Die schwarz-rote Koalition hat sich darauf verständigt, die telefonische Krankschreibung abzuschaffen. Außerdem soll ein Arzt-Attest künftig ab dem ersten Krankheitstag Pflicht werden. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte in der Vergangenheit mehrmals Bezug auf einen in Deutschland hohen Krankenstand genommen. Der Plan stößt bei den Hausärztinnen und Hausärzten auf Unverständnis – weil sie einen Ansturm auf die Praxen befürchten und einen Generalverdacht gegen Beschäftigte vermuten.WirtschaftsWoche: Frau Buhlinger-Göpfarth, Sie sind Hausärztin. Wann ist aus Ihrer Sicht jemand krank und sollte lieber nicht arbeiten? Nicola Buhlinger-Göpfarth: Man sollte auf keinen Fall zur Arbeit gehen, wenn ein starker Verdacht besteht, dass man andere ansteckt. Ein Norovirus zum Beispiel kann das ganze Büro lahmlegen, wenn Sie sich hinschleppen und die Kollegen möglicherweise anstecken. Krank sein hängt auch von den Umständen ab. Wenn der Patient sich als nicht arbeitsfähig einschätzt, auch weil er einen körperlich herausfordernden Arbeitsplatz mit Belastungen hat, schreibe ich ihn als Hausärztin eher krank als vielleicht den Finanzbeamten, der im Sitzen arbeitet.Sind manche eher großzügig mit sich selbst, wenn sie bei Ihnen auftauchen und eine Krankschreibung erfragen?Wir kennen unsere Pappenheimer in der Hausarztpraxis. Ich kann aus meiner 25-jährigen Tätigkeit berichten: Die allermeisten Patientinnen und Patienten verhalten sich sehr korrekt. Wenn mal einer dabei ist, bei dem ich Zweifel habe, sage ich ihm, dass wir hier nicht „Doc Holiday“ sind. Dann sage ich: Vielleicht gehen Sie doch arbeiten, oder ich schreibe vielleicht einen Tag auf und lasse ihn am nächsten Tag nochmal antreten. Zur Person Nicola Buhlinger-Göpfarth ist Bundesvorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes. Die Ärztin mit Praxis in Pforzheim leitet den Verband seit 2023 gemeinsam mit Markus Beier in einer Doppelspitze. Sie leitet ein Hausarztzentrum und ist Lehrbeauftragte an der Universität Heidelberg sowie Professorin an der EUFH Köln.Nun soll ab dem ersten Tag gelten: Wer krank ist, braucht vom Arzt eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung. Bisher galt das ab dem dritten Tag. Was halten Sie von der Änderung? Ich halte das für nicht durchdacht.Die Regierung führt an, dass die Krankenstände so hoch seien. Im Raum steht der Verdacht, dass manche arbeiten könnten, die krankgemeldet sind …In Deutschland fallen Beschäftigte nach Zahlen der OECD im Schnitt 6,8 Prozent ihrer Arbeitszeit wegen Krankheit aus. Damit liegen wir im oberen Mittelfeld der Industrieländer. Die Zahlen geben aber nicht her, dass die Faulheit der Arbeitnehmer in diesem Land das Problem wäre.Sondern?Das Problem liegt woanders. 43,8 Prozent der Krankheitstage kommen zustande, weil Menschen mehr als sechs Wochen krank sind. Da geht es vor allem um psychische Belastungen, beispielsweise Depressionen, oder Erkrankungen des Bewegungsapparats, etwa um Rückenprobleme. Wir sehen auch sehr große Unterschiede zwischen den Betrieben. Das zeigt, dass Betriebe selbst einiges tun können. Da geht es um betriebliches Gesundheitsmanagement. Wie gestalte ich einen Arbeitsplatz? Wie verbessere ich die Umstände, unter denen jemand arbeitet?Arbeitsmarkt Neun Reformen – und trotzdem bleiben gravierende Leerstellen Der Arbeitsmarkt soll flexibler werden. Unternehmen sollen etwa Einstellungen erleichtert werden. Und was ist mit dem Acht-Stunden-Tag? von Sophie CrocollWas ändert sich in den Praxen, wenn alle am ersten Tag eine Krankschreibung brauchen? Ein großer Anteil meiner Patientinnen und Patienten bleibt bisher einen Tag zu Hause und geht am nächsten oder übernächsten Tag wieder zur Arbeit. Wenn die alle an Tag eins in die Praxen drängen, ist das eine Katastrophe. Die Praxen arbeiten jetzt schon unter hohem Druck. Unsere Wartezimmer sind voll. Menschen, die einfach nur ins Bett gehören und am nächsten Tag wieder zur Arbeit können, verstopfen dann unsere Wartezimmer und stecken andere an.Wie müssen wir uns das konkret vorstellen?Das wäre eine Vollkatastrophe. Wir haben Grippewellen im Winter, wir haben Magen-Darm-Wellen um Fasching herum, wir haben Sommergrippe-Wellen. Das überlastet uns dann in den Praxen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass in der Koalition jemand dabeisaß, der Ahnung hat, wie es im Gesundheitssystem aussieht.
AU-Pflicht: „Im Zweifel sage ich, dass wir hier nicht Doc Holiday sind“
Die Chefin des Hausärzteverbandes, Nicola Buhlinger-Göpfarth, empfindet die Pläne der Koalition als Zumutung für Arztpraxen. Das eigentliche Problem seien Langzeitkrankschreibungen.











