Sie sei philosophisch geboren, nur trage sie es nicht ständig zu Markte. Das entgegnet die Anatomin Marie Bihéron in Christine Wunnickes Roman „Wachs“ dem Schriftsteller Denis Diderot, als er, der seine Philosophie ständig zu Markte trug, sich über ihre Ideen erstaunt. In diesem Satz ist ein Selbstporträt der Autorin enthalten. Auch Christine Wunnicke ist philosophisch geboren, ist eine Schriftstellerin, die etwas zu denken geben will. Durch ein Erzählen, das, obzwar anekdotisch und exemplarisch, sich jeder Moral von der Geschicht’ entzieht. Denn es sind seltene Exemplare, mit denen uns Wunnicke in ihren historischen Romanen bekannt macht und niemals vertraut.Wer könnte denn auch vertraut sein mit dem zwölfjährigen Mädchen, das mitten in der Nacht auf einem Pariser Kasernenhof erscheint, um von den Soldaten eine Leiche zu erbitten, um sie zu sezieren? Oder mit dem vermeintlichen Medium Florence Cook, das zu untersuchen 1870 der Parapsychologe William Crooke im Roman „Katie“ unternimmt. Oder mit Simon Chrysander, dem schwedischen Biologen, der in „Die Kunst der Bestimmung“ 1678 die naturkundlichen Sammlungen der Royal Society ordnen will, während ein junger Lord ihn in Luxus und Laster Londons hineinzuziehen versucht.Recherche und PhantasieEs sind seltsame Vögel, denen Wunnicke mit großem Ernst und Humor folgt, um Lebensläufe episodisch nachzuzeichnen, die sich gängigen Einteilungen entziehen. Ein Samurai in Friedenszeiten, ein japanischer Nervenarzt, der sich mit Patienten befasst, die von einem Fuchs besessen sind, was ihm selbst widerfährt, der Kastrat Filippo Balatri, dem Wunnicke eine Biographie gewidmet hat, der Mathematiker Niebuhr, der sich 1764 auf Elephanta in einer Komödie des vergeblichen Fremdverstehens mit dem persischen Astronomen al-Lahuri austauscht.Nun erhält Christine Wunnicke, kurz vor ihrem sechzigsten Geburtstag, den Georg-Büchner-Preis des Jahres 2026. Es bekommen ihn Schriftsteller, die ein Werk haben. Wunnicke hat eines der eigensinnigsten in der deutschen Literatur der Gegenwart. Seit mehr als dreißig Jahren verfolgt sie die Spuren teils historisch verbürgter, teils von ihr erfundener Figuren. Sie erfindet etwas in die Geschichte hinein. Durch diese Kombination von Recherche und Phantasie steht sie singulär da in einer Zeit, in der die Literatur vom Autobiographischen, von Ich-Geschichten und Anlehnungen ans bereits Bekannte heimgesucht wird. Wunnicke denkt sich in ihren Büchern stets etwas Exzentrisches aus.Wie ist mir?Das hebt ihre Bücher, unter denen sich kein Wälzer findet, die vielmehr alle schlank und leicht sind, auch inhaltlich von tradierten Beispielen des historischen Romans ab. An Nationalgeschichte ist sie so wenig interessiert wie an Protagonisten, die ein geschichtsphilosophisches Pensum haben. Wunnicke befreit den Blick auf das Vergangene aus der Herrschaft der politischen Geschichte, es gibt, sagt jede Zeile von ihr, noch so viel andere. Sie erinnert uns nicht an große Zeiten, sondern daran, wie Individuen versuchen, sich in einer Wirklichkeit, die ihnen widrig ist, durchzuschlagen.Erzählt wird von Figuren, deren Leben diesseits der vermeintlichen historischen Hauptaktion verläuft, die von ihr nur gestreift werden und die damit zurechtkommen müssen, dass sie von der Geschichte weder gemeint sind noch sich in der Lage befinden, einen nennenswerten Einfluss auf sie zu nehmen. Es ist kein Zufall, dass sich unter solchen Individuen nicht selten Frauen finden. Es ist auch kein Zufall, dass Wunnicke ein Faible für Paare, Gegenspieler und komplementäre Figuren hat. Schon das hält das Heldentum fern.Christine Wunnicke schreibt lakonisch, konstruiert ihre Perioden mit viel Witz und rhythmischem Sinn. Vielleicht hat sie in der Gegenwartsliteratur die kürzesten Sätze. Ausschweifende Nebensatzsequenzen sind nicht ihre Sache. Den Tod der Blumenmalerin Madeleine Basseporte, der Lebensgefährtin der Anatomin, beschreibt sie so: „Ein Gefühl flog sie an, heiße Wonne und Angst. Wie ist mir?, dachte Madeleine. Dann starb sie. Der Hausdiener fand sie am Morgen. Sie saß aufrecht, die Hände im Schoß. Der Brief nach England war viereinhalb Wochen unterwegs.“ Das ist das Sprachgebiet Flauberts.Kurz: Wir freuen uns außerordentlich über diese Preisvergabe und können uns vorstellen, sie hätte auch dem Anatomen Georg Büchner gefallen.