Auf weitreichende Änderungen bei den Krankschreibungen durch Arztpraxen hat sich der Koalitionsausschuss von Union und SPD verständigt. So plant Schwarz-Rot, die telefonische Krankschreibung ersatzlos zu streichen, wie die Bundesregierung am Donnerstag mitteilte. Zudem soll die „unrichtige Ausstellung einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung“ (AU) härter bestraft und die „verpflichtende Vorlage“ einer AU „ab dem ersten Tag der Erkrankung“ eingeführt werden. Bislang ist eine ärztliche Bescheinigung erst ab dem vierten Tag vorgeschrieben.Das Vorhaben stieß auf teils heftige Kritik aus der Ärzteschaft. Die Koalition nehme damit „die komplette Überlastung unserer Praxen billigend in Kauf“, sagte etwa der Vorsitzende des Hausärzteverbandes, Markus Blumenthal-Beier, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.Aber wie blicken jene Menschen auf die Pläne, die sie tagtäglich werden ausführen müssen? Drei Hausärzte aus drei Ecken des Landes berichten, was sie für sinnvoll halten – und was überhaupt nicht. Barbara Römer Betreibt eine Praxis in Saulheim, Rheinland-Pfalz „Eigentlich haben wir derzeit ein sehr gutes System. Ich habe in meiner Praxis die Möglichkeit zu entscheiden: Kommt der Patient, weil wir ihn sehen müssen? Braucht es eine Videosprechstunde für einen visuellen Check? Oder weiß ich schon, was Sache ist?Genau das benötigen wir in Zeiten sinkender Arztzeit und wachsendem Versorgungsaufwand wegen einer älter werdenden Gesellschaft: Flexibilität und Bürokratieabbau. Die aktuellen Regelungen bilden das ab. Es ist so bitter, dass uns das jetzt alles genommen werden soll. Hausärztin Barbara Römer fürchtet einen „Bürokratie-GAU“. © privat Meiner Meinung nach werden wir dadurch in einen Bürokratie-GAU laufen, der uns Tag für Tag wertvolle Zeit für die Patienten nehmen wird, die uns wirklich brauchen. Und ganz ehrlich: Ich bin nicht der Formulardepp der Nation. Ich habe nicht sechs Jahre studiert und fünf Jahre Facharztweiterbildung gemacht, um nur noch Formulare zu unterschreiben. Meine Leidenschaft ist die Patientenversorgung.Das ist ein Misstrauensvotum gegen die gesamte in Deutschland tätige Ärzteschaft.Hausärztin Barbara Römer fühlt sich durch die Regierungspläne unter GeneralverdachtDie Krankheitszahlen in Deutschland sind doch seit Jahren stabil – obwohl wir diese Flexibilität entwickelt haben. Selbst die gesetzlichen Krankenkassen haben konstatiert, dass die Einführung der telefonischen AU zu keiner Erhöhung der Zahlen geführt hat. Das Problem ist ein anderes: Etwa drei Prozent aller Krankheitsbilder machen 50 Prozent der Krankheitstage aus, primär orthopädische und psychosomatische Krankheitsbilder.Wir haben kein Problem des Krankfeierns, sondern dass bestimmte Krankheitsbilder zu wahnsinnig langen Ausfällen führen. Und das wird durch dieses Konzept überhaupt nicht gelöst. Das ist irre.Am schlimmsten aber finde ich diesen Satz: ,Die telefonische Krankschreibung wird abgeschafft und die unrichtige Ausstellung einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung nach Paragraf 278 Strafgesetzbuch stärker bestraft.’ Das ist ein Misstrauensvotum gegen die gesamte in Deutschland tätige Ärzteschaft. Das ist nicht nur eine Missachtung unserer Professionalität und unserer ärztlichen Kompetenz, das ist ein Affront.Vertrauen ist die Überschrift jeder Arztpraxis. Und jetzt kommt die Bundesregierung und sagt: Wir haben kein Vertrauen in euch. Sie konstatiert damit ein tiefgreifendes Misstrauen gegenüber der arbeitenden Bevölkerung und den sie versorgenden Ärztinnen und Ärzten. Als Konsequenz daraus wird die Kontrolle hochgefahren – und weil man ja nicht alles kontrollieren kann, werden die Strafen noch verschärft. Das ist nicht nur rückwärtsgewandt. Das zerstört so viel, das macht etwas mit dieser Gesellschaft.