PfadnavigationHomeICONISTArtikeltyp:MeinungVintage MarktWie gebrauchte Uhren zum Prestigeobjekt wurdenVeröffentlicht am 18.09.2025Lesedauer: 4 MinutenBegehrt: die „GMT-Master II“ von Rolex mit rot-blauer KeramiklünetteQuelle: Harold Cunningham/Getty ImagesGebrauchte Uhren haben sich vom belächelten Nebenschauplatz zum großen Markt entwickelt. Hersteller und Juweliere müssen reagieren – denn einige Klassiker wie die Rolex „GMT-Master II“ erzielen gebraucht inzwischen höhere Preise als Neuware.Wenig in der Szene unterlag in den vergangenen Jahren einem größeren Bedeutungswandel als gebrauchte Uhren. Wer vor einem Jahrzehnt das Thema ansprach, erntete von Herstellern und Händlern ein freundliches Schulterzucken, so in Richtung: Im Autohaus stehen gebrauchte und neue Modelle ja auch nicht nebeneinander. Die Graumarkt-Portale im Netz hatten ein ähnliches Image wie das, mit dem sich im Autohandel traditionell die Mikes von Mike’s Car Service herumschlagen („Wir haben unter der Haube noch einmal alles so richtig schön durchgecheckt, damit Sie lange Freude an Ihrem neuen Schätzchen haben!“). Doch die Zeiten ändern sich. Das ist nicht nur Bob Dylan aufgefallen – und man lernt tatsächlich besser schwimmen, bevor man untergeht wie ein Stein. Heute können weder die großen Hersteller noch die Juweliere ausblenden, welche Uhren die Kunden vor Jahren und Jahrzehnten beschäftigt haben; dafür ist die Nachfrage einfach zu groß. Eine Art Mindeststandard im Umgang mit dem Gestern ist der Service, den die Händler anbieten. Er untermauert den Willen zur Nachhaltigkeit und eignet sich damit sehr gut, das eigene Unternehmen als verantwortungsbewusst hinzustellen.Lesen Sie auchAn Wartung und Reparatur von Uhren hängen aber auch Dinge, die weniger gute Laune machen: Erstens ist es in der Branche Usus, dass sich mit dem Service kaum Geld verdienen lässt. Das Heer von lang ausgebildeten Spezialisten, das man bezahlen muss, ist für hohe Profite einfach zu kostspielig. Noch dazu sind Service-Kunden diejenigen, die das Geschäft mit der schlechtesten Laune betreten. Wer eine Uhr kaufen will, möchte sich etwas gönnen und ist entsprechend heiter unterwegs. Die Service-Klientel kommt mit einem Problem oder muss zumindest Geld für einen Gegenstand ausgeben, den sie schon besitzt; das tut niemand gern.Markt mit fast unkontrollierbaren DimensionenDoch inzwischen drohen selbst Unternehmen ins Hintertreffen zu geraten, die bei dieser Dienstleistung ausgezeichnet abschneiden. Der Handel mit gebrauchten Zeitmessern nimmt derartig rasant an Fahrt auf, dass Experten erwarten, er könne perspektivisch so groß werden wie der Verkauf von Neuware. Der Hauptgrund dafür? Vor allem das junge Publikum hat das Vintage-Thema für sich entdeckt – ob bei Autos, Bekleidung, Schmuck oder eben Uhren. Zum einen ist dabei das Investment nicht so hoch wie bei neuen Gegenständen, zum anderen hat Gebrauchtes bereits eine Geschichte zu erzählen. Das wird auch für langjährige Kunden immer bedeutender: Sie wollen beispielsweise ein Modell aus ihrem Geburtsjahr haben.Lesen Sie auchIn den vergangenen Jahren hat der Zweitmarkt endgültig eine Dimension erreicht, die ihn für die Händler unkontrollierbar macht. Gerade die großen Portale im Netz bieten Zeitmesser berühmter Hersteller zu Preisen an, die kein Uhrmacher halten kann, wenn er seine Uhren sorgfältig überarbeitet; auch Neuware für weniger als den Listenpreis findet sich im Internet. Allerdings geht der Kunde ein höheres Risiko ein als beim Gang zum Juwelier, der einen Ruf zu verlieren hat.Begehrenswert: die „GMT-Master II“ von Rolex Doch Gebrauchtware ist noch aus einer anderen Ursache eine komplizierte Materie: Es existieren Modelle, bei denen die Nachfrage seit Jahrzehnten das Angebot übersteigt – und bei ihnen kann der Preis eines gebrauchten Zeitmessers weit über dem Listenpreis eines fabrikneuen liegen, wie beispielsweise bei der „GMT-Master II“ von Rolex mit rot-blauer Keramiklünette. Das lockte vor allem in den Covid-Jahren fachfremdes Publikum an, das hoffte, schnell den großen Reibach zu machen. Die Auswüchse waren bizarr, mittlerweile haben sich die Preise etwas nach unten korrigiert.Von den großen Juwelieren im deutschsprachigen Raum widmet sich Bucherer dem Thema am systematischsten. Die Luzerner beschäftigen sich seit 2018 mit Vintage-Uhren, setzen sie unter dem Siegel „CPO“ („Certified Preowned“) so instand, dass sie möglichst nah ans Original heranreichen, und statten sie mit einer Garantie aus. Ein großer Aufwand, der sich in der Rechnung niederschlägt. Allerdings minimiert er das Risiko des Kunden, zu einem geringen Preis nur minderwertiges Material zu erhalten. Es wird interessant zu beobachten sein, ob und wie die Konkurrenz nachzieht.