Sie glaube an Wunder, hatte Marine Le Pen einmal bekundet. Als sie am Dienstagnachmittag im überhitzten, holzvertäfelten Gerichtssaal des altehrwürdigen Pariser Justizpalastes mit ihrem Fächer wedelt, geschieht ein solches – so jedenfalls sieht es die 57-jährige Rechtspopulistin: Das hohe Gericht in Gestalt von drei Berufungsrichterinnen erlässt ihr die Unwählbarkeitsstrafe, die sie seit Ende März 2025 quälte. Genauer gesagt, wandeln die Richterinnen sie in eine 30-monatige Bewährungsstrafe um. „Die Sanktion zur Wählbarkeit muss abgewogen werden gegen die freie Wahl der Bürger“, begründete die Vorsitzende Richterin Michèle Agi die Milde.Der „politische Tod“, den Le Pen dem Gericht der ersten Instanz angelastet hatte, war plötzlich abgewandt. Die Fraktionsvorsitzende des Rassemblement National braucht nur wenige Stunden, um ihre politische Wiedergeburt in Szene zu setzen. Ein Wahlplakat, auf dem sie in christlicher Pose die Arme ausstreckt, hatte sie schon vorbereiten lassen – für eine Wendung des Schicksals wollte sie gerüstet sein. „Für Frankreich – die Wiedergeburt“ steht auf dem Plakat in großen Lettern. Darunter flattern Frankreich-Fahnen im Wind.In Hellrosa gekleidet, wie eine Neugeborene, beginnt sie wenige Stunden später in den Abendnachrichten ihren vierten Präsidentschaftswahlkampf: „Ich bin die Kandidatin für die Präsidentenwahlen“, sagt sie im Sender TF1. Sie sei glücklich, dass die Wähler künftig das Wort hätten. „Es gibt kein Szenario mehr, in dem ich nicht kandidieren könnte“, behauptet sie.Ihre Ankündigung aus der vergangenen Woche, nicht mit einer Fußfessel in den Wahlkampf ziehen zu wollen – es schert sie nicht mehr. Auch auf die Präsidententräume ihres politischen Ziehsohns Jordan Bardella nimmt sie keine Rücksicht.Blut ist dicker als WasserDer setzt sich brav auf den Rücksitz der Limousine neben sie, als sie zum Fernsehstudio fahren. Einigen Journalisten hat Le Pen vorher anvertraut: „Wenn Jordan mit mir fährt, bin ich die Kandidatin.“ Der 30-Jährige erlebt, was so vielen Anwärtern im Familienunternehmen Le Pen zuvor passiert ist: Er wird zurückgestuft und soll als potentieller Premierminister Bella figura machen. Die Macht bleibt im Familienclan.Der erste Wahltermin führt Le Pen am Mittwoch an die Loire, in die Wahlheimat ihrer Schwester Marie-Caroline. Bardella ist dabei, aber nur noch in der Nebenrolle. Le Pens Nichte Nolwenn wird Kampagnensprecherin. Eine Website gibt es schon, auch der Wahlslogan „Für Frankreich – die Wiedergeburt“ steht fest. Ihre Nichte Marion Maréchal, die sich eigentlich Le Pens Konkurrenten Éric Zemmour angeschlossen hatte, kehrt zurück in den Schoß der Familie. Blut ist dicker als Wasser, war ein Lieblingsspruch von Le Pens verstorbenem Vater.Jordan Bardella, Vorsitzender des Rassemblement National, verlässt nach einer Parteisitzung am Dienstag die RN-Zentrale in Paris.ReutersDie Schwere der Straftaten, die veruntreuten Millionen an EU-Steuergeld, erwähnt Le Pen im Fernsehen nicht mit einer Silbe. Ihr Verhalten habe „zwangsläufig das Vertrauen der Bürger in die politischen Parteien, in das reibungslose Funktionieren des Wahlsystems und den demokratischen Prozess untergraben“, heißt es in der Urteilsbegründung. Die Zweckentfremdung von EU-Mitteln für Parteimitarbeiter werfe „Fragen hinsichtlich ihrer Fähigkeit auf, ein gewähltes Amt auszuüben und