WirtschaftsWoche: Der Waffenstillstand zwischen den USA und dem Iran ist Geschichte. Warum ist es so gekommen? Dmitri Alperovitch: Das war ziemlich vorhersehbar. Das Memorandum of Understanding, das vor etwa einem Monat zusammengezimmert wurde, hat die echten Positionsunterschiede zwischen beiden Seiten nur überklebt. Die USA haben so getan, als würden sie eingefrorene iranische Vermögenswerte freigeben, obwohl sie kaum die Absicht hatten, das zu tun – jedenfalls nicht, bevor es greifbare Fortschritte bei Verhandlungen über das Atomprogramm gegeben hätte. Die Iraner wiederum haben so getan, als würden sie die Straße von Hormus großteilig wieder öffnen – aber aus ihrer Perspektive sollte das immer zu ihren Bedingungen geschehen und unter ihrer Kontrolle. Bei dieser Divergenz der Positionen war es unausweichlich, dass die Realität irgendwann mit dem Papier kollidiert.Was war aus Ihrer Sicht der konkrete Auslöser? Die USA sind davon ausgegangen, dass die Straße offen ist, und haben weiter Schiffe durch die „Oman Lane“ bewegt. Die Iraner wollten deutlich machen, dass sie die Kontrolle haben, und haben gegen diese Schiffe reagiert. Die USA haben das dann als Bruch des Waffenstillstands gewertet.Was war aus Ihrer Sicht der konkrete Auslöser? Die USA sind davon ausgegangen, dass die Straße offen ist, und haben weiter Schiffe durch die „Oman Lane“ bewegt. Die Iraner wollten deutlich machen, dass sie die Kontrolle haben, und haben gegen diese Schiffe reagiert. Die USA haben das dann als Bruch des Waffenstillstands gewertet. Zur Person Dmitri Alperovitch ist Gründer des Silverado Policy Accelerator, einem Think Tank in Washington, DC, der sich mit Fragen der Großmachtpolitik beschäftigt. Zuvor hatte er bereits das Cybersicherheitsunternehmen CrowdStrike ins Leben gerufen und als dessen Chief Technology Officer gearbeitet. Alperovitch gilt als führender Denker im Bereich Cybersicherheit und Geopolitik. Zuletzt veröffentlichte er das Buch „World on the Brink: How America Can Beat China in the Race for the Twenty-First Century“.Trotzdem hatten beide Seiten ja ursprünglich ein Interesse am Waffenstillstand. Warum gab es dann nicht mehr produktives Arbeiten an Lösungen? Beide Seiten hatten Interessen. Die USA wollten die Straße von Hormus öffnen, die Iraner vor allem, dass die Blockade aufgehoben wird. Aber sie waren nicht bereit, bei großen Punkten nachzugeben. Durch die Vermittlung der Pakistanis und Katars konnten sie die Differenzen so überdecken, dass beide Seiten annehmen konnten, sie bekämen, was sie wollen. Aber in Wirklichkeit war das nicht der Fall.Welche Auswirkungen hat das Wiederaufflammen des Kriegs auf andere Konflikte? Ich erwarte nicht, dass die Effekte sonderlich groß sein werden. Ich erinnere mich, dass viele früh im Iran-Krieg sagten, dass er ein „Geschenk“ für Wladimir Putin sei. Monate später sieht es nicht mehr so aus: Die Ukrainer konnten russische Energieinfrastruktur treffen und so eine schwere Benzinknappheit in Russland verursachen. Die Dynamiken in jeder Region sind unterschiedlich, mit eigenen Faktoren. Deshalb sollte man nicht überschätzen, was das Ende des Waffenstillstands für den Indo-Pazifik oder Europa bedeutet.Nato-Gipfel in Ankara Sie konnten die Trump-Show nicht verhindern Die Nato-Partner wollten US-Präsident Trump in Ankara zähmen. Der Traum platzte binnen Stunden. Der Iran-Krieg eskaliert, Trump wütet gegen Spanien. War alles umsonst? von Max BiederbeckAuch nicht mit Blick auf China? Der Iran-Krieg