50 Jahre nach dem katastrophalen Chemieunfall von Seveso leiden Betroffene immer nochIm Juli 1976 trat aus einer Fabrik in der Nähe des norditalienischen Ortes Seveso eine Wolke aus giftigem Dioxin aus. Der Unfall brachte Europa neue Umweltrichtlinien und wirkt bis heute nach. Ein Rückblick.Uta Neubauer10.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenNach dem Unglück in der Chemiefabrik bei Seveso arbeiten Personen mit Schutzanzügen an der Säuberung des Geländes.Alberto Roveri / Mondadori / GettyIn Seveso, eine halbe Autostunde nördlich von Mailand, gibt es einen grossen Park, den Bosco delle Querce, auf Deutsch Eichenwald. Die weitläufigen Wege laden zum Joggen ein, und die Gemeinde hat vor zwei Jahren einen neuen Spielplatz angelegt: Rutschen und putzige Holzhäuschen mit roten Dächern.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Angesichts dieser Idylle ist der Schrecken kaum vorstellbar, der hier im Hochsommer vor 50 Jahren herrschte, als das Gebiet noch bewohnt war. Katzen, Kaninchen, Hühner und andere Kleintiere starben zu Tausenden, Pflanzen verdorrten, Kinder kamen mit entzündeter Haut ins Krankenhaus. Die Anwohner wurden vor dem Verzehr von Obst und Gemüse aus eigenem Anbau gewarnt, aber den Grund dafür erfuhren sie nicht. Über zwei Wochen lebten sie in diesem gespenstischen Szenario. Dann mussten Hunderte Personen ihre Häuser für immer verlassen.Im Nachbarort Meda, direkt an der Grenze zu Seveso, hatte sich einer der schwersten Chemieunfälle Europas ereignet. Zwar kamen keine Menschen unmittelbar ums Leben, aber der Unfall verursachte psychisches Leid und Krankheiten, hatte langfristige Folgen für die Gesundheit und bewirkte Umweltschäden, die bis heute Kosten verursachen. Nach der Katastrophe wurden strengere Auflagen für die Chemieindustrie erlassen.Das war geschehen: Am 10. Juli 1976 mittags trat eine Giftwolke aus der Fabrik Icmesa aus, die zum Schweizer Unternehmen Givaudan und somit damals zur Roche-Gruppe gehörte. Ein Reaktor zur Produktion von Trichlorphenol – einem Vorprodukt für ein Desinfektionsmittel von Givaudan sowie für Pestizide und chemische Kampfstoffe – hatte sich überhitzt. Eine chemische Reaktion war ausser Kontrolle geraten. Giftige Dämpfe gelangten nach draussen. Der Wind trieb sie nach Seveso und in die angrenzenden Gemeinden. Beim Bau der Anlage hatte Roche aus Kostengründen auf mehrere Sicherheitsvorkehrungen verzichtet.18 Quadratkilometer wurden mit Dioxin verseuchtDie Chemiker von Icmesa befürchteten sofort, dass Dioxin, ein Nebenprodukt der Trichlorphenol-Produktion, in die Umwelt gelangt sei. Die Vermutung bestätigte sich wenige Tage später, nachdem Roche Umweltproben aus dem verseuchten Gebiet untersucht hatte. Doch der Chemiekonzern behielt das Resultat zunächst für sich. Andere Anlagen bei Icmesa liefen noch eine Woche weiter, als wäre nichts geschehen.Dioxine sind eine Gruppe hochgiftiger chlorhaltiger Kohlenstoffverbindungen. Bei Icmesa war der gefährlichste Vertreter ausgetreten: 2,3,7,8-Tetrachlordibenzodioxin, umgangssprachlich Dioxin genannt. Roche informierte die italienischen Behörden darüber erst zehn Tage nach dem Unfall. Am 26. Juli 1976 begann die Evakuierung aus der am stärksten betroffenen Zone, in der über 700 Personen lebten. Insgesamt hatte die Giftwolke ein 18 Quadratkilometer grosses Gebiet mit rund 40 000 Bewohnern kontaminiert.Wohngebäude mussten nach dem Unglück sorgfältig gereinigt werden.Alberto Roveri / Mondadori via GettyDie Hinweise auf das Unglück sind im Ort verstecktIn Europa wurde Seveso zum Synonym für schwere Chemieunfälle. Dem Ort selbst merkt man