PfadnavigationHomeGeschichte80 Jahre WELT2012„Ich habe einen 36 Stunden langen Albtraum hinter mir“Stand: 06:50 UhrLesedauer: 5 MinutenDas Wrack der „Costa Concordia“ lag jahrelang vor der Insel GiglioQuelle: picture alliance/IPA/Gianluca Vannicelli ©/IPABei der Havarie der „Costa Concordia“ vor der italienischen Insel Giglio kamen im Jahr 2012 Dutzende ums Leben, an Bord spielten sich dramatische Szenen ab. Die Katastrophe hatte ein langes Nachspiel. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.Ausnahmen bestätigen die Regel, und das gilt auch für diese: „Der Kapitän geht als Letzter von Bord.“ Ein unrühmliches Beispiel dafür ist Francesco Schettino.Von der Parole „Frauen und Kinder zuerst!“ schien der italienische Schiffsführer ebenso nichts zu wissen, als sein Kreuzfahrtschiff „Costa Concordia“ havarierte. Lange, bevor alle Passagiere evakuiert waren, ging der damals 51-Jährige von Bord. Später behauptete er, er sei ausgerutscht und dabei versehentlich in ein Rettungsboot gefallen. Das glaubte ihm allerdings niemand.Mit 4229 Personen aus 60 Nationen an Bord war die „Costa Concordia“ am Abend des 13. Januar 2012 – es war ausgerechnet ein Freitag, der 13. – vor der toskanischen Insel Giglio auf den vor Ort gut bekannten Felsen „Le Scole“ aufgelaufen, der den Schiffsrumpf aufschlitzte. Die eindringenden Wassermassen ließen den nunmehr manövrierunfähigen 112.000-Tonnen-Liner zur Seite kippen. Bei der Katastrophe gab es 32 Todesopfer, darunter zwölf Deutsche, und etliche Verletzte.Lesen Sie auchWELT zeigte am Montag, dem 16. Januar 2012, auf der Titelseite ein großes Foto des mit starker Schlagseite nur noch halb aus dem Wasser ragenden Schiffs. Dann folgte auf Seite 8 ein detailreicher Bericht über das Drama, das sich an Bord abgespielt hatte: wie sich die Kreuzfahrt durch das Mittelmeer mit dem poetischen Titel „Duft der Zitrusfrüchte“ nach wenigen Stunden zum Albtraum entwickelte. Plötzlich hörten die Passagiere demnach, von denen die meisten gerade beim Abendessen saßen, einen Knall. Dann fiel der Strom aus. In sechs Sprachen sagte der Kapitän durch den Lautsprecher „Keine Panik“, aber da war es längst zu spät. Die Passagiere waren außer sich, das Chaos begann. „Es war so unorganisiert“, sagte Melissa Goduti aus Connecticut. Die Besatzung habe kaum oder auch falsche Anweisungen gegeben, ob und wie das Schiff zu evakuieren sei, und die entsprechende Übung sei ohnehin erst für den Samstag geplant gewesen. Dutzende Passagiere sprangen in Panik von Bord und schwammen an Land. Andere suchten hektisch und verzweifelt – und teils vergeblich – nach freien Plätzen in Rettungsbooten.Eine gigantische Rettungsaktion lief in den folgenden Stunden und Tagen an. Rettungsboote und Schiffe brachten Menschen an Land, Eingeschlossene wurden mit Hubschraubern aus dem Wrack geholt. Unter äußerst riskanten Bedingungen suchten Rettungsteams nach überlebenden Schiffbrüchigen im Wrack. In der Nacht zum Sonntag, mehr als 24 Stunden nach der Havarie, gelang es, ein südkoreanisches Paar aus seiner Kabine im Rumpf des Schiffs zu retten. Die 29-Jährigen wollten ihre Flitterwochen auf dem Schiff verbringen.Am Sonntagmorgen fanden Retter auch das Besatzungsmitglied Marrico Giampetroni – der Italiener hatte mehr als 36 Stunden nach dem Unglück aus den Tiefen des gefluteten Schiffsrumpfs verzweifelt um Hilfe gerufen. Er hatte sich ein Bein gebrochen. Mit einem Hubschrauber bargen die Rettungskräfte den Verletzten und brachten ihn direkt in das Krankenhaus von Grosseto. „Ich