PfadnavigationHomeICONISTGesellschaftNakano Broadway in TokioEin Mekka für gebrauchte Luxus-UhrenVon Jan DamsChefreporter WELT am SonntagStand: 06:55 UhrLesedauer: 7 MinutenRolex ist die härteste Ware in der Nagano RoadQuelle: Jan DamsJapan ist einer der größten Luxusmärkte der Welt. Das gilt auch für besonders wertvolle gebrauchte mechanische Uhren. In einer unscheinbaren Einkaufspassage in Tokio werden sie gehandelt.Am Eingang zum Nakano Broadway in Tokio herrscht am Samstagvormittag Hochbetrieb. Ein Mann im grauen Kimono mit breitem Gürtel, Holzsandalen und Gehstock eilt in die Mini-Mall. Ein Händler schiebt eine Sackkarre in die überdachte Einkaufsstraße. Er ruft etwas, aus einem Laden antwortet jemand. Im Erdgeschoss verkaufen Händler gebrauchte Kleidung, man kann sich massieren lassen, es gibt Drogerieartikel. Überall leuchten bunte Schilder.Es ist laut. Rechts vom Eingang reiht sich ein Straßenrestaurant ans nächste. Von den Einkaufsstraßen in Ginza mit ihren Boutiquen ist man hier weit entfernt. Im dritten Stock aber, in 3F, öffnet sich der Blick auf eine andere Welt: Im Laden von „Jackroad and Betty“ gucken zwei Engländer in eine Glasvitrine – es könnten Vater und Sohn sein. „Look at this“, sagt der Ältere und zeigt auf eine Rolex Sea Dweller mit der Referenz 16600. Er geht mit dem Kopf noch näher ran, hält ihn schief, um die Reflexion der Scheibe auszublenden. Die gut 30 Jahre alte Taucheruhr glänzt im Licht. Das Zifferblatt hat Leuchtpunkte aus radioaktivem Tritium – Halbwertszeit gut zwölf Jahre. Nachts leuchten sie schon lange nicht mehr. Dafür haben sie inzwischen eine Farbe, die an Milchkaffee erinnert. Beige, fast schon hellbraun. Der Alterungsprozess hinterlässt Spuren – beliebte Spuren für Sammler und Liebhaber. Patina, also die Falten und Altersflecken eines Gegenstands, macht Uhren – je nach Marke – oft besonders teuer. An die 20 Läden, die mit gebrauchten mechanischen Luxusuhren handeln, gibt es laut Lageplans allein am Nakano Broadway in Japans Hauptstadt. Sie haben Namen wie „Watchnian“, „Jackroad and Betty“ oder „Time Zone“. In Zentral-Tokio mit seinen 23 Bezirken und knapp zehn Millionen Einwohnern, schätzt die Künstliche Intelligenz ChatGPT, gibt es 100 bis 150 Händler von gebrauchten Luxusuhren, oft mit mehreren Verkaufsstellen. Für deutsche Städte, selbst für europäische, ist diese Vielzahl unvorstellbar.Seit Jahrzehnten ist Japan für die Uhrenhersteller einer der größten Märkte überhaupt. Im Jahr 2000 verschickten die Schweizer Luxusmarken Uhren im Wert von knapp 930 Millionen Schweizer Franken nach Japan. Der Export nach Deutschland lag bei 716 Millionen. Und 2025 gingen Uhren im Wert von 1,85 Milliarden Franken nach Japan, nach Deutschland waren es 1,2 Milliarden Franken. Japan lag damit in den vergangenen 20 Jahren in der Mehrzahl der Jahre auf Platz drei oder vier der Schweizer Uhrenexporte. Den japanischen Markt für gebrauchte Luxusuhren schätzt das amerikanische Marktforschungsunternehmen Grand View im Jahr 2025 auf 1,54 Milliarden Dollar. Deutschland liegt mit 1,3 Milliarden Dollar 16 Prozent darunter.Lesen Sie auchUhrenkauf im Nakano Broadway bedeutet Luxus gebraucht – auf hohem Niveau. Eine Asiatin kommt mit ihrer Tochter zu „Watchnian“. Die beiden lassen sich von einem Verkäufer eine kleine Uhr zeigen. Sie passt gut an das schmale Handgelenk der Frau. Wieder ist es eine Rolex. Er bittet die beiden an einen Tisch in der Ecke, hebt die Datejust aus der Vitrine, legt sie auf ein stoffbezogenes Tablett. „Wollen Sie probieren?“, fragt er und verneigt sich dabei leicht. Die Tochter nickt. Ihre Mutter lächelt. Ansonsten schauen sich an diesem Samstagvormittag vor allem Europäer hier um.Lesen Sie auchGebrauchte Luxusuhren sind in Japan nicht unbedingt billiger als in Europa – vor allem, weil man auch noch die 19 Prozent Einfuhrsteuer dazurechnen sollte, wenn man sie nach Deutschland importiert. Die Auswahl an Läden, Uhrenmarken und Alter aber ist deutlich vielfältiger als in deutschen Großstädten. Im zweiten Stock eines schmalen Hauses im Stadtteil Jingūmae etwa findet man „Corleone Watches“. Unten auf dem Gehsteig weist nur ein Mini-Schild auf den Händler hin. Oben, im kleinen Ladengeschäft, räumt ein groß gewachsener Japaner Raritäten in eine Vitrine. Ein anderer schraubt vorsichtig am Werk einer Tudor herum. Die Uhr hat schon mehrere Jahrzehnte hinter sich. In den Regalen liegen alte Tudor-Submariner- und Ranger-Modelle. Bester Zustand, tolle Zifferblätter. Hohe Preise.Für eine Tudor Submariner der Referenz 7928 aus dem Jahr 1966 verlangt der Händler 9990 Euro. Für die Tudor Submariner 94010 aus 1979 sind es 9230. Einer der Verkäufer zeigt auf die Uhr und sagt: „Das ist ein seltenes Stück.