Nirgendwo gibt es so viel und qualitativ so hochwertige Vintage-Ware wie in Japan, insbesondere in Tokio. Das hat gleich mehrere Gründe.Die berühmte Kreuzung Shibuya Crossing muss man natürlich gesehen haben. Den Sensō-ji-Schrein auch, und essen müssen ja sowieso alle früher oder später. Aber kaum etwas wird bei den Highlights eines Tokio-Besuchs in den letzten Jahren so oft genannt wie «Vintage shoppen». Und zwar ungefähr so selbstverständlich wie Gondeln fahren bei Venedig oder Pizza essen für Neapel.Hailey Bieber erzählte kürzlich in einem Interview, sie und ihr Mann Justin Bieber würden seinen Geburtstag dort verbringen, um «Matcha zu trinken, Kunst und Vintage-Shops anzugucken». Der Schriftsteller David Sedaris schrieb einen ganzen Aufsatz im «New Yorker» über seine Liebe zum Einkaufen und Thrift-Shopping in Tokio. Und der Jil-Sander-Designer und Vintage-Liebhaber Simone Bellotti sagt in einem Interview schlicht: «Es ist das Beste.»Fast so viele Vintage-Stores wie RestaurantsDas fängt schon bei der Auswahl an. Keine andere Metropole hat mehr Secondhand-Läden als der Grossraum Tokio. Während man in anderen Städten die wirklich guten Adressen immer noch etwas abseits oder in Nebenstrassen suchen muss, liegen sie hier sogar mitten in Shibuya, rund um die noble Omotesandō, die gern die Champs-Élysées von Tokio genannt wird. Vintage-Eldorado Japan: Retro-Krawatte und Béret gehören hier zum Strassenbild. Getty Images In Shimokitazawa gibt es auf den ersten Blick fast so viele Vintage-Stores wie Restaurants, und das längst nicht nur für Mode. Platten, Möbel, Bücher, Designobjekte – viele spezialisieren sich. Bei Sowhatvintage verkaufen die Besitzer Taro und Kasumi Kato ausschliesslich Baseballkappen, in ihrem zweiten Laden vor allem Vasen. Es sind regelrechte Spezialitätenläden wie anderswo für Käse oder Schreibwaren. Ein Paradies für Vintage-Liebhaber, das gleichzeitig viel über das Land aussagt.Alles hat eine SeeleDenn Gebrauchtes hat in Japan eine lange Tradition. Kimonos wurden weitergegeben und weiterverkauft, weil Stoff knapp war und die Fertigung so aufwendig, dass nichts einfach so weggeschmissen wurde. Hinzu kommt, dass im Shintō – neben dem Buddhismus eine der beiden Hauptreligionen in Japan – daran geglaubt wird, dass alles eine Seele hat. Nicht nur Menschen und Tiere, sondern auch Objekte, eigentlich alle Dinge.Schon allein wegen dieser spirituellen Verbindung sehen die Japaner Altes oder lange Benutztes keineswegs als wertlos an. Sie reparieren, hegen und pflegen ihr Hab und Gut und ihre Umwelt wie kaum eine andere Kultur. Wer das Land einmal besucht hat, dem fällt sofort auf, wie sauber und ordentlich die Städte sind, wie höflich und akkurat die Menschen nicht nur im Umgang miteinander sind, sondern auch in ihrem Auftritt. Selbst der Street-Style, der hier bekanntermassen so avantgardistisch wie phantasievoll ist, wird absolut perfektionistisch betrieben. Mode wird von vielen regelrecht gelebt statt nur getragen.Jeans nach dem Zweiten WeltkriegDer erste moderne Vintage-Boom entwickelte sich nach dem Zweiten Weltkrieg mit amerikanischem Design. Die US-Soldaten, die nach dem Krieg über Jahre im Land stationiert blieben, trugen Levi’s-Jeans und Workwear. Junge Japaner wollten genauso aussehen und versuchten, gebrauchte Sachen auf dem Schwarzmarkt zu ergattern. Jeans wurden importiert und