PfadnavigationHomeRegionalesHessenKrankschreibung: Arzt fürchtet «massiven Mehransturm»Stand: 16:04 UhrLesedauer: 3 MinutenDer Wiesbadener Hausarzt Christian Sommerbrodt warnt vor einem Ansturm auf die Arztpraxen.Quelle: Handout/Hausärzteverband Hessen/dpaArbeitgeber hoffen durch strengere Regeln bei Krankschreibungen auf einen niedrigeren Krankenstand. Ein Hausarzt warnt dagegen vor überfüllten Praxen und schlechterer Versorgung chronisch Kranker.In der Debatte über Krankschreibungen in Hessen prallen die Positionen von Ärzten und Arbeitgebern aufeinander. Der Wiesbadener Hausarzt Christian Sommerbrodt hält die angekündigten Pläne des Koalitionsausschusses von Union und SPD für einen schweren Fehler und warnt eindringlich vor den Folgen verschärfter Regeln. Sollte eine Krankmeldung vom ersten Tag an nötig sein, fürchtet der Mediziner einen «massiven Mehransturm von Patienten» in den Praxen.Darunter würde aus seiner Sicht vor allem die Versorgung besonders verletzlicher Menschen leiden. «Unsere chronisch kranken Patienten, die eigentlich Vorrang haben müssten, könnten wir dann womöglich nicht mehr so intensiv betreuen», sagte Sommerbrodt. Gemeint seien etwa Menschen mit Diabetes, Herzerkrankungen oder chronischen Schmerzen. «Wir Hausärzte sind in erster Linie dafür da, genau diese Patienten zu betreuen. Aber wir sind doch keine Krankschreiber», betonte der Mediziner, der zugleich der Vorsitzende des Hausärzteverbandes Hessen ist.Unternehmer: Signal gegen hohen KrankenstandDie Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände (VhU) bewertet die Beschlüsse dagegen als «wichtiges Signal für die Reformfähigkeit Deutschlands». VhU-Präsident Wolf Matthias Mang erklärte: «Die Maßnahmen gegen hohen Krankenstand gehen in die richtige Richtung. Das begrüßen wir ausdrücklich.»Der Hausärzteverband hingegen kritisiert die Pläne als «versorgungspolitischen Fehlgriff». Neben zusätzlichen Pflichtkontakten ohne medizinischen Mehrwert drohten volle Wartezimmer und ein Generalverdacht gegenüber Beschäftigten sowie Ärztinnen und Ärzten. «Was machen außerdem die Patienten, die keine Krankmeldung am ersten Tag kriegen, weil sie gar keinen Termin bei irgendeinem Arzt bekommen?», fragte Sommerbrodt. Auch zusätzliche Akutsprechstunden könnten da nur begrenzt helfen.Praxen fehlt SteuerungsinstrumentSommerbrodt fordert stattdessen: «Wer die Primärversorgung stärken will, muss Patientinnen und Patienten einer verantwortlichen Hausarztpraxis verbindlich zuordnen und diese Praxis mit allen sinnvollen Versorgungsinstrumenten ausstatten - dem persönlichen Kontakt, der Videosprechstunde und in geeigneten Fällen dem Telefon», erklärte er. Die Koalition tue jedoch das Gegenteil: «Sie nimmt den Praxen ein bewährtes Steuerungsinstrument weg und schickt dafür leicht Erkrankte massenhaft ins Wartezimmer.»Die telefonische Krankschreibung war während der Corona-Pandemie eingeführt worden, um Wartezimmer zu entlasten und hohe Fallzahlen besser zu bewältigen. Sommerbrodt bemängelte, es sei unverständlich, warum die telefonische ärztliche Anamnese ausgeschlossen werden solle, während die Videosprechstunde zulässig bleibe. Ein Videobild ersetze weder die körperliche Untersuchung noch die Kenntnis der Krankengeschichte.Keine belastbaren Hinweise auf MissbrauchBelastbare Hinweise auf systematischen Missbrauch sieht der Verband indessen nicht. Analysen und Kassen-Auswertungen hätten keinen systematischen Missbrauch festgestellt. «Wer Missbrauch behauptet, muss ihn mit Daten belegen», bekräftigte der Verbandsvorsitzende.Die VhU warnt dagegen schon seit längerem vor Missbrauch bei telefonischen Krankschreibungen und fordert, diese Möglichkeit möglichst schnell wieder abzuschaffen. Missbrauch sei zwar nicht die Regel, komme aber vor, sagte VhU-Hauptgeschäftsführer Dirk Pollert. Die telefonische Krankschreibung senke die Hürden für sogenanntes «Blaumachen» und belaste Unternehmen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten zusätzlich. Die Kosten für die Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall beliefen sich hessenweit schätzungsweise auf mehr als sechs Milliarden Euro pro Jahr, rechnete er kürzlich vor.dpa-infocom GmbH