Raúl Jímenez und Julian Quiñones rennen auf den englischen Torwart zu. Es ist 20:31 Uhr in Mexiko-Stadt, Sekunden zuvor hat das Stadion ein bisschen gezittert, zum vierten Mal an diesem Abend. Becher segelten, Bier spritzten, Arme ruderten durch die Luft, als Jímenez per Elfmeter das 2:3 für Mexiko schoss.Quiñones und Jimenez wissen: Es ist noch Zeit. Eine halbe Stunde für das Tor, das sie noch brauchen. Sie wissen auch, dass sie mehr Kräfte zur Verfügung haben, mehr Leute sind als der Gegner. Aber Jordan Pickford, der den Ball nicht hergeben will, weiß das auch: Dass sie nicht nur mit zehn Fußballern gegen elf spielen müssen, eine halbe Stunde lang. Sondern zu zehnt gegen elf Fußballer und mindestens 70.000 Kehlen.Nachdem Jordan Pickford eine halbe Stunde später das letzte Mal den Ball weggefaustet hat, werden die 70.000 Kehlen übertönt. Die Stadionregie in Mexiko-Stadt spielt das Lied der Engländer nach ihrem Viertelfinaleinzug, nach diesem 3:2-Sieg gegen Mexiko. Es ist ein Spiel der Wendungen, der Unachtsamkeiten, der Intensität, ein kleines Epos mit aufwallender und zerstobener mexikanischer Hoffnung. Und als Pickford auf die Knie sinkt, als er die Arme ausgebreitet, hört man die „Lightning Seeds“ aus England singen, dass der Fußball nach Hause kommt.Keine feindselige Atmosphäre?Am Sonntag ist der Fußball in Mexiko-Stadt an jeder Ecke. In dieser Stadt scheinen mehr Menschen im grünen Trikot unterwegs zu sein als ohne. Sie sitzen in ihren Autos, hocken vor der Tankstelle oder starren auf den Bildschirm in der Taqueria, um zu sehen, wie Brasilien gegen Norwegen ausscheidet. Ein paarmal sieht man sogar Hunde in Trikots. Als die Menschen, vielleicht auch die Hunde dann angekommen sind in diesem Fußballstadion, das so aufgeladen ist mit Geschichten und Geschichte wie kaum ein anderes, erfüllt ein summender Lärm die Luft.Er erwarte keine feindselige Atmosphäre in diesem Stadion, hatte Thomas Tuchel am Tag zuvor gesagt. Nur eine emotionale. Aber als um 18 Uhr, eine Stunde vor dem Spiel, ein paar Menschen in grauen Jacken aus dem Spielertunnel in den Regen treten, fliegen ihnen schrille Pfiffe entgegen. Wenn man sie für englische Spieler hält, werden im Estadio Azteca eben auch die Ballkinder erst mal ausgepfiffen.Als eine Stunde später dann wirklich die englischen Spieler über den Rasen rennen, wird jeder ihre Pässe von Pfiffen begleitet, und jeder mexikanische von Olé-Rufen. Englands Torwart brüllen sie bei jedem Abschlag ein Wort hinterher, das zwar auch mit „P“ beginnt, aber nichts mit seinem Namen zu tun hat: „Puuutoo“, schallt es dann langgezogen durchs Stadion. So viel zur Feindseligkeit.England scheint verwundbarDie Engländer wissen, dass sie gleich mehrere Gegner haben an diesem Abend: die mexikanische Mannschaft, das mexikanische Stadion und die 2241 Meter Höhe, auf denen sich das Stadion befindet. Die ersten 15, 20 Minuten sollten sie überstehen, um hier weiterzukommen. Die Minuten, in denen Mexiko seine Gegner in der ungewohnt dünnen Luft überrennen will.Um 19:22 Uhr, als das Spiel in die Werbepause geht, haben die Engländer diese Minuten überstanden, aber selbstsicher sahen sie dabei nicht aus. Und die Mexikaner haben gemerkt, dass diese Engländer verwundbar sind. Die Angreifer in den grünen Shirts laufen danach schneller an, wie kleine grüne Magneten fliegen sie dem Engländer entgegen, der den Ball führt. Sie wagen sich weiter vor, tauschen flink die Positionen, passen den Ball durch Englands Hälfte. Doch in ebendiesen Minuten glauben die Verteidiger in den grünen Shirts offenbar auch, dass England nicht nur angreifbar, sondern auch harmlos ist.So viel Platz, wie Bukayo Saka nach 35 Minuten beim Flanken hat, darf ein Angreifer nicht bekommen. Erst recht darf ein Angreifer nicht so viel Platz bekommen, wie Jude Bellingham dann zum Köpfen zur Verfügung hat. Der erste gelungene Angriff von Tuchels Mannschaft bringt sie in Führung. Und er bringt die mexikanische Mannschaft offensichtlich durcheinander.Als die Torhymne zu Ende gespielt