alle damit verbundenen Pflichten zu erfüllen, wobei die wichtigste davon die Einhaltung des Gesetzes ist“, schreiben die Richterinnen.Doch darüber wird in den Abendnachrichten nicht gesprochen: Eigenwillig und bestimmt vertritt Le Pen die These, dass fortan nichts und niemand sie daran hindern könne, das Präsidentenrennen bis zum Schluss zu laufen.Ein Coup der Juristin?Zusammen mit ihren Anwälten hat die ausgebildete Juristin eine Strategie ausgeheckt, die selbst enge Mitstreiter überrascht. Sie will den Kassationshof anrufen und damit eine juristische Schonfrist erzwingen. Das höchste Gericht wird zwar das Verfahren nicht neu aufrollen und die Vorwürfe nicht ein drittes Mal prüfen. Es wird lediglich untersuchen, ob es zu Verfahrensfehlern gekommen ist. Für die Dauer dieser Prüfung ist das Berufungsurteil nicht rechtskräftig – und Le Pen steht nicht unter Hausarrest mit elektronischer Fußfessel.Le Pen setzt darauf, dass sich der Kassationshof Zeit lässt und es im Frühjahr kein Richter versuchen wird, die einjährige Haftstrafe mit einer Fußfessel zu vollstrecken. Im Fall ihres Wahlsieges würde danach die präsidiale Immunität greifen. Renommierte Juristen schreiben jetzt kluge Aufsätze, warum Le Pens Vorgehen risikobehaftet sei. Aber die Warnungen schlägt sie in den Wind.Vertraute zeigen sich voller Bewunderung und betonen, wie sie die Justiz ausgetrickst habe. „Marine ist wie ihr Vater, sie ist Terminator“, sagt Philippe Olivier, ihr Berater und Schwager. „Sie hat eine Fähigkeit, dem Druck standzuhalten und Auswege zu finden. Das zeichnet sie aus.“ Olivier war von seinem Schwiegervater aus der Partei geworfen worden und stand jahrelang unter einem Bann, wieder einzutreten. Marine Le Pen holte ihn zurück. Inzwischen zählt er zu ihrem engsten Beraterkreis. Der Bretone mit dem weißen Haarschopf kennt alle Familiengeheimnisse, er ist mit Marines ältester Schwester Marie-Caroline verheiratet. Er weiß, dass Marine sich schon früh als Überlebenskünstlerin definierte.Die frühe PrägungAls Fünfjährige begleitet sie ihren Vater und Front-National-Gründer, Jean-Marie Le Pen, zum ersten Mal zu Demonstrationen, lernt dessen kahlgeschorene Leibwächter kennen, die oftmals in Schlägereien verwickelt sind. Als sie acht Jahre alt ist, explodiert mitten in der Nacht eine Bombe vor der Wohnung, in der sie mit ihren beiden Schwestern schläft – die Eltern sind ausgegangen. Marine kommt körperlich unversehrt davon, aber seelisch sitzt der Schock tief. Im Wahlkampf 2022 in Reims spricht sie erstmals offen darüber. Sie erzählt von ihrer Kindheit – und sagt, der Bombenanschlag auf ihre Familie habe sie gelehrt, wie gewalttätig Politik sein könne.Auftritt in hellrosa: Le Pen am Dienstagabend vor dem Interview im Studio des französischen Senders TF1EPAGeborgenheit findet die junge Marine nur selten. Die Eltern überlassen sie und ihre zwei Schwestern meist einem Kindermädchen. Als Marine 16 Jahre alt ist, brennt ihre Mutter Pierrette mit ihrem Liebhaber durch. Jean-Marie Le Pen tobt und kappt der untreuen Gattin den Geldhahn. Pierrette Le Pen zieht sich daraufhin für das Titelcover des „Playboy“ aus und lässt sich in anzüglicher Pose, mit nicht viel mehr einem Häubchen auf dem Kopf, ablichten. Der Bruch mit der Mutter ist daraufhin endgültig: Fast 15 Jahre lang wird ihr Name nicht mehr erwähnt. Und Marine und ihre Schwestern