfährt. Das liegt daran, dass er kein Brite ist. „Natürlich weiß ich, dass 99 Prozent der Zuschauer für ihn sein werden“, sagte er gelassen. „Aber ich genieße solche Stimmungen auch. Ich mag es, wenn die Energie so hoch ist.“Auffallend ist aber auch, wie dürftig die internationale Berichterstattung zu Zverev ausfällt, obwohl er der herausragende Grand-Slam-Spieler dieser Saison ist. Viele Reporter, das ist kein Geheimnis, meiden nach wie vor oder mehr denn je seine Pressekonferenzen. Die öffentlich nie vollständig aufgearbeiteten Vorwürfe zweier Ex-Partnerinnen wirken offensichtlich immer noch nach. Nach den French Open hatte Zverev ein Interview mit der Sportzeitung L’Équipe nach einer Frage zu seiner Vergangenheit abgebrochen. Die Daily Mail legte sich am Donnerstag fest: „Das wird mit Sicherheit erneut Thema sein, sollte er das Wimbledon-Finale am Sonntag erreichen.“ Das Blatt wies richtig darauf hin: „Zverev hat jegliches Fehlverhalten stets bestritten.“Zverev blickt, und das ist nur allzu berechtigt, voller Zuversicht auf die Partie am Freitag. Zum einen freue er sich auf Fery („eine tolle Geschichte“), zum anderen vertraue er dem Publikum: „Für mich sind die britischen Zuschauer hier in Wimbledon immer recht fair.“ Dass ihm seine Grand-Slam-Erlösung in Paris auch innere Ruhe verschaffte, machte er mit einem weisen Schlusswort deutlich: „Es steht viel auf dem Spiel. Letztlich habe ich aber gelernt, dass ein Tennisspiel nur ein Tennisspiel ist. Niemand wird sterben. Ihr Leben wird sich nicht drastisch verändern. Wir werden weiterleben.“