bald auch in Japan hergestellt. Die Technik der Herstellung und des Färbens wurde jedoch nicht einfach imitiert, sondern obsessiv perfektioniert. Deshalb kommt das beste Denim bis heute aus Japan, und natürlich findet man hier auch regelrechte Schätze gebrauchter Jeans, etwa bei BerBerJin in Shibuya, oder neue Modelle, die aber den perfekten Used-Look haben. Im Hinoya-Vintage-Shop in Tokio gibt es Jeans aus guten alten Denim-Zeiten. Torin Body / Polaris / Laif Die Neunziger werden in Japan «the lost decade» genannt, weil nach dem wirtschaftlichen Aufschwung in den Achtzigern und dem Platzen der Immobilienblase in den Neunzigern lange Jahre des Abschwungs und der Stagnation folgten. Der Vintage-Markt hingegen erlebte seine nächste Boomphase. Die wohlhabende Schicht hatte sich nämlich daran gewöhnt, viel Geld für Mode auszugeben, und dachte gar nicht daran, sich bei ihrer Garderobe einzuschränken. Zumal Designer und Designerinnen wie Yohji Yamamoto, Rei Kawakubo und Issey Miyake gerade die Mode revolutionierten. Also verkauften viele Leute ihre «alten» Teile, um wieder Budget für neue Sachen zu haben, oder kauften statt neuer eben gebrauchte Designerteile – in natürlich bestem, gepflegtem Zustand.American Vintage oder Teenager-Teile?Vor allem zu dieser Zeit entwickelte sich ein Secondhand-Business, das schon damals weltweit einmalig war. Nirgendwo sei der Markt für gebrauchte Mode derart hart umkämpft wie in Tokio, in keiner anderen Stadt kennten sich die Kunden so gut mit Vintage-Mode aus, die Qualität sei unvergleichlich, befand die japanische Stylistin Keiko Okura 2008 in der «New York Times». Da fing das Interesse für gebrauchte Designerkleidung in Städten wie Berlin oder Zürich gerade erst an.Allein die Kette 2nd Street, die im ganzen Land regelrechte Flagship-Stores betreibt, wuchs von 419 Läden im Jahr 2015 auf 838 im Jahr 2024 und hat mittlerweile sogar in die USA expandiert.Durch den schwachen Yen haben in den letzten Jahren immer mehr Reisende das «Vintage-Paradies» entdeckt und den Wettbewerb nur noch mehr angeheizt. Kyoto und Osaka bieten ebenfalls gute Einkaufsmöglichkeiten, aber allein in Vierteln wie Koenji und Shimokitazawa in Tokio gibt es Hunderte Läden mit unterschiedlichen Preisklassen und Schwerpunkten.Flamingo ist vor allem auf American Vintage spezialisiert, 10tow auf japanische Designer, Stick Out ist vor allem bei Teenagern beliebt, weil alles um 800 Yen kostet, umgerechnet rund 4 Franken. Allein die Kette 2nd Street, die im ganzen Land regelrechte Flagship-Stores betreibt, wuchs von 419 Läden im Jahr 2015 auf 838 im Jahr 2024 und hat mittlerweile sogar in die USA expandiert. Laut «The Business of Fashion» könnte der Markt für Vintage-Mode in Japan in den nächsten vier Jahren ein Volumen von 27 Milliarden Dollar erreichen.Nach Marken sortiertZu den bekanntesten Läden, die in keiner der zahlreichen «Best of Vintage»-Listen fehlen, gehört Amore beziehungsweise die vier Läden dieses Namens, die sich in unmittelbarer Nachbarschaft in Shibuya befinden. Warum gleich mehrere? Weil in einem beispielsweise – Ordnung muss sein – ausschliesslich Chanel-Handtaschen angeboten werden, während in einem anderen auch Dutzende Hermès- und Louis-Vuitton-Taschen stehen. Alle so gut gepflegt, dass sie im Grunde wie neu aussehen. Paradise ist ebenfalls auf Chanel-Handtaschen (neben Bottega