“ Papiere und Originalverpackung sind aber leider nicht mehr vorhanden. Es sind schöne Sammlerstücke, wie man sie beim normalen Einzelhändler nicht sieht. Daneben hat er auch eine 60 Jahre alte Rolex GMT Master 1675 für 29.900 Euro. Wer die kauft, trägt sie vermutlich nicht täglich, sondern legt sie sich als Wertanlage in den Safe.Am Nakano Broadway dominieren wie in vielen Ländern Rolex-Uhren. Allerdings gehen hier auch Patek Philippe, Audemars Piguet, Omega, Zenith, IWC, Seiko Vintage über den Ladentisch – hier gibt es wenig, was es nicht gibt. Von superbillig bis unbezahlbar teuer – manchmal auch im gleichen Laden. Der japanische Markt für gebrauchte Artikel lag im Jahr 2024 Schätzungen zufolge bei fast sieben Milliarden Euro – ohne Autos, wie es in Angaben des japanischen Umweltministeriums heißt. Für Uhren existieren keine Einzelangaben.Auffällig dabei: Japans Gebrauchtmarkt ist nicht unbedingt größer als in Deutschland. Allerdings ist er offensichtlich stärker professionalisiert. In Tokios Stadtteil Ginza, an der 4-chōme-Kreuzung, fast gegenüber des großen Seiko-Ladens mit dem Wako-Uhrenturm, befindet sich Katsumido – ein Geschäft für gebrauchte Kameras. Neben einer Leica M3 stehen eine Leica M6 und eine M7. Daneben die alten Nikons und Canons. Und alles sieht aus, als sei es gerade erst vom Hersteller ausgeliefert worden.Lesen Sie auchWarum funktioniert der Markt dort anders als in Deutschland? In japanischen Großstädten leben Menschen oft in kleineren Wohnungen, Stauraum kostet Geld. Der Verkauf ungenutzter Dinge gilt als normal. Der Handel damit hat sich professionalisiert. Und anders als in Europa gibt es oft spezialisierte Händler, die von ihrer Expertise und ihrem Netzwerk von schnellem Kauf und Weiterverkauf leben. In Deutschland gibt es das auch, etwa bei „Bachmann & Scher“ in München. Nur eben längst nicht in dem Ausmaß.Der Nakano Broadway ist ein Beispiel für diese Entwicklung. Fast 60 Jahre ist die Shopping-Meile mittlerweile alt. Als sie eröffnet wurde, war das Ganze als Wohn- und Geschäftshaus konzipiert, mit Boutiquen, Restaurants und sogar einem Pool. In den 1970ern allerdings verlor die Einkaufsstraße an Attraktivität. 1980 aber eröffnete der Zeichner Masuzo Furukawa dort einen winzigen Laden für gebrauchte Manga-Comics. Der Name: Mandarake. Die Geschichte liest sich wie die Wiederauferstehung des Nakano Broadway. Laut einschlägigen Internetseiten war das Geschäft gerade mal sieben Quadratmeter groß. Heute ist Mandarake angeblich der zweitgrößte Händler gebrauchter Comics in der Welt.Ein Netz von Spezialgeschäften entstand. Manga, Anime, Spiele werden hier verkauft. Nakano Broadway wird zum Sammlerort, der auch für andere Händler funktionierte, die sich auf Nischen spezialisiert haben – auch auf Uhren. 1987 wird „Jackroad“ gegründet. Der Uhrenhändler schreibt über sich, dass er mehr als 5000 Zeitmesser im Bestand hat – neu, gebraucht und mehrere Jahrzehnte alt. Nach und nach kamen weitere Händler.Heute gibt es Händler für gebrauchte Luxusuhren in der ganzen Stadt. „Watchnian“ zum Beispiel hat in ganz Tokio acht Verkaufsstellen, „Ginza Rasin“ drei. Die kleine Kette ist besonders auf teure und teilweise auch sehr moderne Uhren spezialisiert. Im Laden in der 8-7-11 Ginza, Chūō-ku liegen Patek Philippe, Audemars Piguets, Richard Mille und sehr teure Rolex-Modelle in den Vitrinen. Manche glitzern wie Diamanten im Licht, andere sind so unauffällig, dass man sich als Laie die hohen Preise kaum erklären kann.„Jackroad“ ist im Vergleich dazu eher ein sehr gehobener Allrounder. Die zwei Engländer haben die Sea Dweller allerdings nur bewundert, nicht gekauft. Am Ende sind sie weitergezogen, wie viele, die angucken, aber nicht zuschlagen – schon, weil das Angebot so groß ist hier oben, dass man sich kaum entscheiden kann, wenn man nicht vorab schon weiß, was man will.