PfadnavigationHomeGeschichte80 Jahre WELT2003Haarsträubende Versäumnisse führten zur „Columbia“-TragödieVon Johann AlthausStand: 07:23 UhrLesedauer: 5 MinutenDie Trümmer der zerbrochenen Raumfähre „Columbia“ verglühen am 1. Februar 2003 am Himmel über TexasQuelle: picture alliance/AP Photo/Scott LiebermanDer 28. Flug der ersten Raumfähre „Columbia“ endete am 1. Februar 2003 in einer Katastrophe. Alle sieben Astronauten starben. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.Die 113. Landung fand nicht statt. Geplant war sie für 9.16 Uhr Ortszeit am 1. Februar 2003 auf der extra langen Rollbahn des Kennedy Space Centers in Florida. Doch eine gute Viertelstunde vorher kam es an Bord des Space-Shuttles „Columbia“ zur Katastrophe: Während des Wiedereintritts in die Erdatmosphäre nach dem insgesamt 113. Flug eines Space-Shuttles löste sich genau um 8.58.21 Uhr eine Kachel des Hitzeschutzschildes. 17 Sekunden später erfuhren Rick Husband, der Kommandant der Mission, und sein Pilot William McCool, dass es ein Problem gab. Die Sensoren im Cockpit der ältesten US-Raumfähre, die in 22 Jahren 27-mal ins All geflogen war, zeigten an, dass es einen Druckverlust in den Reifen des linken Fahrwerks gebe. Angeblich sei das Fahrwerk ausgefahren und verriegelt – in einer Höhe von noch rund 60 Kilometern absolut tödlich. Husband wandte sich an die Flugkontrolle, doch dann riss, um 8.59.32 Uhr, der Funkkontakt ab. Zuletzt hatte Husband noch die Information bestätigt, dass es eine unklare Fehlermeldung über das linke Fahrwerk gebe. Um genau 9.00.03 Uhr schalteten entweder der Kommandant oder McCool auf manuelle Steuerung um, was sofort revidiert wurde; beides konnte nur von den Plätzen dieser beiden Astronauten aus getan werden. 15 Sekunden später begann der Orbiter auseinanderzubrechen. Selbst auf dem Radar eines Wettersatelliten war die Trümmerspur zu erkennen, die von der „Columbia“ blieb. Mindestens rund 84.000 Bruchstücke fielen zu Boden; so viele wurden offiziell gezählt. Das entsprach etwa 38 Prozent des Shuttles. Mit ziemlicher Sicherheit waren es mehr, doch nicht alle dürften gefunden – und manche einfach nicht gemeldet worden sein. Am weitesten westlich fand sich übrigens die Hitzeschutzkachel, die sich zuerst gelöst hatte; das konnte man anhand der Form später rekonstruieren. Die Trümmer landeten über Hunderte Quadratkilometer verteilt auf dem Boden. In der Nähe von Nacogdoches in Osttexas ging ein Feld in Flammen auf, das von glühenden Metallteilen getroffen worden war. Andere Shuttle-Reste landeten in Gärten, Einfahrten, auf Straßen oder in Wäldern. Ein Augenzeuge meldete, er habe „ein kleines Fahrzeug oder so etwas Ähnliches“ in ein Wasserreservoir stürzen sehen – dort allerdings wurde nichts Entsprechendes gefunden. Viele der 20.000 Hitzeschutzkacheln lagen verbogen, verkohlt, versprengt auf Parkplätzen und in Vorgärten. Wie durch ein Wunder wurde niemand durch herabstürzende Teile verletzt – auch nicht in der Praxis des Zahnarztes Jeff Hancock, durch deren Dach ein Metallbügel schlug. In Norwood fanden Anwohner einen halb zerstörten Helm, Stofffetzen sowie Teile der orangeroten Astronautenanzüge. Rund 30 Kilometer weiter schlug neben einer Landstraße in Hempbill ein menschlicher Torso auf; andere Körperteile lagen verstreut im Umkreis, auch Knochenstücke. FBI-Leute sammelten sie auf und brachten alles zur Identifizierung nach Washington, D.C. Innerhalb von drei Tagen nach dem Absturz wurden die sterblichen Überreste aller sieben Besatzungsmitglieder geborgen; das letzte Leichenteil fand man am 11. Februar. Für die Angehörigen war das eine Erleichterung, denn so bekamen sie wenigstens etwas, was sie beisetzen konnten. Um die Bergung zu erleichtern, griffen die Behörden zu einer Notlüge: Die Trümmer könnten giftig sein, hieß es in Radiodurchsagen. So blieb viel einfach liegen, bis