So wie Englands Nationalspieler am Ende mit ausgebreiteten Armen vor ihren Fans standen und mit ihnen den Oasis-Song sangen, den jeder kennt, sah es aus, als hätten sie etwas Großes gewonnen. Mehr als ein Achtelfinale. Und als Thomas Tuchel eine gute Stunde später ins Pressezelt neben dem Stadion kam, sagte er, dass sich das auch so angefühlt habe.Das Estadio Azteca hatte dieses Spiel schon vor dem Anpfiff vergrößert, die Spieler selbst machten aus dem großen Ereignis dann ein wirklich großes Spiel. Jude Bellingham, der in zwei Minuten zwei Tore schoss, Jordan Pickford, der ständig durch seinen Strafraum hechtete, Harry Kane, der mal wieder einen Elfmeter ins Tor schoss. Und vielleicht macht dieses große Spiel, die Tatsache, es auf diese Weise gewonnen zu haben, nun auch diese englische Mannschaft größer. Das zumindest werden sie hoffen in England.Wer eine Weltmeisterschaft gewinnen will, muss wachsen auf dem Weg dorthin. An den Gegnern und an den Hindernissen, die auf diesem Weg liegen. Mexikos Kader mag nicht aus so vielen Spitzenspielern bestehen wie der der Franzosen, Brasilianer oder Argentinier, aber dieses Achtelfinale hätte für England trotzdem kaum mehr Hindernisse bereithalten können.Die 2241 Meter Höhe, in denen das Stadion liegt, wo die Luft dünn ist und die Mannschaft einen Vorteil hat, die an die dünne Luft gewohnt ist. Der Gegner, der bis dahin alle vier Spiele gewonnen hatte. Die Rote Karte, die der Verteidiger Jarrel Quansah nach nicht mal einer Stunde gezeigt bekam. Das Stadion, der Ort, aus dem die englische Nationalmannschaft gestärkt hervorgehen könnte.Gebrüll von 70.000 Zuschauern40 Jahre war es bis zu diesem Wochenende her, dass zuletzt eine englische Nationalmannschaft an diesem Ort gespielt hatte. Gegen Diego Armando Maradona, der innerhalb von fünf Minuten das vielleicht frechste und das vielleicht beste Tor der Fußballgeschichte erzielt hatte. Wenn es nach Tuchel ging, sollten solche Geschichten keine Rolle spielen bei diesem Achtelfinale.Aber natürlich hat man als Spieler aus dem Herkunftsland des Fußballs im Kopf, was alles passiert ist in diesem Stadion, wo Pelé zum dritten und Maradona zum ersten Mal den goldenen Pokal in die Luft stemmte. Das lässt sich kaum einfach wegschnipsen, wenn man aus dem Spielertunnel Richtung Rasen stapft und einen das Gebrüll von 70.000 Mexikanern empfängt.In diesem Gebrüll, in der Höhe zu bestehen, das ist ohnehin schon Aufgabe genug. Sie werden geahnt haben, dass sie sehr viel Kraft lassen würden auf diesem berühmten Rasen. Nur vielleicht nicht, dass es so viel sein würde.Sie lagen erst mal ohne Regung im GrasWie viel Kraft den Engländern entwichen war, wie viel sie gebraucht hatten für dieses 3:2 gegen Mexiko, das konnte man nach 106 Minuten im englischen Strafraum beobachten. Als Jordan Pickford den allerletzten Ball dort hinausgefaustet hatte, sackten die Spieler in den weißen Shirts in sich zusammen. Pickford selbst hatte noch die Kraft, seine Arme jubelnd in Richtung der Regenwolken zu recken, aber Pickford ist ja auch Torhüter. Einige von denen, die Kilometer um Kilometer gelaufen waren, ohne dabei so viel Sauerstoff in die Muskeln pumpen zu können wie gewohnt, lagen erst einmal ohne Regung im Gras.