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Rüstung: Was bedeutet der Rekordauftrag aus Kanada für TKMS? Der Zuschlag aus Kanada gilt als größter Erfolg der Firmengeschichte. Doch damit beginnt die Herausforderung erst: TKMS muss mehrere Milliardenprojekte gleichzeitig bewältigen.

Isabelle Wermke 07.07.2026 - 15:51 Uhr Artikel anhörenBoris Pistorius (r.), TKMS-Chef Oliver Burkhard: Coup für den Standort. Foto: Kay Nietfeld/dpaNun steht das Unternehmen vor dem größten Ausbau seiner Geschichte. Während die Vertragsverhandlungen mit der kanadischen Regierung beginnen, muss TKMS seine Produktionskapazitäten deutlich ausweiten. Denn schon vor dem Deal war das Orderbuch von TKMS gut gefüllt.Im ersten Halbjahr des Geschäftsjahres 2025/26 lag der Auftragsbestand bei 20,6 Milliarden Euro. Durch den Kanada-Auftrag dürfte er sich nach Angaben von TKMS um mehr als die Hälfte erhöhen.Zum Auftragsvolumen haben weder das Unternehmen noch die kanadische Regierung bislang Angaben gemacht. Marktbeobachter schätzen allein den Wert des U-Boot-Baus auf etwa 20 Milliarden Euro. Einschließlich Wartung und Betrieb über mehrere Jahrzehnte könnte das Gesamtprogramm nach Angaben der kanadischen Regierung bis zu 100 Milliarden kanadische Dollar umfassen. Umgerechnet entspricht das etwa 62 Milliarden Euro.Der Auftrag käme zu den bereits laufenden Programmen für Deutschland und Norwegen hinzu. Beide Länder haben jeweils sechs U-Boote der gemeinsam von TKMS und Norwegen entwickelten Klasse 212CD bestellt.Sollte Kanada sämtliche geplanten Boote abrufen, würde TKMS also insgesamt bis zu 24 U-Boote dieses Typs bauen – und demnach drei milliardenschwere Programme parallel abarbeiten. Für TKMS ist das zwar eine gute Nachricht. Doch die Aufträge bringen das Unternehmen zunächst einmal an seine Kapazitätsgrenzen.Auftragsbestand von TKMS bringt Kapazitäten an ihre GrenzenDer Marineschiffbau ist ein Geschäft mit langen Projektlaufzeiten, hohen Anzahlungen und der Aussicht auf jahrelangen anschließenden Service. Die eigentliche Marge entscheidet sich aber erst in der Umsetzung: bei Material- und Lohnkosten sowie der Frage, wie viele Risiken der Hersteller im endgültigen Vertrag übernimmt.Nach Angaben aus Kanada könnten die Vertragsverhandlungen sechs bis 18 Monate dauern. Erst danach stünde ein bindender Vertrag. Firmenchef Oliver Burkhard bezeichnete den Auftrag bereits als „den größten Einzelauftrag in der Geschichte von TKMS“.Um die vielen Bestellungen abzuarbeiten, treibt TKMS den Ausbau seiner Produktionsflächen voran. Neben dem Stammsitz in Kiel baut TKMS derzeit auch den Standort Wismar aus. Am zweiten deutschen Standort, auf dem Gelände der früheren MV-Werften, entsteht derzeit eine neue Fertigungslinie für U-Boote, Fregatten und Spezialschiffe.Rüstung Deutscher Rüstungskonzern erhält Mega-U-Boot-Auftrag Nach Unternehmensangaben sollen dort bis Ende 2029 in mehreren Schritten bis zu 1500 neue Arbeitsplätze entstehen – bereits Anfang Januar hatten dort mehr als 140 neue Beschäftigte ihre Arbeit aufgenommen.Auf der Hauptversammlung im März bezifferte Burkhard die bislang zugesagten Investitionen für den Ausbau auf etwa 200 Millionen Euro. Er beschrieb Wismar als künftige „Hybrid-Werft“, die parallel mehrere Großprogramme abwickeln soll.Produktion bei TKMS in Kiel: Zahlreiche Aufträge. (Archivbild). Foto: Marcus Brandt/dpaDer Ausbau begann lange vor der Entscheidung aus Ottawa. Hintergrund ist der bereits stark gewachsene Auftragsbestand. Mit Programmen für Deutschland, Norwegen, Israel und weitere Kunden waren die Werften