Manchmal glaube ich, dass Politiker, gerade die in Berlin, doch sehr romantische Vorstellungen davon haben, wie das Leben als Hausarzt so aussieht. Etwa so: In den strahlenden Sommermonaten steht der Hausarzt auf der Terrasse seines Anwesens irgendwo auf einem Landgut und begrüßt die vereinzelten Patienten, die vorbeikommen, persönlich mit Handschlag. Für jeden Kranken ist jede Menge Zeit, jede Frage kann ohne Zeitdruck beantwortet werden, und beim Gehen drückt der Arzt allen eine der Zitronen in die Hand, die in seinem Garten wachsen.Nur wer glaubt, dass Hausärzte heute so arbeiten, kann sich nämlich eine solche Neuregelung für Krankschreibungen ausdenken, wie sie gerade beschlossen wurde. Sie haben sicher davon gehört: Vom kommenden Jahr an soll die Krankschreibung bereits am ersten Tag beim Arbeitgeber vorliegen. Jeder, der unter Husten, Schnupfen oder Heiserkeit leidet, muss also von einem Arzt, am besten gleich morgens, gesehen und krankgeschrieben werden.Die Realität in der Versorgung hat aber leider wenig mit einem Landgut, selbst geernteten Zitronen und nur gelegentlich auftauchenden Patienten zu tun. Die Wirklichkeit ist: Immer weniger Hausärzte müssen immer mehr Patienten versorgen – und nun sollen sie auch noch Volkserzieher oder Hilfspolizisten sein und für die Politik kontrollieren, ob wirklich jeder Schnupfen eine Krankmeldung nötig macht oder nicht.Sie nehmen anderen die Termine wegKlar, es gibt Leitschienen, an die wir uns halten, an denen wir etwa ablesen können, wie schwer jemand krank sein muss, um eine bestimmte Anzahl von Tagen krankgeschrieben zu werden. Bei einer Erkältung schreibe ich andere Zeiträume auf den Zettel als etwa bei Magen-Darm-Erkrankungen oder Rückenschmerzen. Und ja, ich merke auch, wenn jemand gerne noch einen Tag heraushandeln möchte. Aber was soll ich dann tun? Schreibe ich jemanden zu kurz krank, steht er nach zwei Tagen wieder in der Praxis und berichtet von weiterem Leid. Genau diese Patienten nehmen anderen dann Termine weg, kosten Zeit und Nerven, ohne dass sie wirklich krank sind.Bei uns sind die Termine immer voll, und die Notfalltermine für jeden Tag sind innerhalb von spätestens einer Stunde vergeben. Wir haben keine Zeit, Aufpasser für die Politik zu spielen. Aber offensichtlich leben viele Politiker in einer solchen Blase, dass sie gar nicht wissen, wie knapp Termine für gesetzlich Versicherte sind und wie wenig Zeit Hausärzte haben, um eine gute Versorgung zu leisten.Aber nur immer zu motzen, bringt ja nichts. Deshalb will ich auch zwei Lösungsansätze für die Politik vorschlagen.Hausärzte allein können das Problem nicht lösenErstens sollte man das Primärarztsystem endlich konsequent umsetzen. Ein fester Hausarzt kennt seine Patienten in der Regel gut und hat einen lückenlosen Überblick darüber, wer wann wie lange krank war.Zweitens sollte die Telemedizin deutlich stärker gefördert werden; sie könnte gegen überfüllte Praxen und knappe Termine helfen.Nur zur Klarstellung: Ich sehe durchaus, dass der Umgang mit Krankheit und Arbeit in unserer Gesellschaft so manchen Wandel erlebt hat. Immer wieder höre ich Sprüche wie „Wer arbeitet, ist selbst schuld“ oder „Das wahre Leben fängt nach dem Arbeiten an“. Wenn Arbeit, Einsatz und Engagement nicht wieder einen Wert bekommen, werden wir an der hohen Zahl der Krankschreibungen auch mit der neuen Regelung nichts ändern. Die Idee, dass alleine die Hausärzte das Problem lösen, ist keine gute.Liebe Leserinnen und Leser, ich wünsche Ihnen sehr, dass Ihre Arbeit Sie nicht belastet, sondern bereichert, dass Sie einen Sinn darin sehen und in einem Team arbeiten, in dem Sie sich so wohl fühlen, dass Sie gar nicht so oft krank werden wollen – weil sonst ja die lieben Kollegen alles auffangen müssen.Es grüßt Sie herzlichst aus dem Oberbergischen Kreis – Ihr LandarztDr. Thomas Aßmann, 63 Jahre alt und Internist, hat eine Praxis im Bergischen Land und berichtet hier regelmäßig über seine Arbeit und das, was seine Patienten beschäftigt.
Neue Regeln bei Krankschreibung: Hausärzte sehen Versorgung in Gefahr
Künftig sollen Ärzte Berufstätige schon ab dem ersten Tag krankschreiben. Unser Kolumnist befürchtet, dass dadurch die Versorgung leiden wird – und die Hausärzte auch.