habe einen 36 Stunden langen Albtraum hinter mir“, sagte Giampetroni. Spezialeinheiten mit Tauchern versuchten weiter, jede einzelne Kabine des Kreuzfahrtriesen zu überprüfen, der von Civitavecchia bei Rom zu einer einwöchigen Reise durch das westliche Mittelmeer aufgebrochen war. Die „Costa Concordia“ hatte gigantische Dimensionen, an Bord gab es fünf Restaurants, 13 Bars und drei Swimmingpools. Ein Drittel der 1500 Kabinen verfügte über eigene Balkons. Die Leiche des letzten Vermissten wurde erst im Herbst 2014 geborgen, als das Schiff in Genua abgewrackt wurde.Was die „Costa Concordia“ so nah an der Küste zu suchen hatte, sodass es zur Katastrophe kam, blieb zuerst unklar. Spekulationen zufolge hatte Kapitän Schettino den Kurs geändert, um einen besonderen Gruß an die Insel Giglio zu schicken. Es sei eine Tradition, die ein Kapitän eingeführt habe, der auf Giglio zu Hause gewesen sei. Sergio Ortelli, Bürgermeister der Insel, bestätigte, es sei schon ein paar Mal vorgekommen, dass Kreuzfahrtschiffe als kleines Spektakel für die Touristen sich der Küste nähern und die Sirene heulen lassen. Noch nie aber sei dabei der Sicherheitsabstand verletzt worden. Weiterhin wurde spekuliert, Schettino habe seine Geliebte, die sich mit an Bord befand, mit dem waghalsigen Manöver beeindrucken wollen. Schettino beschuldigte derweil den Rudergänger, seine Anweisungen zu spät ausgeführt zu haben. Es habe Verständigungsprobleme auf der Brücke gegeben.Die Katastrophe hatte ein langes Nachspiel. Das riesige Schiffswrack zu bergen, war eine komplizierte Mammutaufgabe, die Hunderte Millionen Euro verschlang. Zunächst wurden rund 2200 Tonnen Treibstoff aus dem Schiff abgepumpt und damit eine enorme Gefährdung für die Umwelt gebannt. Dann wurde das Wrack in eine aufrechte Lage gebracht. Im Januar 2014 starb ein Taucher bei den Arbeiten zur Installation von Schwimmtanks am Schiff. Nachdem die Überführung zur Verschrottung wegen schlechten Wetters mehrfach verschoben werden musste, war es am 23. Juli 2014 endlich so weit: Zwei Schiffe schleppten die Überreste der „Costa Concordia“ nach Genua. Die Zerlegung und Demontage dauerte bis Mitte 2017. Kapitän Schettino wurde unter anderem wegen mehrfacher fahrlässiger Tötung und Körperverletzung im Juli 2013 von der italienischen Staatsanwaltschaft angeklagt. Wegen des großen Medienrummels wurde eigens ein Theater im toskanischen Grosseto zu einem Gerichtssaal umgewandelt. Die Tatsache, dass die „Costa Concordia“ so nahe an die Insel Giglio gefahren sei, habe kommerzielle Gründe gehabt, sagte er nunmehr aus. Außerdem habe er damit einem Kellner einen Gefallen tun wollen, der von der Insel stammt. Schettino wurde 2015 zu 16 Jahren Haft verurteilt. „Fare lo Schettino“ („den Schettino machen“) ist heute in Italien ein geflügeltes Wort. Es steht dafür, sich nach einem verschuldeten Unfall feige aus dem Staub zu machen.Als die ersten Agenturmeldungen zur „Costa Concordia“-Katastrophe einliefen, war Martin Klemrath als Online-Redakteur im WELT-Panorama-Ressort im Dienst und am ersten Tag für diese „Großlage“ zuständig. Es war eine der ereignisreichen Schichten, die er nicht vergessen wird.mit Agenturen
2012: „Ich habe einen 36 Stunden langen Albtraum hinter mir“ - WELT
Bei der Havarie der „Costa Concordia“ vor der italienischen Insel Giglio kamen im Jahr 2012 Dutzende ums Leben, an Bord spielten sich dramatische Szenen ab. Die Katastrophe hatte ein langes Nachspiel. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.













