Die Ärzte kritisieren die schärferen Regeln zur Krankschreibung – der Kanzler signalisiert PragmatismusKünftig soll in Deutschland die Möglichkeit zur telefonischen Krankschreibung entfallen. Die Ärzte fürchten Überlastung.03.07.2026, 10.38 Uhr2 LeseminutenIn einer Nürnberger Arztpraxis.DPADie deutschen Ärzte lassen kein gutes Haar an den Beschlüssen, die die Regierungskoalition am Donnerstag zur Krankschreibung vorgestellt hat. Von Irrsinn und katastrophalen Beschlüssen ist die Rede.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Kritik der Ärzteschaft bezieht sich vor allem darauf, dass künftig die Möglichkeit zur telefonischen Krankschreibung entfallen soll. Diese war während der Corona-Pandemie zur Entlastung der Arztpraxen eingeführt worden.Ausserdem besteht künftig eine Attestpflicht ab Tag 1 der Arbeitsunfähigkeit. Bis anhin war eine formelle Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung durch einen Arzt erst am vierten Tag der Krankheit nötig – ausser der Arbeitgeber bestand bereits vorher auf einem Attest.Ärzte fürchten BürokratiewelleAus Sicht des Vorsitzenden des Hausärzteverbandes, Markus Blumenthal-Beier, sind die Beschlüsse der Koalition katastrophal. «Auf unsere Praxen kommt damit eine riesige Bürokratiewelle zu, die kaum zu bewältigen sein wird», sagte er im Gespräch mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. «Die Koalition macht sich mit diesen vollkommen faktenfreien Beschlüssen nicht nur unglaubwürdig, sie nimmt auch die komplette Überlastung unserer Praxen billigend in Kauf.» Wirklich bedürftige Patienten trügen das Nachsehen.Noch drastischer äusserte sich der dreiköpfige Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Demnach grenze es an Irrsinn, abertausende Menschen zusätzlich in die Praxen zu jagen für das reine Ausfüllen von Zetteln. «Wer hustet, eine Magen-Darm-Infektion hat, gehört ins Bett – und nicht in die übervolle Praxis», so der Vorstand der KBV.Die organisierte Ärzteschaft betont, dass die Einführung der telefonischen Krankschreibung nicht zu einer Zunahme der Fehltage geführt habe. Es handele sich vielmehr um einen statistischen Effekt infolge vollständigerer Erfassung. Tatsächlich wird seit Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zum Jahresbeginn 2022 umfassender erfasst.Auch das Statistische Bundesamt führt die Zunahme von 3,6 Fehltagen von 2021 auf 2024 mit 14,8 Tagen auf automatische elektronische Erfassung zurück.Bei der Vorstellung der Beschlüsse nannte der Kanzler die Zahl der Fehltage in Deutschland zu hoch. Angesichts der Kritik der Ärzteschaft signalisierte er jetzt aber Pragmatismus, verteidigte zugleich die Neuregelung.«Sie müssen nicht am ersten Tag in die Arztpraxis», sagte er am Donnerstagabend im ZDF. Entscheidend sei vielmehr, dass der Arbeitnehmer ab dem ersten Fehltag eine Krankschreibung vorlegen könne. Unklar blieb, was genau sich der Kanzler darunter vorstellte. Merz verwies zudem darauf, dass Unternehmen frei seien, andere Regelungen zu treffen.Ministerin bringt Videosprechstunde ins GesprächFinanzminister und SPD-Chef Lars Klingbeil betonte im Gespräch mit RTL zudem, dass die konkrete Ausgestaltung der Neuregelung noch offen sei. «Die Bundesgesundheitsministerin hat heute schon gesagt: Natürlich müssen wir das Ganze so hinbekommen, dass niemand, der krank ist, dann auch wirklich zum Arzt gehen muss.»Tatsächlich stellte sich Gesundheitsministerin Nina Warken von der CDU hinter die Reform. «Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Hürden für eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung durch die telefonische Krankschreibung deutlich gesenkt wurden», sagte die CDU-Politikerin dem «Stern». «Daher ist es richtig, diese wieder abzuschaffen.» Sie wolle aber sicherstellen, dass digitale Möglichkeiten wie die Videosprechstunde mit dem behandelnden Hausarzt weiterhin möglich seien und verstärkt genutzt würden, zitiert das Magazin die Christlichdemokratin.Passend zum Artikel