schon zuvor auf Jahre ausgelastet.An der Börse steigen die ErwartungenAn der Börse wurde der jüngste Deal positiv aufgenommen. Nach ersten Medienberichten über die Entscheidung aus Kanada gewann die Aktie zwischenzeitlich mehr als elf Prozent. Seit Jahresbeginn hat der Kurs deutlich zugelegt. Anleger setzen darauf, dass der Rekordauftrag den Wachstumskurs des Unternehmens über Jahre absichert. Erst im Oktober vergangenen Jahres war TKMS an die Börse gegangen.Ob diese Erwartungen erfüllt werden, entscheidet sich mit dem endgültigen Vertrag. Kanada hat TKMS bislang lediglich als bevorzugten Anbieter ausgewählt und beabsichtigt, bis zu zwölf Boote zu beschaffen. Wie viele Einheiten am Ende fest beauftragt werden und in welchen Tranchen, muss noch verhandelt werden. Für die Bewertung sind Zahlungsprofile, Inflationsschutz, Lieferfristen und Haftungsfragen wichtiger als die Stückzahl.Strategisch ist der Zuschlag für TKMS bedeutend. Beim Deal mit Kanada hat sich der Konzern gegen Hanwha Ocean aus Südkorea durchgesetzt. Beide Unternehmen hatten nicht nur U-Boote angeboten, sondern auch Industriepakete.Zum Industriepaket von TKMS gehören nach Unternehmensangaben etwa 40 Kooperationsvereinbarungen mit kanadischen Unternehmen und Einrichtungen, der Aufbau von Wartungs- und Instandhaltungszentren an der Atlantik- und Pazifikküste sowie die Einbindung kanadischer Zulieferer, etwa beim Stahlbezug. Die U-Boote selbst sollen vollständig in Deutschland gebaut werden.Vom Schiffbauer zum Systemanbieter?Für Kanada war neben militärischer Leistungsfähigkeit auch der wirtschaftliche Nutzen im eigenen Land entscheidend. Die kanadische Regierung verweist auf die Kooperationen bei Instandhaltung, Lieferketten und industrieller Wertschöpfung.Für TKMS wiederum endet das Geschäft damit also nicht mit der Auslieferung der U-Boote. Wartung, Modernisierung und Ersatzteile kommen hinzu und könnten über Jahrzehnte zusätzliche Erlöse einbringen. Gleichzeitig entsteht eine Referenz für weitere Exportmärkte. Das Unternehmen verhandelt nach eigenen Angaben bereits über einen U-Boot-Auftrag in Indien. Der Deal mit Kanada dürfte TKMS dabei stärken.Der Marinebauer tritt zunehmend als Systemanbieter auf, der nicht nur Schiffe liefert, sondern langfristige Industriepartnerschaften anbietet. Das dürfte auch bei künftigen Ausschreibungen an Bedeutung gewinnen.IG Metall Küste begrüßt milliardenschweren GroßauftragAuch die Gewerkschaft IG Metall begrüßt den Auftrag. „Der Zuschlag für TKMS ist eine gute Nachricht für die Beschäftigten und ein starkes Signal für die maritimen Industriestandorte im Norden“, sagte Daniel Friedrich, Bezirksleiter IG Metall Küste und Aufsichtsrat bei TKMS. Der Auftrag eröffne langfristige Perspektiven für die Belegschaften in Kiel, Wismar, Hamburg, Emden und darüber hinaus. Verwandte Themen KanadaDeutschlandNorwegenIG MetallEs würden zudem zusätzliche Arbeitsplätze entstehen, mehr als jetzt schon erwartet. „Wo, wann und welche zusätzlichen Jobs genau geschaffen werden, wird sich im Laufe der Verhandlungen ergeben, die sowohl mit Kanada als auch zwischen den Nationen geführt werden, die U-Boote des Typs 212CD abnehmen, also Deutschland, Norwegen und Kanada“, sagte Friedrich.Entscheidend sei, dass die Wertschöpfung möglichst umfassend an den norddeutschen Standorten erfolgt und die Beschäftigten unmittelbar von der positiven Entwicklung profitieren. Veröffentlicht nach den redaktionellen Standards des Handelsblatts. Mehr Informationen finden Sie in unseren Richtlinien. 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