„Wir mussten etwas finden“, sagte Harry Kane hinterher in einem Fernsehinterview. Ein Fünkchen Energie, irgendetwas, mit dem sie sich gegen die anlaufenden Mexikaner behaupten konnten, die in der letzten halben Stunde Flanke um Flanke um Flanke in ihren Strafraum löffelten. Kanes Stimme klang noch ein bisschen dünner als die mexikanische Luft; irgendwo zwischen seinen Kommandos auf dem Rasen und dem Oasis-Grölen vor der Tribüne hatte er sie verloren. Der Mittelfeldspieler Jordan Henderson war beim Feiern sogar von einer Werbebande gestürzt, er wurde mit einem verletzten Handgelenk ins Krankenhaus gebracht.Kane wird seine Stimme wiederfinden in den kommenden Tagen. Die Frage ist eher, ob er und seine Kollegen auch genug Energie für das nächste Spiel finden, am kommenden Samstag gegen Norwegen. Vielleicht auch für die zwei Spiele, die dann noch kommen könnten.Tuchel verändert den BlickwinkelAls Tuchel nach dem Spiel im Pressezelt neben dem Stadion saß, wollte er natürlich nicht über ein mögliches Halbfinale reden. Er wolle sich nicht einmal mit Norwegen beschäftigen in den kommenden 24 Stunden, sagte er. Was sich da zugetragen hatte auf dem Rasen des Aztekenstadions, das musste er erst einmal verdauen. Und die Spieler? „Natürlich sind die Spieler next-level erschöpft“, sagte Tuchel. Dann aber versuchte er, den Blickwinkel etwas zu verändern.Tuchel sagte, wie schön es sei, dass Spieler auf diesem Level sich so verausgaben würden für ihr Land, für das Trikot, das sie trügen. Einmal richtete er sich auf die Frage eines Reporters direkt an die Leute daheim in England, die gerade aus den Pubs nach Hause liefen oder von zu Hause ins Büro. „Es gibt so viel zu lieben an dieser Mannschaft“, sagte er. Da griff einer nach dem Momentum, um es zu vergrößern. Damit in England die Zuneigung zur Mannschaft noch mal einen Schub bekommt und bei der Mannschaft in Nordamerika die Überzeugung wächst. Der Glaube, in den nächsten zwei Wochen noch drei weitere Hindernisse aus dem Weg schießen zu können.Statistiken, die die Überzeugung stärkenWomöglich wird Tuchel seinen Spielern auf dem Rückflug noch mal Statistiken vorlesen, die ihre Überzeugung stärken. Vielleicht wird er ihnen erzählen, dass Mexiko bei einer WM noch kein einziges Spiel verloren hatte im Estadio Azteca – bis zu dem Spiel, in dem sie 2026 auf England trafen. Oder dass Mexiko dort insgesamt seit fast zwölf Jahren nicht verloren hatte. Dass diese Mannschaft bei dieser WM bisher kein einziges Gegentor hatte hinnehmen müssen, werden sie ohnehin wissen. Aber es schadet sicher nicht, ihnen auch davon noch mal zu erzählen.Tuchel benutzte an diesem Abend oft das Wort „overcome“. Er redete also darüber, was seine Mannschaft alles überwinden musste. „40, 50 Minuten mit zehn Mann in der Höhe gegen die Heimmannschaft, gegen ein starkes, starkes mexikanisches Team“, sagte er, das sei eine heroische Leistung. Englische Reporter stimmten ihm zu. Der „Guardian“ beschrieb es als „Englands schönsten Sieg in der K.-o.-Phase seit 1966“. Eben weil es nicht nur der Sieg zu zehnt über die Gastgebernation war; es war auch der Sieg über die Wucht des Stadions, über Englands Erinnerungen an diesen Ort.Möglicherweise ist das in diesem Fall ein Vorteil für Englands Nationalspieler: der Stellenwert solcher Geschichten in ihrem Land, die Größe des kollektiven Fußballgedächtnisses. Weil sich eben auch dieser Sieg nun immens anfühlen wird; weil er eingeordnet werden wird als eins der bedeutsameren Fußballspiele in Englands jüngerer Vergangenheit. Schon dadurch könnten sie wachsen auf dem Rest des Wegs durch die Weltmeisterschaft. Und vielleicht können sie daraus sogar ein bisschen Kraft für ihre ermatteten Muskeln ziehen: um es nach der Wucht des Aztekenstadions auch mit der Wucht von Erling Haaland aufzunehmen.
England bei Fußball-WM 2026: Tuchels Team überwindet Mexiko im Aztekenstadion
Unterzahl, Höhenluft, ein entfesseltes Stadion: Selten musste England für einen Sieg bei einer WM so viel investieren wie beim 3:2 gegen Mexiko. Doch das Spiel könnte diese Mannschaft wachsen lassen.










