Wimbledon ist, wenn vieles anders kommt als erwartet. Wenn zum Beispiel Alexander Zverev nach sieben Niederlagen nacheinander plötzlich seinen mutmaßlichen Angstgegner besiegt, zum ersten Mal auf dem Londoner Rasen einen Top-Ten-Spieler schlägt und ins Halbfinale einzieht. Oder wenn ein bislang weithin unbekannter Brite namens Arthur Fery, der erst beim dritten Blick auf die Weltrangliste zu finden ist und nur dank einer Wildcard des Veranstalters an dem Rasenklassiker teilnehmen darf, sensationell in der Runde der letzten Vier steht.Nun darf man gespannt sein, wie der frischgebackene French-Open-Sieger aus Deutschland und der frühere Stanford-Student sich am Freitag im Halbfinale schlagen. „Es wird ein aufregender Tag für uns beide“, sagte Zverev, der Ferys Vorankommen als „Märchen“ bezeichnete.Zverev ist nach seinem 6:4, 6:4, 6:2-Sieg gegen den Amerikaner Taylor Fritz am Mittwoch im Viertelfinale der erste Deutsche seit Tommy Haas 2009, der beim Rasenklassiker das Halbfinale erreicht hat. Das Abschneiden Ferys, der fast zeitgleich den Italiener Flavio Cobolli 6:4, 7:6, 6:0 besiegte, ist weitaus sensationeller: Nach dem späteren Champion Goran Ivanisevic 2001 ist die aktuelle Nummer 114 der Weltrangliste der zweite Wildcard-Günstling, der in ein Wimbledon-Halbfinale einzieht.Das andere Halbfinale hat dagegen die erwartete Besetzung: Jannik Sinner, Titelverteidiger und Weltranglistenerster, trifft auf Novak Djokovic, Rekord-Grand-Slam-Champion und 39 Jahre alt. „Ich bin extrem glücklich, im Halbfinale zu sein“, sagte Zverev und gab zu: „Es steckt im Hinterkopf, dass dein Gegner dich zwei Jahre lang geschlagen hat. Er habe „ein perfektes Match“ spielen müssen.Zverev hat in den vergangenen Wochen einige schwarze Serien hinter sich gelassen. In Paris gewann er seinen ersten Grand-Slam-Titel, nach dem er sich so lange verzehrt hatte. In Wimbledon besiegte er in Jiri Lehecka endlich einmal einen Kollegen aus den besten Zwanzig und dadurch zog zum ersten Mal ins Viertelfinale ein.Die Niederlagenserie hat ein EndeNun sorgte der Neunundzwanzigjährige mit einer bärenstarken Leistung dafür, dass sie Niederlagenserie gegen den ein Jahr jüngeren Fritz Vergangenheit ist. Sollte Zverev noch einen Schritt weitergehen und im Finale auf Sinner treffen, gäbe es wieder etwas gutzumachen: Gegen den Italiener hat er im September 2023 zuletzt gewonnen und seither neunmal verloren.Das Duell gegen Fritz fand diesmal unter anderen Vorzeichen statt als die 15 bisherigen Matches: Offenbar macht es tatsächlich etwas mit einem Gegner, wenn der Typ auf der anderen Seite plötzlich als Grand-Slam-Sieger auftaucht. Nicht Zverev als vorheriger Serienverlierer wirkte so, als ob er sich gegen seinen vermeintlichen Angstgegner etwas Besonders einfallen lassen müsste, sondern der Amerikaner sah sich zum Risiko gezwungen.Starke Worte kein Pfeifen im WaldeDamit wurde letztlich auch klargestellt, dass Zverevs starke Worte vor dem Match kein Pfeifen im Walde waren, sondern echter Überzeugung entsprangen. „Wenn ich die Vorhand nicht mit 76 Meilen, sondern 84 Meilen pro Stunde schlage, wenn der Aufschlag mit 133 Meilen pro Stunde, die Rückhand mit 80 Meilen pro Stunde kommt, dann werde ich das Match gewinnen“, hatte der Hamburger gesagt.Zverev gewann zu Beginn den Münzwurf und entschied sich für Rückschlag. Das konnte man zunächst komisch finden, stellte sich aber als gute Idee heraus. Der Hamburger las den ersten Aufschlag des Amerikaners besser als Fritz den des Deutschen. Zudem war auch seine Quote deutlich besser. In der Folge gelang dem French-Open-Sieger das Break zum 2:1. Den Vorteil gab er nicht mehr aus der Hand.Das eine oder andere Ass half ihm, den ersten Satz mit 6:4 für sich zu entscheiden. Überhaupt kamen Zuschauer, die sich an schnellen und variablen Aufschlägen zu ergötzen wissen, mehr auf ihre Kosten als jene, die sich an fintenreichen Ballwechseln erfreuen. Am Ende hatte Zverev 14 Asse geschlagen, Fritz sogar drei mehr.Kam es zu Grundlinienduellen, setzte Zverev die Stiche. Nachdem Fritz im zweiten Satz sein Aufschlagspiel zum 2:1 gewonnen hatte, ließ er sich medizinische Hilfe holen und am rechten Knie behandeln. Zverev blieb bei sich und spielte kontrolliert offensiv. Der Lohn war ein weiteres Break zum 5:4, wenige Minuten später lag der Deutsche 2:0-Sätze vorne. Der letzte Durchgang war eher Formsache. Nun wird es Zverev mit einem zu tun bekommen, dessen Namen ihm bislang keine Albträume bereitete – weil er damit wenig Furchteinflößendes in Verbindung brachte.