Ermittler vor Ort waren. Trotzdem tauchten schon wenige Stunden nach der Katastrophe erste angebliche Teile bei eBay auf, dem 1995 gegründeten Online-Auktionshaus. Sobald das Unternehmen auf diese geschmacklosen Angebote aufmerksam wurde, verschwanden sie von der Website; später stellte sich heraus, dass es gar keine echten Trümmer der „Columbia“ gewesen waren.Lesen Sie auchDer sofort eingesetzte Untersuchungsausschuss brauchte nicht lange, um haarsträubende Versäumnisse bei der Mission zu benennen. So war schon auf den TV-Aufnahmen des Starts zu sehen gewesen, dass Teile der Isolierung des Außentanks gegen den Hitzeschild geschlagen waren. Doch angeblich, so hatte Programm-Manager Ron Dittermore behauptet, gäbe es keine Möglichkeit, mögliche Schäden während des Raumfluges zu untersuchen – dafür seien selbst modernste Spionagesatelliten nicht hochauflösend genug. Sechs Wochen nach dem Unglück zeigte sich, dass Dittermore Unrecht gehabt hatte: Auf den Aufnahmen von Keyhole-Satelliten der Serie 11/13 wären sechs Zentimeter kleine Einzelheiten erkennbar gewesen. Da die Hitzeschutzkacheln mindestens 30 mal 30 Zentimeter maßen, hätten diese Satelliten die beim Start eingetretenen Beschädigungen problemlos dokumentieren können – Voraussetzung für weitere Überlegungen über eine sichere Rückkehr der Besatzung zur Erde. Dittermore nahm noch im April 2003 seinen Abschied bei der Nasa.Anders Sean O’Keefe, seit Ende 2001 Nasa-Chef. Trotz vielfacher Rücktrittsforderungen blieb er im Amt. Uwe Schmitt, WELT-Korrespondent in den USA, berichtete, Präsident George W. Bush habe an ihm als (Bauern-)Opfer ebenso wenig Interesse gehabt wie am Kopf von CIA-Direktor George Tenet nach 9/11: „Systemversagen wird nicht durch das Fallbeil kuriert.“ Im Übrigen gebe es kaum einen besseren Verwalter, schrieb Schmitt weiter, der ruinierte Haushalte ordnen könne, als Sean O’Keefe.Tatsächlich trat er erst Ende 2004 zurück, nachdem er das Angebot bekommen hatte, Kanzler der Universität von Louisiana zu werden. O’Keefe wolle auf den besser bezahlten Posten wechseln, berichteten US-Medien, um die Studiengebühren für seine drei Kinder bezahlen zu können.Das Space-Shuttle-Programm wurde nach dem Verlust der „Columbia“ unterbrochen, wie ähnlich schon nach der Explosion der „Challenger“ 1986. An den verbliebenen drei Raumgleitern, der „Discovery“, der „Atlantis“ und der nach der „Challenger“-Katastrophe in Auftrag gegebenen „Endeavour“, nahm man zahlreiche Detailsverbesserungen vor: stabilere Isolierungen am Außentank, eingebaute Digitalkameras zur ständigen Überprüfung des Hitzeschildes auf eventuelle Schäden und zusätzliche Sensoren.Der Absturz der „Columbia“ hatte übrigens nicht alles Leben an Bord vernichtet: Tausende Fadenwürmer der Gattung Caenorhabditis elegans, die zu Forschungszwecken an Bord waren, überlebten die Katastrophe. Sie befanden sich in sechs Containern aus Flugzeugstahl, von denen fünf in den Trümmern gefunden und sichergestellt worden waren. Erst Ende April 2003 wurden die Container geöffnet; dabei zeigte sich: Die widerstandsfähigen Organismen in vier der fünf Behälter hatten das Zerbrechen des Space-Shuttles schadlos überstanden – und sich sogar nach der Katastrophe noch fortgepflanzt.
2003: Haarsträubende Versäumnisse führten zur „Columbia“-Tragödie - WELT
Der 28. Flug der ersten Raumfähre „Columbia“ endete am 1. Februar 2003 in einer Katastrophe. Alle sieben Astronauten starben. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.
Am 1. Februar 2003 disintegrierte Columbia beim Rückkehrflug; eine Hitzeschutzkachel hatte sich beim Start gelöst und Dammschäden verursacht. Die Ermittlung zeigte: NASA-Manager hätten die Schäden via Spionagesatelliten erkennen können, erklärten aber fälschlicherweise, die Auflösung reiche nicht aus – ein klassisches Governance-Versagen mit tödlichen Konsequenzen.