ist, als Bellinghams Name gerade die Lippen des Stadionsprechers verlassen hat, da rollt der Ball schon wieder durch Mexikos Strafraum. Kane hat ihn dort hineingepasst, Bellingham rutscht über den durchnässten Rasen darauf zu und stupst ihn ins Tor.Die Festung AztécaIn dem Moment scheinen es die Mexikaner zu sein, denen in der dünnen Luft der Sauerstoff fehlt. Nicht in den Beinen, aber im Kopf. In weniger als zwei Minuten haben sie sich einen Rückstand eingebrockt, gegen den sie nun eine Stunde lang anspielen müssen. Da kommt selbst das Aztekenstadion kurz zur Ruhe.Julián Quiñones ist der Mann, der es kurz darauf wieder entzündet; der das Estadio Azteca um 19:41 Uhr zum ersten Mal an diesem Abend erzittern lässt. Wie beim Sieg gegen Südafrika, wie beim Sieg gegen Ecuador. Als der Ball nach einem Freistoß zu ihm kommt, knallt er ihn mit dem Vollspann ins Tor. Und kurz nachdem sich Ekstase breitgemacht hat im Azteca, macht sich auch wieder Glauben breit. Daran, dass sie hier, im Stadion ihrer Mannschaft, ihres Landes, nicht zu schlagen sind.Zehn WM-Spiele hat Mexiko in diesem Stadion absolviert, 1970, 1986, 2026. Verloren haben sie keines. Sie haben überhaupt nur acht Spiele verloren in diesem Stadion, von den circa 150, die Mexikos Nationalmannschaft dort absolviert haben soll, so ganz genau weiß man das nicht. Und jetzt sollen sie hier verlieren, gegen ein England, das so harmlos, so einfallslos ausgesehen hat bis zum ersten Tor?Zwei Elfmeter helfen mitEs ist 20:15 Uhr in Mexiko-Stadt, als das Estadio Azteca zum zweiten Mal erzittert. Der Schiedsrichter aus Iran hat in seine Tasche gegriffen, die Rote Karte herausgenestelt und sie Englands Außenverteidiger Jarrel Quansah gezeigt, nach einer Grätsche, irgendwo zwischen ungestüm und gesundheitsgefährdend. Quansah geht. Quiñones, der Mann mit dem Gewaltschuss, schwingt die Arme nach oben, einmal, zweimal, dreimal. Das Azteca soll noch etwas lauter werden. Das Azteca wird ohrenbetäubend.Aber so passioniert Mexikos Fans ihre Serie und ihre Mannschaft verteidigen, so unbedarft verteidigt Mexikos Mannschaft sein Tor. Weil das so ist, braucht es nur einen Abschlag und einen Ballkontakt von Harry Kane, und plötzlich fliegt Anthony Gordon damit in den Strafraum. Die Situation ist gefährlich, aber nicht so gefährlich, dass José Raúl Rangel dann tun muss, was er tut: Sich wild nach dem Ball werfen und den Gegner treffen. Und Harry Kane so aus elf Metern eine Torchance geben, für die Kane sich an diesem Tag auf die gleiche Weise bedankt wie an den meisten anderen.Als das Azteca zum dritten Mal bebt, um 20:29 Uhr, liegt das daran, dass der iranische Schiedsrichter wieder seinen Arm Richtung Elfmeterpunkt richtet. Diesmal auf den der Engländer, weil der Fuß von Kane den Fuß von Gutierrez getroffen hat. Deshalb kann Jimenez den Ball zwei Minuten später ins Tor schießen und das Azteca ein viertes Mal zum Zittern bringen.Viele Kehlen aber keine IdeenDie Luft ist nicht nur dünn im Azteca, sie scheint auch zu vibrieren, jedenfalls in den Minuten nach Jímenez‘ Tor. Und sie vibriert mit jedem Schuss aufs englische Tor ein bisschen mehr. Mexiko hat einen Vorteil von einem Mann und vielen Kehlen. Aber Mexiko hat keine Idee.England verschiebt. Pickford faustet, Pickford hechtet durch den Strafraum, um die Flanken einzusammeln. Und als er nach elf Minuten zum letzten Mal faustet, als er auf den Boden sinkt und das Lied der Engländer ertönt, hat Mexiko, der Gastgeber, zum ersten Mal ein WM-Spiel im Azteca verloren.Aber so wie das Azteca dann klingt, als die Engländer mit ihren Popsongs einen epischen Sieg besingen und die Mexikaner an ihnen vorbeischleichen müssen auf ihrer Ehrenrunde, da scheint sich in diesem Stadion ein anderes Gefühl breitzumachen als Enttäuschung. Es ist das Gefühl, das Mexikos Trainer Javier Aguirre ausdrückt, als er ein wenig später im weißen Zelt vor dem Stadion sitzt und über diese WM und dieses Spiel spricht, das sein letztes gewesen ist als Nationaltrainer Mexikos. Da sagt er: „Ich gehe mit Stolz.“