England bricht den Mythos des Aztekenstadions – Mexiko begräbt unter bitteren Tränen den Traum vom WeltmeistertitelGegen England verliert der Co-Gastgeber erstmals ein WM-Spiel im Aztekenstadion. Selbst dem Nationaltrainer Thomas Tuchel tut das beinahe leid.Sven Haist, Mexiko-Stadt06.07.2026, 11.09 Uhr4 LeseminutenRaúl Jiménez bedankt sich nach der 2:3-Niederlage bei den mexikanischen Fans.Jam Media / GettyDer Mythos des Aztekenstadions ist gebrochen. Im zwölften Anlauf musste Mexiko erstmals bei einer Fussball-WM eine Niederlage in der ehrwürdigen Spielstätte auf 2440 Metern hinnehmen. Zuvor hatte diese bei den Turnieren 1970, 1986 und auch an dieser WM wie eine uneinnehmbare Himmelsfestung gewirkt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Serie endete nun gegen England in einem monumentalen Fussballspiel, das der einzigartigen WM-Historie des 1966 eröffneten Azteca in Mexiko-Stadt gerecht wurde: Neben fünf Toren, zwei Elfmetern und einer roten Karte kam es auch zu einem aufgrund der Höhenlage episch anmutenden Gewitterregen, der den Anpfiff um eine Stunde verzögerte.Der Achtelfinal Mexiko gegen England war fulminant – nicht nur des Feuerwerks wegen.Ezra Shaw / FifaDurch das 3:2 (2:1) hat England zugleich ein im WM-Viertelfinal 1986 erlittenes Trauma überwunden. Damals unterlag die Mannschaft im Aztekenstadion dem späteren Weltmeister Argentinien – beziehungsweise Diego Maradona, der einen gottgleichen Doppelpack mit Hand und Fuss erzielte. England habe nun «Frieden geschlossen», sagte der Nationaltrainer Thomas Tuchel.England feiert Sieg wie WM-TriumphDie Dramaturgie des Achtelfinales ähnelte dem «Jahrhundertspiel», das Italien und Deutschland ebenfalls im Aztekenstadion an der WM 1970 ausgetragen hatten. Damals wechselte das Ergebnis sieben Mal die Richtung, ehe sich Italien in der Verlängerung durchsetzte.Newsletter «Sport – WM-Spezial»Das Wichtigste von der Fussball-WM auf einen Blick: Unser Spezial-Newsletter liefert Ihnen Eindrücke aus Nordamerika sowie Einordnungen und Hintergründe zu den entscheidenden Entwicklungen.Jetzt kostenlos abonnierenDiesmal lag die Faszination darin, dass Mexiko einen blitzartigen Doppelschlag durch Englands Jude Bellingham (36./38. Minute) wettmachen musste und diesem beinahe aussichtslosen Unterfangen nahekam. Wenig fehlte den Mexikanern bei ihrer letzten Torchance in der Nachspielzeit zum Ausgleich, als der englische Abwehrspieler John Stones den Ball nach einer Chaos stiftenden Flanke hauchdünn am Pfosten vorbei und nicht ins eigene Tor stolperte.Englands Jude Bellingham (rechts) im Zweikampf mit Mexikos Verteidiger César Montes.Eduardo Verdugo / APEnglische Fans feuern ihre Nationalmannschaft an. Zahlenmässig waren sie den Mexikanern zwar unterlegen, laut waren sie trotzdem.Thor Wegner / ImagoNach dem Schlusspfiff fielen die englischen Spieler entkräftet auf den Rasen und feierten anschliessend ihre heldenhafte Leistung in Unterzahl wie einen WM-Triumph. Der zweite Titel nach dem Heimsieg 1966 ist weiterhin möglich: Am nächsten Samstag wartet das Überraschungsteam Norwegen im Viertelfinal.Auf der mexikanischen Seite dominierten Traurigkeit und Niedergeschlagenheit. Mexikos Spieler weinten gemeinsam mit den meisten der 80 824 nahezu ausschliesslich mexikanischen Zuschauer im Stadion bittere Tränen – ebenso wie unzählige weitere Millionen Landsleute an den öffentlichen Plätzen in Mexiko-Stadt und im Rest des Landes. Ihre Enttäuschung speiste sich zum einen aus dem Turnier-Aus und dem Verlust des WM-Heimnimbus; zum anderen aus