“ Ulrike Reinsch Betreibt eine Praxis in Erfurt, Thüringen „Offen gestanden halte ich die telefonische Krankschreibung für unlauter. In dieser Logik müsste man doch sagen: Dann braucht es gar keinen Arzt, dann kann sich jeder selbst abmelden. Ulrike Reinsch bietet in ihrer Praxis schon lange keine telefonische Krankschreibung mehr an © privat Hier in der Praxis nutzen wir diese Möglichkeit schon lange nicht mehr. In der Hochphase der Corona-Pandemie hatte das noch Sinn, doch wir haben schnell wieder davon abgesehen. Stattdessen bestehen wir weiterhin darauf, dass die Patienten sich bei uns persönlich vorstellen.Sicher, es gibt auch vollkommen nachvollziehbare Anliegen von Menschen, die einen einfachen Befund haben und bei denen es gar keinen echten sachlichen Grund gibt, in die Arztpraxis zu gehen. Wir sehen aber leider auch die Fälle, denen es wirklich zu einfach gemacht wird. Manchmal hat sich im Telefonat herausgestellt, dass jemand gar nicht in der Stadt ist, sondern etwa auf Kreta im Urlaub – und trotzdem gerne eine Krankschreibung haben möchte. Wir haben dann gesagt: Nein, wir machen das grundsätzlich nicht.Manchmal hat sich im Telefonat herausgestellt, dass jemand gar nicht in der Stadt ist, sondern etwa auf Kreta im Urlaub.Hausärztin Ulrike Reinsch hält die Reformvorschläge für sinnvollDie Aufregung um die Attestpflicht ab dem ersten Tag verstehe ich nicht. Es ist doch längst festgelegt, dass es keine rückwirkende Arbeitsunfähigkeit geben soll – und man in begründeten Ausnahmefällen bis zu drei Tage zurückdatieren darf. Wenn aber jemand am Mittwoch zu mir kommt und sagt, er habe am Montag nicht arbeiten können, weil es ihm nicht so gut ging, bekommt er von mir keine rückwirkende Krankschreibung.Was mich betrifft, rechne ich nicht damit, dass es durch die neue Regelung viel mehr Arbeit sein wird – wir ändern ja unser Regime nicht. Außerdem ist die Attestpflicht ab dem ersten, zweiten oder dritten Tag häufig ohnehin schon in Tarifverträgen geregelt. Das ist dann auch eine Frage, wie die Arbeitgeber damit umgehen.Es wird eine Menge Leute geben, die dieser implizite Vorwurf des Blaumachens zu Unrecht trifft. Es gibt aber auch eine wesentlich kleinere Menge, die das zu Recht trifft. Und wenn man bedenkt, wie leicht man sich heute über Telemedizin, von vollkommen unbekannten Ärzten, eine Arbeitsunfähigkeit holen kann, dann muss man einfach sagen: Das können wir so nicht weiter betreiben.“ Lutz Weber Betreibt eine Praxis in Laupheim, Baden-Württemberg „Ich sehe in den Plänen die falsche Entscheidung – und für die Praxis und unsere Organisation sind sie die reinste Katastrophe. Die Praxen sind schon jetzt voll, wir sind an unserer Kapazitätsgrenze, manche Praxen darüber hinaus. Lutz Weber sorgt sich angesichts der Pläne um die Versorgung zeitintensiver Fälle. © HÄVBW, Jan Winkler Schon heute sieht es montags so aus, dass wir enorme Bereiche für jene freihalten müssen, die aus dem Wochenende mit Erkältung kommen. Wenn nun, wie von der Bundesregierung angedacht, noch viel mehr Menschen mit banalen Infekten in die Praxis drängen, weil sie ja die Krankmeldung gleich am ersten Tag benötigen, dann verstopfen sie unsere Termine.Die Arbeitsmoral hängt in meinen Augen nicht davon ab, ob man ein Attest bringt oder nicht.Hausarzt Lutz Weber kann in seiner Praxis keinen Missbrauch von Krankschreibungen erkennenUns fehlt damit die Zeit für die komplexen und chronischen Erkrankungen, die wir ja auch noch betreuen. Weil wir Infekte verwalten, die wir bisher recht gut mit einer telefonischen Krankmeldung steuern konnten. Das alles bedeutet eine deutliche Mehrarbeit und viel mehr Bürokratie für unsere Praxen.Dabei kann ich nicht bestätigen, dass die Regelung im Übermaß genutzt wurde, um sich mal eben einen Tag freizunehmen. Wir kennen unsere Patienten, wir sehen, wie häufig jemand krank ist. Wenn wir den Eindruck hatten, dass da etwas nicht mit rechten Dingen zuging, haben wir den Patienten selbstverständlich einbestellt.Ich bin aber auch der Meinung: Jemand, der simuliert und eine Krankmeldung möchte, bekommt die auch so. Dann sitzt er halt zwei Stunden im Wartezimmer, um diese Krankmeldung zu bekommen. Die Arbeitsmoral hängt in meinen Augen nicht davon ab, ob man ein Attest bringt oder nicht.“
„Bin nicht der Formulardepp der Nation“: So denken Hausärzte über die schwarz-roten Pläne zur Krankschreibung
Keine Telefon-AU, Attest ab dem ersten Tag: Für die einen sind diese Pläne ein Misstrauensvotum gegen Ärzte wie Patienten, für andere längst überfällig. Wie sehen es Praktiker? Drei Hausärzte reden Klartext.