bekommen sie nicht mehr zu Gesicht.Auch in ihren eigenen Beziehungen hat Marine kein glückliches Händchen. Zweimal reicht sie die Scheidung ein, eine dritte Beziehung mit dem Parteifreund Louis Aliot geht in die Brüche. Aus ihren beiden Ehen gehen drei Kinder hervor, inzwischen ist sie Großmutter. Sie teilt sich mit einer Kindheitsfreundin eine Wohnung und findet Geborgenheit vor allem in der Katzenzucht. Kürzlich schleppte sie ein neugeborenes Kätzchen sogar zu einem Termin in den Élysée-Palast, weil es „unbedingt“ ihrer Fürsorge bedurfte. Sie werde sich künftig um ihre Enkelkinder und ihre Katzen kümmern, raunten Vertraute. Tatsächlich hatte Le Pen nach der verlorenen Wahl 2022 gesagt, das sei ihr letzter Wahlkampf gewesen.Rückkehr der KämpferinAber daran kann sich ohnehin kaum noch jemand erinnern. Jedenfalls war Beobachtern schon damals klar, wie sehr Le Pen damit haderte, die Führung in Bardellas Hände zu übergeben. Kein Interviewtermin des Parteichefs gab es, bei dem sie nicht im Hintergrund wachte – und nicht mit Kritik sparte. Bardella hatte in einem Interview mit der F.A.Z. angedeutet, aufgrund der Finanzzwänge über eine Rentenreform nachzudenken, und dem Bundeskanzler Friedrich Merz die Hand ausgestreckt. Le Pen war nicht amüsiert. Wenige Wochen später revidierte Bardella gegenüber dem Nachrichtenportal „Politico Frankreich“ den Eindruck, er könne ein konstruktiver Partner innerhalb der EU sein. Er verlangte, den französischen EU-Beitrag zu halbieren.Doch offensichtlich war es Le Pen satt, nur noch die Nummer zwei zu sein – zumal ihre Umfragewerte hinter die Bardellas zurückgefallen waren. Bardellas Liebschaft mit Prinzessin Maria-Carolina von Bourbon-Sizilien offenbarte zudem eine bedenkliche Neigung des strebsamen Zöglings, sich den Versuchungen des Jetset-Lebens hinzugeben. Aus Le Pens Umkreis streute man, wie sehr die Prinzessin Jordan den Kopf verdreht haben soll. Fotos aus Monaco machten die Runde; der Presse wurde zugespielt, dass Bardella in einem Klub für Superreiche eingekehrt sei. Fortan setzt Le Pen dem Vorsitzenden enge Grenzen.Nicht noch einmal will sie sich den Vorwurf gefallen lassen, sie sei zu zahm geworden. Le Pen stellt sich als Überlebende dar, die allen Versuchen trotzt, sie politisch auszuschalten. Sie ist eine routinierte Wahlkämpferin. Sie kann volle Messehallen begeistern und auf Märkten mit den Leuten reden, auch wenn sie nicht über das Tiktok-Talent Bardellas verfügt. Ihre Volksnähe will sie voll ausspielen.Auf die Phase der Entdiabolisierung, die 2011 mit der Übernahme der Parteiführung begann, soll nun die der Machtausübung folgen. Als Fraktionschefin hat sich Le Pen in die Dossiers eingearbeitet und ihrer Fraktion die „Strategie der Krawatte“ verordnet. Die RN-Abgeordneten erscheinen ordentlich gekleidet zur Arbeit. Antisemitische oder rassistische Entgleisungen duldet sie nicht. Aber gemäßigt? So will sie nicht daherkommen.Le Pen propagiert zwar keinen EU-Austritt („Frexit“) mehr, aber will ihr Netzwerk europäischer Patrioten dafür nutzen, die EU auszuhöhlen. Französische Staatsbürger sollen in allem bevorzugt werden – das Prinzip will sie auch gegen EU-Recht durchsetzen. Ihr Kräftemessen mit dem Rechtsstaat hat begonnen. „Ich werde meinen Wahlkampf nicht mit juristischen Analysen bestreiten“, sagte sie am Mittwoch. „Ich bin wählbar, das ist alles.“