Harry Kane und seine Engländer wollen in der dünnen Luft von Mexiko-Stadt ein 40 Jahre altes Trauma aus dem Aztekenstadion besiegen und sich vom euphorisierten WM-Gastgeber in dessen Festung nicht aufhalten lassen. Doch die Mannschaft von Trainer Thomas Tuchel muss sich auf eine gnadenlos beeindruckende Atmosphäre in einem der legendärsten und geschichtsträchtigsten Fußball-Tempel der Welt gefasst machen - und nicht nur das.«Ich hoffe, wir können endlich Frieden mit dem Stadion schließen», sagte Tuchel englischen Medien mit Blick auf das dramatisch-historische WM-Aus in Mexiko-Stadt 1986: «Es ist Karma. Das Karma wird zu uns zurückkehren. Wir werden das Ganze umdrehen.»Mediziner-Rat: Kane sollte in der ersten Halbzeit zwei Tore machenWas für ein Duell in der Runde der besten 16. «In Mexiko gegen Mexiko zu spielen, ist vielleicht das Größte, was die Weltmeisterschaft zu bieten hat», sagte Kane: «Es wird aus vielen Gründen hart.»So klingt es auch bei Tuchel: «Es ist vielleicht eines der schönsten und spannendsten Spiele, die man sich vorstellen kann», sagte der 52-Jährige vor dem Achtelfinal-Kracher in der deutschen Nacht auf Montag (02.00 Uhr MESZ/Magenta TV): Aber viele, viele, viele Hindernisse würden auf sie warten.Eine der größten Sorgen: die Höhe von über 2200 Metern über dem Meeresspiegel. «Das ist natürlich ein großer Nachteil», betonte Tuchel. «Wir können uns physisch nicht darauf einstellen, das ist unmöglich.» Daran ändert auch nichts, dass er die sonstigen Abläufe ändert, und einen Tag früher mit der Mannschaft anreist. «Die Empfehlung ist entweder zehn Tage vorher - was für uns nicht möglich ist - oder auf den letzten Drücker - was nicht erlaubt ist - zu kommen», erklärte Tuchel. Ein Dilemma.«Sie werden wahrscheinlich mit ihrer Laufleistung hinten dran sein, früher 'aus der Puste kommen' als in niedrigeren Höhen gewohnt», sagte Dr. Matthias Krüll, Internist und Pneumologe sowie Chef-Mediziner des Berlin-Marathons, in einem dpa-Gespräch: «Idealerweise versuchen sie, nicht in den Ausdauerbereich zu gehen, sondern schnell und effizient ihre Tore zu machen, damit sie gar nicht die Notwendigkeit haben, lange und ausdauernd laufen oder sich belasten zu müssen.»Die Engländer reisen aus ihrem WM-Camp bei Kansas City an, das gerade mal rund 280 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Die Mexikaner sind es gewohnt, ihr Quartier liegt zehn Kilometer vom Stadion entfernt.Mexikos Fluch des 5. WM-SpielsUnd nach vier Siegen in vier Spielen ohne Gegentor strotzt «El Tri» vor Selbstvertrauen und Titelsehnsucht, so wie das ganze Land. «Um Weltmeister zu werden, muss man jeden Gegner schlagen, und darauf konzentrieren wir uns», sagte Angreifer Santiago Giménez. Trainer Javier Aguirre gab der Partie gegen die Engländer ein Superlativ-Prädikat: «Wichtigstes (Spiel) für das Land und in meiner Karriere.»Zweimal erreichten die Mexikaner bisher ein WM-Viertelfinale - beide Male vor heimischer Kulisse. 1986 kam das Aus im Elfmeterschießen gegen Deutschland. Aguirre war als Spieler mit dabei, sah Rot. Das ominöse fünfte Spiel einer WM lastet seitdem auf den Mexikanern.1970 hatte es keine Achtelfinalrunde gegeben, sie schieden im Viertelfinale in Spiel Nummer vier gegen Italien aus. Der Fluch mit der Fünf soll nun auch gebrochen werden - einen besseren Ort als das Aztekenstadion könnte es für den WM-Mitgastgeber dafür nicht geben. Noch nie verlor Mexiko dort ein WM-Spiel, in diesem Jahrtausend gab es insgesamt nur zwei Pleiten. Die letzte liegt 13 Jahre zurück.Krach in der Nacht durch mexikanische Fans?«Es ist mehr als nur eine Sportstätte; es ist ein Symbol für die Leidenschaft, den Stolz und die fußballerische Identität Mexikos», schrieb die mexikanische Zeitung «Mediotiempo». 80.824 Zuschauer werden wieder drin sein, ausverkauft. Natürlich. Auf der Prachtstraße Reforma dürften trotz der Todesfälle bei den Feiern zuletzt gegen Ecuador wohl wieder eine Million Menschen - wenn nicht noch mehr - ihr mexikanisches Sommermärchen zelebrieren. Ein Land im Fußball-Ausnahmezustand.Nach den gefühlten Heimspielen der Engländer können sich Kane & Co. auf ein besonderes Spiel gefasst machen. «Die Fans sind ein weiterer Spieler für uns», sagt Mexikos Verteidiger Jorge Sánchez: «Wenn wir müde sind, treiben sie uns an. Wenn wir weiterhin zusammenhalten, werden wir Großes erreichen.»Die Engländer fürchten auch, dass es ihnen wie Ecuador ergehen könnte. Vor deren Hotel hatten mexikanische Fans die Nacht vor dem Sechzehntelfinale zum Tag gemacht. Die Polizei musste einschreiten, um die nächtliche Ruhestörung durch dröhnende Motoren, Hupen und Lautsprecher zu unterbinden. Der ecuadorianische Verband beschwerte sich.«England steht vor dem WM-Duell gegen Mexiko möglicherweise eine höllische Nacht bevor», befürchtet nun bereits die britische Boulevardzeitung «Mirror». Der Verband versuche, das Hotel geheim zu halten, berichten britische Medien. Die Unterkünfte sind allerdings von der FIFA vorgeschrieben.Der letzte Auftritt der Mannschaft aus dem Mutterland des Fußballs im Aztekenstadion ist lange her. Und wurde ein bis heute unvergessenes Spiel. Es war der 22. Juni 1986. England schied im Viertelfinale aus. Maradonas «Hand Gottes» und sein unglaubliches Solo entschieden die damals wegen des Falkland-Krieges auch politisch äußerst aufgeladene Partie.Mexikos Premier-League-Angreifer gegen PickfordBeim Spiel Mexiko gegen England gibt es keine Rand-Rivalitäten. Dennoch wird es eine Reizstimmung zum Zerbersten sein. 150 Dezibel schaffen die Fans im Aztekenstadion. Hoffnung setzen sie auf ihren Wunder-Teenager Gilberto Mora, der im Sechzehntelfinale gegen Ecuador (2:0) herausragend spielte.Oder den in der Premier League bestens bekannten und geachteten Raúl Jiménez. «Lächle, Mexiko!», schrieb die Zeitung «Esto»: «Raúl Jiménez trifft wieder auf Jordan Pickford, sein Lieblingsopfer in der Premier League.» Sechsmal traf er in der englischen Meisterschaft demnach schon gegen den Nationalkeeper der Engländer vom FC Everton.Es wird eine Mega-Hürde für die Three Lions, die endlich den ersten WM-Titel seit 60 Jahren wollen. Oder wie es der «Mirror» zusammenfasste: «Ein Sieg würde als einer der größten Auswärtserfolge Englands in die Geschichte eingehen.»