das allerdings nicht mehr an. Auf dem Gelände der ehemaligen Chemiefabrik befindet sich heute ein Sportzentrum, auf dem damaligen Sperrgebiet wurde nach der Sanierung der Bosco delle Querce angelegt.Wer genau hinschaut, findet aber Hinweise auf das Desaster von damals – und auf wichtige Akteure. Vor knapp zwei Jahren installierte die Gemeinde Seveso ein Schild am Eingang zu einem neuen Spielplatz, der Carlo Galante (1924–2004) gewidmet ist. Der frühere Icmesa-Mitarbeiter verhinderte ein noch schlimmeres Ausmass der Katastrophe. Rund zwanzig Minuten nach der Explosion betrat Galante nur mit einer Atemmaske geschützt den Raum mit dem überhitzten Reaktor, öffnete ein Kühlventil und stoppte so den Austritt der Giftwolke.Während Galante die Kühlung aktivierte, hatte Paolo Mocarelli, Labormediziner und später Biochemieprofessor an der Universität Mailand-Bicocca, Dienst im Krankenhaus der Nachbarstadt Desio. Von Ende Juli 1976 an leitete er die medizinische Untersuchung der Bevölkerung in der betroffenen Region. Diese Aufgabe habe sein berufliches Leben radikal verändert, sagte Mocarelli kürzlich in einem Interview mit dem lokalen Fernsehsender Televallassina.Eine akute Hauterkrankung und mehrere SpätfolgenLange schien Chlorakne die einzige gesundheitliche Folge des Unfalls zu sein. Rund 200 Personen, überwiegend Kinder, litten unter dieser schweren Hauterkrankung mit Pusteln und Zysten, deren Abheilung Jahre dauert und tiefe Narben hinterlässt.Pusteln und Zysten sind die typischen Symptome von Chlorakne, an der nach dem Unglück viele Kinder litten.François Lochon / Gamma-Rapho / GettyDamals wie heute gebe es keine spezifische Therapie gegen Dioxinvergiftung, erklärt Mocarelli. Es herrschte grosse Unsicherheit, denn niemand wusste, wie viel Dioxin sein Körper aufgenommen hatte. Man konnte Dioxin im Blut noch nicht routinemässig bestimmen. Erst 1987 veröffentlichten amerikanische Forscher ein Messverfahren dafür.In weiser Voraussicht hatte Mocarelli von Beginn an Blutproben aller untersuchten Personen einfrieren lassen. Anhand des neuen Messverfahrens zeigte sich, dass deren Dioxin-Gehalte teilweise tausendfach erhöht waren. Sollte das keine Auswirkungen haben? Eine neue Ära der gesundheitlichen Untersuchung der Seveso-Opfer begann.Vor zwei Jahren veröffentlichten italienische Forscher eine Studie zur Gesundheit von 40 000 damals direkt Betroffenen und 180 000 Referenzpersonen aus der Region im Zeitraum bis 2013. Sie stellten bei Menschen aus dem kontaminierten Gebiet eine erhöhte Sterblichkeit durch Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen fest. Ausserdem kamen einzelne Krebsarten wie Darmkrebs, Eierstockkrebs und Leukämien häufiger vor. Die Fallzahlen waren allerdings so gering, dass sie die Gesamtkrebsrate nicht beeinflussten.Eine andere Untersuchung zeigte, dass die Dioxin-Belastung bei einigen zum Unfallzeitpunkt noch kleinen Kindern die Entwicklung der Zähne und des Zahnschmelzes gestört hatte. Ausserdem beeinflusst Dioxin das Fortpflanzungssystem: Zwei Studien, die «Seveso Women’s Health Study» und die «Seveso Second Generation Health Study», fanden Hinweise auf eine verringerte Fruchtbarkeit bei den direkt vom Chemieunfall betroffenen Frauen sowie ihren Töchtern. Babys von belasteten Müttern wiesen zudem häufiger Zeichen einer Schilddrüsenunterfunktion auf.Besonders auffällig war, dass in der Region nach dem Unfall mehr Mädchen als Knaben geboren wurden. Üblicherweise ist das Geschlechterverhältnis unter Neugeborenen umgekehrt. Der Effekt ging von den väterlichen Dioxinwerten im Blut aus und war am deutlichsten bei hoch