Um 17.24 Uhr machte sich Unruhe im zweitgrößten Stadion des Rasenklassikers in Wimbledon breit, die Zuschauer im Court No. 1 wussten längst: Die Partie, der sie bewohnten, würde gleich vorbei sein. Ein letztes Mal brandete nach dem Seitenwechsel, als Alexander Zverev und Taylor Fritz die Grundlinien betraten, lauter Applaus auf, und es war eine skurrile Parallelität, dass auch vom benachbarten Centre Court ständig euphorischer Lärm zu vernehmen war. Zwei Viertelfinalpartien waren an diesem Mittwochnachmittag im All England Club angesetzt gewesen, und beide verliefen völlig anders, als wahrscheinlich selbst die größten Experten und früheren Champions, von denen es hier nur so wimmelt, gemutmaßt hatten. Zverev, der frische French-Open-Sieger, überrollte seinen vermeintlichen Angstgegner Fritz aus den USA mit 6:4, 6:4, 6:2. Und nebenan setzte der britische Wildcardmann Arthur Fery seinen wundersamen Lauf fort. Der 23-Jährige besiegte Zverevs Paris-Endspielgegner Flavio Cobolli aus Italien mit 6:4, 7:6 (4), 6:0.„Es fühlt sich toll an, ich hoffe, dass ich noch zweimal spielen kann“, sagte Zverev strahlend beim kurzen Interview auf dem Platz. Ihm war sofort bewusst, an welch besonderem Ort er seine Glanzleistung vollbracht hatte. „Das ist eine der größten Ehren, hier oder im Hauptstation zu spielen.“ Als ihm mitgeteilt wurde, dass er am Freitag auf Fery treffe, antwortete Zverev fröhlich: „Ihr könnt alle für Fery sein.“ Da hatte er die Lacher auf seiner Seite.„Ihr könnt alle für Fery sein“: Ein gelöster Alexander Zverev mach Späßchen mit dem PublikumEr hätte ohnehin jeden Gegner genommen, aber dass er dem Weltranglisten-114. beim Kampf um den Einzug ins Finale gegenüberstehen wird, ist nicht die schlechteste Perspektive für ihn. Da kann man schon mal Späßchen machen. „Es wird ein aufregender Tag für uns beide. Er erlebt ein Märchen.“ Dabei machte er ein Wortspiel und sagte statt des korrekten Begriffes fairy tale nur Fery tale. Und wieder waren alle amüsiert. Ernst beendete er seinen kleinen Vortrag und meinte: „Ich muss mir vertrauen. Ich muss meinem Tennis vertrauen.“ Genau so ist es.Für Zverev entwickelt sich diese Wimbledon-Auflage immer mehr zu einem Turnier, bei dem er Serien beendet. Im Achtelfinale besiegte er in Jiri Lehecka erstmals im All England Club, bei seiner zehnten Teilnahme, einen Spieler aus dem Top 20; der Tscheche ist 14. der Weltrangliste. Zverev erreichte erstmals mit diesem Erfolg das Viertelfinale, nun sogar erstmals das Halbfinale. Ebenfalls besonders: Er ist der fünfte deutsche Spieler der Profi-Ära (seit 1968) im Wimbledon-Halbfinale – nach Boris Becker (neunmal), Michael Stich (zweimal), Rainer Schüttler und Tommy Haas.Mit einer Prognose, die er vor diesem Duell am Mittwoch geäußert hatte, sollte Zverev recht behalten. Es war nicht wirklich unterhaltsam, zumindest nicht in dem Sinne, dass sich viele variantenreiche Ballwechsel ergaben. Beide ähneln einander in der Spielanlage zu sehr. Zverev fand rumpelig in die Partie. Bei 0:1 musste er gleich zwei Breakbälle abwehren. Umgehend nahm er Fritz dessen Aufschlagspiel zum 2:1 ab und fuhr den Satz souverän ein.Völlig chancenlos: der Weltranglistensiebte Taylor Fritz aus den USA. Kin Cheung/AP PhotoDass statistische Werte für Zverev relevanter geworden sind, hatte er nach seinem Achtelfinalsieg verdeutlicht. Auf der Pressekonferenz legte er sich, seine Siegchancen gegen Fritz betreffend, so fest: „Wenn ich die Vorhand nicht mit 76 Meilen, sondern 84 Meilen pro Stunde schlage, wenn der Aufschlag mit 133 Meilen pro Stunde, die Rückhand mit 80 Meilen pro Stunde kommt, dann werde ich das Match gewinnen.“ Den Fakt, dass Fritz für ihn so etwas wie ein Angstgegner sein könnte, wischte er dagegen radikal beiseite. Dass er die letzten sieben Partien gegen den Kalifornier verloren hatte? „Er war in besserer Form“, befand Zverev im Rückblick. „Das ist halt keine rocket science. Manchmal ist es so einfach.“Gut, das war mindestens geflunkert, aber spätestens seit den vergangenen French Open hat Zverev ja einen mentalen Trick für sich entdeckt. Nach seinem ersten Grand-Slam-Titel räumte er ein, dass er – als er nach dem Aus des Weltranglistenersten Jannik Sinner aus Italien zum Topfavoriten aufgestiegen war – seine Coolness in seiner neuen Rolle nur vorgespielt hatte. „Jetzt kann ich auch ehrlich sein. Ich habe mich selbst angelogen. Für meinen eigenen guten Zweck“, gab er zu. Dass Zverev einmal ein Anhänger der Theorie der selbsterfüllenden Prophezeiung werden würde, ist auch eine überraschende Entwicklung. Aber die Methode wirkt hervorragend.Das Viertelfinale wirkte zunehmend so, als sei Zverev der Angstgegner von Fritz und nicht umgekehrt. Oder man konnte auch sagen: Zverev war der bessere Fritz. Alles, was der US-Amerikaner machte, machte Zverev in Summe eine Nuance besser. Nach 1:22 Stunden hatte er den zweiten Satz, nach dem Break zum 5:4, eingefahren. Fritz, der sich zu Beginn dieses Durchgangs am rechten Knie behandeln ließ, war weit entfernt von seiner Bestform. Zverev konnte das egal sein, er spulte konsequent seine Klasse herunter. Dieser Zverev von 2026 ist der effizienteste und klarste, den es je gab. Im dritten Satz breakte Zverev den chancenlosen Fritz zum 2:1 und 4:1, jetzt wurde das Ganze zur Demütigung für den Weltranglistensiebten.
Alexander Zverev überrollt Angstgegner Taylor Fritz und stürmt ins Halbfinale
Alexander Zverev trifft im Wimbledon-Halbfinale auf den britischen Wildcardmann Arthur Fery










