GastkommentarMartin ElingRegulierung darf auch in der Schweiz «einfacher, mutiger, schneller» werdenDie neue Agenda der europäischen Aufsichtsbehörde für das Versicherungswesen und die betriebliche Altersversorgung könnten zum Anlass genommen werden, auch in der Schweiz Formalismen abzubauen.08.07.2026, 05.20 Uhr3 LeseminutenDie Schweiz muss nicht in erster Linie «deregulieren», sondern «das Gute besser umsetzen».ImagoDie europäische Aufsichtsbehörde für das Versicherungswesen und die betriebliche Altersversorgung (EIOPA) hat ihrer neuen Strategie eine markige Ansage vorangestellt: «simpler, bolder, faster». Einfacher, mutiger, schneller. Regulierung soll weniger bürokratisch sein, Entscheide sollen mutiger ausfallen und rascher wirken.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das ist mehr als nur ein Slogan. Es ist das Eingeständnis, dass selbst etablierte Aufsichtssysteme wie Basel III für Banken und Solvency II für Versicherer an die Grenzen der Komplexität, der Bürokratie und der Innovationsfähigkeit stossen. Für die Schweiz stellt sich damit die Frage: Können wir das auch? Und wenn ja: wie?Die Schweiz schneidet gut abEine neue Studie der Universität St. Gallen liefert dazu Daten am Beispiel der Versicherungsbranche. Drei Befunde stehen im Zentrum. So haben erstens Umfang und Komplexität der Regulierung seit 2014 in allen drei Dach-Ländern weiter zugenommen. Dies quer durch alle Bereiche, von der Kapitalausstattung über Governance, Vertrieb und Datenschutz bis hin zu Nachhaltigkeit und Digitalisierung.Zweitens wirkt das Proportionalitätsprinzip in der Praxis nur eingeschränkt: Fixe Lasten bei Dokumentation, Reporting und IT treffen kleinere und mittlere Versicherer überdurchschnittlich stark. Es entsteht somit eine strukturelle «Proportionalitätslücke». Gerade dort, wo Schutzziele wenig zusätzlichen Nutzen versprechen, fällt der formale Aufwand besonders stark ins Gewicht.Die Schweiz schneidet dabei im DACH-Vergleich gut ab. Dieser dritte Befund ist für die Standortdebatte zentral. Mit dem Swiss Solvency Test (SST), dem Schweizer Aufsichtsregime, prüft die Finma seit 2011, ob Versicherer genug Eigenkapital für ihre Risiken halten. Sie gilt unter den Befragten der Studie als prinzipien- statt regelbasiert, als risikoorientiert und konzeptionell tragfähig – Schwächen werden allerdings im Vollzug verortet, etwa in der formalisierten Anwendung und in verbesserungsfähigen Konsultationsprozessen.Das Gute besser umsetzenWas folgt aus diesen Befunden? Nicht «deregulieren», sondern «das Gute besser umsetzen». Es zeichnen sich drei Hebel ab:Erstens: Der prinzipienorientierte Anspruch in der täglichen Aufsichtspraxis muss spürbar bleiben durch abgestufte Anforderungen an Prüfung und Berichterstattung. Konkret bedeutet das: Wo Risiken ins Gewicht fallen, prüft die Aufsicht intensiv; etwa bei einem grossen Lebensversicherer mit Milliardenverpflichtungen. Wo die Risiken dagegen klein sind wie bei einer regionalen Krankenkasse mit überschaubarem Geschäft, lassen sich Dokumentationspflichten spürbar verschlanken.Zweitens: Der Dialog zwischen Aufsicht und Branche lässt sich weiter vertiefen. Konsultationen entfalten ihre volle Wirkung, wenn alle Beteiligten nachvollziehen können, wie Eingaben einfliessen und wie Entscheide einzuordnen sind. Dann profitieren beide Seiten: Die Aufsicht gewinnt an Akzeptanz, die Versicherer gewinnen an Planungssicherheit.Drittens: Wirkung und Aufwand müssen messbar werden. Verbindliche Wirkungskontrollen sollten für wichtige Vorhaben zum Standard werden. Das wäre die schweizerische Antwort auf «bolder»: der Mut, eigene Regeln kritisch zu überprüfen und gegebenenfalls zurückzunehmen.Die Finma hat mit dem Swiss Solvency Test (SST), mit einem prinzipienbasierten Aufsichtsansatz und aktiven Bemühungen um Verhältnismässigkeit einen international beachteten Weg eingeschlagen. Genau deshalb ist die EIOPA-Formel «einfacher, mutiger, schneller» auch für die Schweiz brauchbar. Aber nicht als Importprodukt. Hierzulande müsste sie lauten: weniger Formalismus bei gleichem Schutzniveau, mehr Bereitschaft zur Selbstüberprüfung, klarere Kommunikation zwischen Aufsicht, Politik und Markt.Die Ausgangslage ist gut. Sie zu erhalten, ist eine gemeinsame Aufgabe von Aufsicht, Gesetzgeber und Versicherern. Der Finanzplatz Schweiz hat alles, was er dafür braucht. Es liegt an uns, daraus mehr zu machen.Martin Eling ist Professor und Direktor des Instituts für Versicherungswirtschaft an der Universität St. Gallen.