WirtschaftsWoche: Herr Botschafter, die Waffenruhe zwischen den USA und dem Iran ist gescheitert. Warum hielt sie nur so kurz?Daniel Benjamin: Das Memorandum of Understanding und der Waffenstillstand wiesen von Anfang an einen fatalen Mangel auf: Für beide Seiten hatte es oberste Priorität, sich als Sieger zu präsentieren. Wenn man so an die Sache herangeht, sind die Chancen gering, ein Ergebnis zu erzielen, das für beide Seiten tragbar ist. Und auch jetzt noch rangeln sie um Vorteile – daher der Zerfall und das Scheitern des Waffenstillstands.Unwiederbringlich? Die Waffenruhe liegt jetzt tatsächlich in Trümmern. Aber trotzdem wird weiterhin versucht werden, den Gesprächsfaden zwischen Washington und Teheran nicht abreißen zu lassen. Es wird neue Anläufe geben, eine dauerhafte Lösung für den Konflikt zu finden. Denn beide Seiten haben ein starkes Interesse daran, zu einer Lösung zu kommen. Nehmen Sie die USA: Donald Trump will absolut keine Bodenoffensive. Er will keine Eskalation. Und mit Blick auf die Midterms wäre es für ihn politisch verheerend, wenn die Ölpreise wieder sprunghaft stiegen.Trotzdem ist derzeit schwer zu erkennen, wie es zu einer Lösung kommen soll. Gibt es Gründe zur Zuversicht? Lassen Sie es mich so formulieren: Es gibt ein großes Interesse, zu einer Lösung zu kommen. Ob am Ende eine zufriedenstellende Lösung herauskommt, ist eine andere Frage. Wahrscheinlicher ist, dass die Parteien versuchen werden, die Eskalation zu vermeiden und „die Dose die Straße hinunterzukicken“, wie man in den USA sagt. Dann sind wir wieder in dem Zustand, den wir bei Iran oft sehen: erhebliche Feindseligkeit, aber kein ausgewachsener Krieg. Zur Person Daniel Benjamin ist Präsident der American Academy in Berlin. Zuvor leitete er als Norman E. McCulloch Jr. Director das John Sloan Dickey Center for International Understanding am Dartmouth College. Von 2009 bis 2012 war Benjamin im US-Außenministerium als Ambassador-at-Large (Botschafter für besondere Aufgaben) und Koordinator für Counterterrorism tätig. Davor arbeitete er bei der Brookings Institution als Senior Fellow und als Direktor des Center on the United States and Europe; weitere Stationen waren das Center for Strategic and International Studies (CSIS) sowie das United States Institute of Peace. In den 1990er-Jahren war er über fünf Jahre im National Security Council: zunächst als außenpolitischer Redenschreiber und Special Assistant von Präsident Bill Clinton, später als Direktor für transnationale Bedrohungen.Was bedeutet das für das iranische Nuklearprogramm? Die US-Regierung hat sich von Anfang an etwas vorgemacht, wenn sie glaubte, die Iraner würden jemals auf das Recht zur Urananreicherung verzichten. Iran ist überzeugt, dass das sein Recht ist, und verweist auf den Nichtverbreitungsvertrag. Alles, was bisher passiert ist, hat die Anreize für Teheran allerdings eher verstärkt, in Richtung einer Nuklearwaffe zu gehen. Ich bin sehr skeptisch, dass es zu einem wirklich substanziellen Abkommen kommt. Und selbst wenn: Es würde in vieler Hinsicht dem JCPOA ähneln.Wäre das aus amerikanischer Sicht ein akzeptables Ergebnis? Man muss Optionen immer im Vergleich bewerten. Aus Washingtons Sicht ist die beste Option im Moment, eine Bodeninvasion zu vermeiden. Mich erinnert die Lage an die im Irak zwischen 1991 und 2003. Damals reagierten die USA auf jedes Problem im Land zunächst einmal mit Luftschlägen – ähnlich wie beim Spiel „Whack-a-Mole“. Ich halte es für wahrscheinlich, dass wir dort landen.Im Irak führte dieser Zustand schlussendlich zur Invasion. Ist das hier ausgeschlossen? Ich halte das für ziemlich unwahrscheinlich. Die meisten US-Entscheider werden auf „Containment“ setzen und auf gelegentliche Schläge, um das Nuklear- oder Raketenprogramm zurückzuwerfen. Das iranische Regime ist deutlich resilienter als das Baath-Regime Saddam Husseins. Und 23 Jahre nach der Irak-Invasion ist die Bereitschaft der USA, sich in einen Landkrieg in Westasien zu verstricken, praktisch bei null.Nato-Gipfel in Ankara Sie konnten die Trump-Show nicht verhindern von Max BiederbeckTrotzdem: Gibt es eine rote Linie? Viel hängt davon ab, wie Iran seine Strategie gegenüber den USA neu ausrichtet. Wenn es einen Sprint zur Bombe gibt, werden Sie drastische Schritte sehen. Ich glaube nicht, dass die US-Führung bereit ist, einen nuklear bewaffneten Iran zu akzeptieren. Aber ich sehe auch keinerlei Appetit auf „boots on the ground“, um das Regime zu stürzen.Im Zentrum der derzeitigen Eskalation steht die Straße von Hormus. Welche Rolle spielt sie für den Konflikt? Die Vorstellung, der Iran könnte durch eine Art Mauterhebung in der Straße von Hormus wirtschaftlich stark profitieren, ist zutiefst beunruhigend. Das wäre das Gegenteil von Regimewechsel. Es wäre Regimestärkung. Wir sollten allerdings auch nicht aus den Augen verlieren, dass die USA jetzt nicht nur militärisch gegen den Iran vorgehen. Sie haben zusätzliche Schritte wie die Aussetzung von Exportlizenzen und Sanktionen gegen iranische Ölexporte eingeleitet. Das sind signifikante Instrumente, um den Iran zu ernsthafteren Verhandlungen und echten Zugeständnissen zu bewegen.