belasteten Männern, die 1976 jünger als 19 Jahre alt waren. Sie zeugten in den Folgejahren 81 Mädchen, aber nur 50 Knaben.Die Wirkungen waren je nach Person unterschiedlichDie gesundheitlichen Auswirkungen mögen diffus erscheinen. Aber auch das ist eine Lehre aus Seveso: Schadstoffe wie Dioxin haben vielfältige Wirkungen, die häufig nicht sofort eintreten und sich je nach Individuum unterscheiden. Zum Beispiel entwickelten einige Betroffene Chlorakne, während andere trotz ähnlich hohen Dioxin-Blutwerten davon verschont blieben.Der Bevölkerung von Seveso gebühre Dank, sagt der Mediziner Mocarelli. Die Leute hätten der ganzen Welt einen Dienst erwiesen, indem sie sich immer wieder hätten untersuchen lassen, auch Jahrzehnte später und sogar dann, wenn sie selbst beschwerdefrei gewesen seien. Damit haben sie zum allgemeinen Verständnis der Wirkung von Umweltgiften beigetragen.Anders als die Menschen in der Region, die vor der Giftwolke gewarnt wurden, kamen viele Tiere direkt mit dem Boden und der Vegetation in Kontakt, die Dioxin enthielten. Denn der Unfall ereignete sich mittags im Hochsommer. So starben nicht nur Tausende Kleintiere, sondern auch mehr als hundert Schafe.Nach dem Chemieunglück starben über 150 Schafe.EPU/ImagoDie Halbwertszeit beträgt bis zu hundert JahreEbenso langwierig wie die gesundheitlichen Auswirkungen von Dioxin ist die Umweltbelastung, denn im Boden baut sich das Gift nur langsam ab. Die Halbwertszeit in tieferen Schichten des Erdreichs beträgt bis zu hundert Jahre. Lediglich in der stark verseuchten Kernzone wurde der Boden in den 1980er Jahren entfernt. In anderen Arealen wurde die obere Schicht tiefgepflügt, neue Erde aufgebracht und die Fläche begrünt.Analysen von Bohrkernen hätten gezeigt, dass sich im Erdreich solcher Gebiete noch Dioxin befinde, erklärt Maurizio Zilio, Präsident des Ortsverbandes Seveso der italienischen Umweltorganisation Legambiente. Bei Bauarbeiten besteht die Gefahr, dass sich das Gift mit aufgewirbelter Erde in der Luft verteilt. Zurzeit wird in der Gegend der Boden im Rahmen eines Autobahnausbaus saniert.Auf das Desaster folgten Massnahmen in ganz EuropaDie Katastrophe von Seveso rückte die Risiken der Chemieindustrie stärker ins öffentliche sowie politische Bewusstsein. Als Reaktion erliess die Europäische Gemeinschaft 1982 die sogenannte Seveso-Richtlinie, die Chemiebetrieben Sicherheitsmassnahmen, Meldepflichten und Notfallpläne vorschreibt.Trotzdem kam es zu weiteren Chemieunfällen, etwa 2001 zu einer Explosion in einer Düngemittelfabrik in Toulouse, bei der über dreissig Menschen starben und Tausende verletzt wurden. Die EU verschärfte die Seveso-Richtlinie. Seit 2012 ist die dritte Fassung in Kraft.Die Schweiz ergänzte nach dem Seveso-Unfall zunächst ihr Umweltschutzgesetz um einen Katastrophenschutzartikel. Doch das reichte ebenfalls nicht. 1986 führte ein Brand beim Chemieunternehmen Sandoz in Basel zu einem grossen Fischsterben im Rhein. Als Reaktion darauf erliess der Schweizer Bundesrat 1991 eine Verordnung über den Schutz vor Störfällen.Unter zwei Hügeln des Bosco delle Querce lagern bis heute kontaminiertes Erdreich und Abrissschutt in abgesicherten Gruben. Über dem Sondermüll von damals ist längst Gras gewachsen. Einige heutige Bürger Sevesos spazierten durch den Park, ohne dessen Vorgeschichte zu kennen, sagt Zilio. Um an das schreckliche Geschehen zu erinnern, hat der Verein entlang der Wege ausführlich berichtende Info-Tafeln aufgestellt. Der schöne Park sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Folgen des Unfalls bis heute zu spüren sind.Passend zum Artikel