dem mit zunehmender Turnierdauer gewachsenen Glauben, erstmals Fussballweltmeister werden zu können.Mexikanische Fans betrauern das WM-Aus. Bis zuletzt hofften sie, dass das WM-Wunder trotzdem noch eintritt.Richard Pelham / GettyMexikos Captain Edson Álvarez (links) tröstet seinen Teamkollegen Mateo Chávez.Craig Mercerx / Peak Action Photos / ImagoAuch gegen England war wieder das mexikanische «Y si sí?» zu hören, das zum Schlachtruf der eigenen Ambitionen geworden war: «Was, wenn es doch passiert?» Es passierte nicht – wie 1970 und 1986, als das Team jeweils im Viertelfinal gescheitert war. Weiter ging es für Mexiko nie.Wegen WM-Euphorie landete Henderson im SpitalNach dem Aus reichte Mexikos Trainer Javier Aguirre, seit zwei Jahren im Amt, seinen offiziellen Rücktritt ein, der bereits im Vorfeld praktisch festgestanden hatte. Mit 67 Jahren übergibt er die Nationalmannschaft an seinen Assistenten Rafael Márquez, der einst als Spieler 147 Länderspiele für «El Tri» absolviert hatte.Ein Vorwurf war keinem der Mexikaner zu machen. Aguirres Mannschaft bewies eine beeindruckende Moral und verkürzte zweimal einen Zwei-Tore-Rückstand. Zunächst gelang Julián Quiñones das 1:2 (42.), später verwandelte sein Sturmkollege Raúl Jiménez einen von Harry Kane verursachten und nach Ansicht der Videowiederholungen verhängten Strafstoss zum 2:3 (69.). Neun Minuten zuvor hatte Kane seinerseits per Elfmeter das dritte englische Tor erzielt. Die Luft für die Engländer wurde immer dünner – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.Ausgangspunkt der atemberaubenden letzten halben Stunde, die sowohl auf die Ereignisdichte als auch auf die anspruchsvolle «dünne» Luft im Azteca – dem höchstgelegenen aller WM-Stadien – zurückzuführen war, bildete die rote Karte für Englands Rechtsverteidiger Jarell Quansah in der 54. Minute.Der Video-Assistent stufte Quansahs Treffer mit offener Sohle ans Schienbein von Jesús Gallardo als feldverweiswürdig ein; der Schiedsrichter Alireza Faghani folgte dem Hinweis. Von diesem Zeitpunkt an ging es für die Engländer in Unterzahl nur noch ums sportliche Überleben. Eine solche Phase, die gemeinhin als die anstrengendste für ein nicht an die Höhe angepasstes Team gilt, meinten sie bereits zu Beginn der Partie als überstanden abgehakt zu haben.Englands Captain Harry Kane führte seine Mannschaft zum Sieg. Die Wiederholung des WM-Siegs von 1966 ist noch immer möglich.Nick Potts / PA Images / GettyAnhänger von «El Tri» verfolgen den dramatischen WM-Achtelfinal im Shell Energy Stadium in Houston.Carlos Escalona / ImagoDabei halfen die präzisen taktischen Eingriffe des deutschen Trainers Thomas Tuchel, der mit seinen Umstellungen das defensive Zentrum geschickt stabilisierte. Nach dem Platzverweis stellte er zunächst von einer 4-4-2-Formation auf 4-3-2 um, später auf 5-3-1.Sein Team habe den Vorsprung letztlich «mit purem Willen» über die Zeit gerettet, lobte Tuchel. Die Euphorie hatte allerdings auch einen schmerzhaften Preis: Der Ersatzspieler Jordan Henderson riss sich beim Sprung über die Bande das Handgelenk auf und musste umgehend ins Spital gebracht werden.Passend zur Dimension des Spiels fand Tuchel an der Medienkonferenz auch für den Verlierer bemerkenswerte Worte. «Ich habe fast das Gefühl, zu sagen, dass es mir leidtut, dass Mexiko ausgeschieden ist», sagte er – und hob die enorme Leidenschaft aller Mexikaner hervor. Obschon Mexiko nun erstmals im Azteca verloren hat, bleibt eines immerhin gewiss: Der Zauber dieses Stadions lebt weiter.Passend zum Artikel