hat schließlich die Munitionsbestände der Amerikaner deutlich reduziert... Ich glaube nicht, dass die Drawdowns bei den Munitionsbeständen so bedeutend sind. Wir stehen nicht vor einem Krieg mit China in unmittelbarer Zukunft, in dem das den Ausschlag gäbe. China ist nicht bereit für eine Invasion Taiwans. Ich glaube auch nicht, dass Peking in den nächsten Jahren eine Invasion plant. Damit haben die USA genügend Zeit, ihre Bestände wieder aufzufüllen.Die niedrigen Munitionsbestände sind gleichwohl nicht nur mit Blick auf China ein Problem. Das stimmt. Das zeigt das Beispiel Ukraine. Die Drawdowns von Patriot-Interceptoren und einigen anderen Munitionsarten haben dazu geführt, dass wir diese Munition nicht an die Europäer verkaufen konnten, um sie dann an die Ukraine weiterzugeben. Das verursacht derzeit ziemlich viel Schmerz in Kiew, weil die Fähigkeit begrenzt ist, russische ballistische Raketen abzufangen. Dieses kurzfristige Problem ist real.Rüstung „Das viele Geld treibt die Branche auseinander“ Oliver Dörre, Chef des Rüstungselektronikers Hensoldt, über das Aus für den deutsch-französischen Kampfjet, die unschönen Nebenfolgen des Booms – und seine Rolle als Brückenbauer. von Tobias GürtlerZurück zum Mittleren Osten: Sehen Sie einen Weg nach vorn zu einem dauerhaften Waffenstillstand? Ich halte es für sehr schwer, zu einem echten Friedensdeal zu kommen, weil die Iraner nicht daran interessiert sind, die Kontrolle über die Straße von Hormus aufzugeben. Sie haben verstanden, dass ihre Kontrolle über die Straße potenziell sogar besser ist als eine Nuklearwaffe, weil man sie tatsächlich einsetzen kann, um zu einer echten Macht in der Region zu werden. Und sie sind auch nicht daran interessiert, substanzielle Zugeständnisse beim Atomthema zu machen. Das haben sie sehr, sehr klar gemacht. Gleichzeitig kann Washington nicht akzeptieren, dass der Iran die Kontrolle über die Straße behält, und echte Zugeständnisse bei Sanktionen wird es auch nicht geben, solange sich Teheran beim Atomprogramm nicht bewegt. Damit befinden wir uns in einem Patt. Der Status quo kann eine ganze Weile weitergehen.Was heißt dieser Patt für die globalen Energiemärkte? Das wird sich zeigen. In der vergangenen Woche lagen die Energiepreise niedriger als vor Beginn dieses Kriegs. Der Hauptgrund dafür ist, dass China seine Rohölimporte drastisch reduziert hat. Warum sie das getan haben und wann sie diese Importe wieder aufnehmen, ist unklar. Sie haben dazu nichts öffentlich gesagt.Dämpft das die Motivation für Washington, wieder an den Verhandlungstisch zurückzukehren? Ja. Solange die Ölpreise unten sind, nimmt das viel Druck heraus.Abschließend: Auch im Libanon sind die Kämpfe wieder aufgenommen worden. Welche Rolle spielt Israel für die Gemengelage? Die Israelis haben vom ersten Tag an abgelehnt, dass das Memorandum of Understanding auch den Libanon-Konflikt abdecken sollte. Und die USA haben nie ernsthaften Druck auf ihren Verbündeten ausgeübt, damit dieser sich zurückzieht. Ich halte es auch für unklar, ob sie das überhaupt gekonnt hätten, angesichts der innenpolitischen Situation in Israel und der anstehenden Wahlen. Auch hier haben sich die Amerikaner also auf dem Papier zu etwas bekannt, das sie in der Realität nicht wirklich umsetzen wollten.
Iran-Krieg: „Wir sind in einem Patt“
Dauerhafte Waffenruhe im Iran-Krieg? Geopolitikexperte Dmitri Alperovitch sieht dafür wenig Spielraum. Zu weit liegen Teheran und Washington inhaltlich auseinander.