Veneta, Dior-Saddle-Bags und Birkins) spezialisiert.Beim ersten Mal verschlägt die schiere Menge einem regelrecht den Atem, es scheint, als gäbe es hier geheime Lagerstätten, die gerade ausgehoben wurden. Den grössten Hype gibt es um Casanova und seinen Besitzer Ebinabe, weil dort schon Kim Kardashian und Jay-Z seltene Modelle von Takashi Murakami x Louis Vuitton oder Hermès anschauten.Wer also seit Jahren ein bestimmtes Modell seiner Träume sucht: Nirgendwo stehen die Chancen, es endlich zu finden, besser als in Tokio. Zumal die Preise durch den niedrigen Wechselkurs für europäische Verhältnisse vergleichsweise günstig sind. Zudem kann ab 5000 Yen in den meisten Geschäften «tax free» beantragt werden. Bei Vorlage eines ausländischen Passes wird dann die zehnprozentige Verbrauchssteuer direkt an der Kasse zurückerstattet, was bei einer 3000-Franken-Handtasche einen enormen Unterschied macht.Qoo gehört ebenfalls zu den Top-Adressen, weil man hier, neben Taschen, auch viele seltene Accessoires und Schuhe findet. Im Archive-Store ist die Kleidung beinahe wie im Museum arrangiert, bei Safari 2nd gibt es fast ausschliesslich Ralph Lauren, aus verschiedenen Epochen und in bestem Zustand. Das haben fast alle Vintage-Läden hier gemeinsam: Die einzelnen Teile sind perfekt erhalten, sonst würden sie es gar nicht erst in den Laden schaffen. Die Japaner lieben zwar die Philosophie des Wabi-Sabi, des Unperfekten und Reparierten. Das gilt aber eher nicht für Designerkleidung und Handtaschen, wo schon kleinste Mängel, die in Europa kaum eine Rolle spielen würden, den Preis empfindlich nach unten korrigieren.Ein Shopping-Erlebnis wie eine KunstAuch die Präsentation und der Service sind meist deutlich gehobener als anderswo. In Läden wie Ragtag sind die Ständer übersichtlich nach Marken sortiert. Es gibt keinen Mottenkugelgeruch und keine dunklen Mini-Boutiquen mit schlechtem Licht. Vintage-Läden sind hier häufig wie Luxusboutiquen eingerichtet, alle Artikel werden vorher akkurat aufgebügelt und beim Verkauf aufwendig in Seidenpapier verpackt. Das Shopping-Erlebnis wird auch «beim zweiten Mal» wie eine Kunst betrieben.Auf Tiktok gingen jüngst vor allem Läden ausserhalb des Stadtzentrums von Tokio viral, die eine kleine Reise in Anspruch nehmen, dafür günstigere Preise bieten. Der Bookoff Super Bazaar in Kawasaki beispielsweise, eine Art Megastore für alles mögliche Gebrauchte, der aber auch Kleidung und Taschen führt. Zu Atlantis Vintage in Koenji pilgern die Leute, weil der Besitzer Yuji angeblich alles besorgen kann.Und selbst wer nicht nach Japan reisen kann, hat mittlerweile die Möglichkeit, «Japanese Vintage» einzukaufen. Einige Läden bieten selbst Online-Shopping an, über die Plattform Buyee haben Kunden Zugang zu diversen japanischen Läden wie etwa 2nd Street. Trotz Versandkosten sollen viele Teile dann immer noch günstiger sein. Aber das besondere Erlebnis und der «Souvenir-Faktor» sind dann natürlich nicht dasselbe. Womöglich wird auch die Seele auf dem weiten Weg nicht mitgeliefert. Newsletter Die besten Artikel aus «NZZ Bellevue», einmal pro Woche von der Redaktion für Sie zusammengestellt.
Secondhand-Schätze in Tokio: Wie Japan zum Paradies für Vintage-Mode wurde
Nirgendwo gibt es so viel und qualitativ so hochwertige Vintage-Ware wie in Japan, insbesondere in Tokio. Das hat gleich mehrere Gründe.










