Kanada hat sich entschieden. Mit dem deutschen Marinekonzern TKMS will die Regierung von Mark Carney den größten Rüstungsauftrag der Landesgeschichte ausverhandeln. Kommt das Geschäft erwartungsgemäß zustande, geht es um mehr als zwölf U-Boote für das nordamerikanische Land. Es geht auch um den Bau einer militärischen Infrastruktur für eine transatlantische Partnerschaft zwischen Kanada, Deutschland und dem ebenfalls beteiligten Norwegen, die angesichts wachsender Bedrohungslagen in der Welt wichtiger denn je ist.Oliver Burkhard, der Vorstandsvorsitzende von TKMS, sprach nach der Verkündung mehrfach von Respekt und Verantwortung im Zusammenhang mit diesem Auftrag, der mehr als ein reines Beschaffungsprojekt sei. Der einstige Gewerkschaftsführer weiß, dass die eigentliche Arbeit jetzt erst beginnt. Und er weiß, dass er dafür wenig Zeit hat.Viele Milliarden für ein ganzes ÖkosystemDie Dramaturgie ließ die Entscheidung schon im Vorfeld erahnen. Es war schwer vorstellbar, dass Carney sich unmittelbar vor dem Abflug zum NATO-Gipfel nach Ankara gegen die Deutschen entscheiden würde, um dort wenige Stunden später Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) strahlend die Hand zu schütteln. Die TKMS-Aktie legte mit dieser Erwartung schon am Montag zweistellig zu. Die gigantischen Summen, die im Zusammenhang mit dem Auftrag kursieren, beflügeln die Phantasie der Anleger: Burkhard sprach von 167 Milliarden kanadischer Dollar, die im Laufe der Zusammenarbeit an zusätzlicher Wirtschaftsleistung entstünden. Auf ein konkretes Dealvolumen will sich jedoch keiner der Beteiligten festlegen, bevor die Verträge nicht festgezurrt sind. Das geschieht im besten Fall bis Ende des Jahres. Umgerechnet 20 Milliarden Euro scheinen aber nicht zu hoch gegriffen.Nach Einschätzung von Fachleuten bot auch der letzte verbliebene Wettbewerber aus Korea ein starkes Produkt an, das die Anforderungen eines U-Boots für den Einsatz in den eisigen Gewässern vor den endlosen kanadischen Küsten erfüllt. Ausschlag für das TKMS-Modell 212 CD könnte neben seinen starken Tarneigenschaften und dem wenig personalintensiven Betrieb auch die Tatsache gegeben haben, dass es sich um ein existierendes und standardisiertes Modell handelt. Das „CD“ im Namen steht für „common design“.Wenig Extrawünsche, flexible BesatzungenDie Kanadier bestellen im Kern also dieselben Boote wie jenes Dutzend, das Deutsche und Norweger für ihre Streitkräfte bauen. Das macht die Produktion weitaus weniger komplex und kann sogar die Interoperabilität innerhalb der NATO auf ein völlig neues Niveau heben, wenn Besatzungen aus verschiedenen Ländern ohne großartige Anlernzeiten flexibel eingesetzt werden können.„U-Boote von der Stange“ nennt das TMKS-Chef Burkhard. Gerade die Extrawünsche der Auftraggeber großer Rüstungsprojekte waren in der Vergangenheit eine entscheidende Ursache für Lieferverspätungen. Das Beispiel zeigt, dass nicht nur hippe Drohnen-Start-ups die Zeichen der Zeit erkannt haben. Kanada will seine überalterte Flotte zur Mitte des kommenden Jahrzehnts ausmustern. Dann muss geliefert werden.Sattes Auftragspolster von 20 Milliarden EuroFür TKMS und seine vielen Projektpartner heißt das, dass die Produktionsstätten in Kiel und Wismar auf Hochbetrieb gefahren werden und die Lieferketten sicher stehen müssen. Größere Verzögerungen darf es nicht geben, was für ein Unternehmen mit einem ohnehin gewaltigen Auftragsbestand von 20 Milliarden Euro eine ordentliche Herausforderung bringt. Angesichts bestehender Lieferverträge mit Singapur oder Israel stellt sich ernsthaft die Frage, ob die bestehenden Kapazitäten und das vorhandene Personal ausreichen.Der U-Boot-Auftrag ist das spektakuläre Kernstück einer gemeinsamen deutsch-europäischen Sicherheitsarchitektur mit Kanada, das auf der Suche nach Alternativen zu den USA unter Donald Trump ist. Die Reihe der Projekte geht vom Aufbau von Kapazitäten für Raketenstarts vom kanadischen Weltraumbahnhof Nova Scotia, an dem das Münchner Start-up Isar Aerospace beteiligt ist, bis hin zur Sicherung kritischer Rohstoffe für Europas Industrie.In den vergangenen Wochen sind mit dem deutsch-französischen Kampfflugzeug FCAS und der Fregatte 126 gleich zwei vermeintliche Leuchtturmprojekte schamvoll beerdigt worden. Nach diesen teuren grenzüberschreitenden Fehlleistungen steht die Industrie nun unter besonders hohem Druck zu beweisen, dass sie zügig, zuverlässig und auch im Kostenrahmen ihren Beitrag zur Sicherung der Demokratie zu leisten imstande ist. Die Zeit bis zum Stapellauf läuft.