Drei Traumata prägen die stolze Fußballnation England bei Weltmeisterschaften: die Deutschen, das Elfmeterschießen und das Aztekenstadion. Seit ihrem einzigen Titel beim Heimturnier 1966 scheiterte die englische Mannschaft regelmäßig, bevor die hohen Ansprüche erfüllt werden konnten. Doch zwei der drei Schreckgespenster hat England in den vergangenen Jahren teilweise vertrieben: Die „Germans“ wurden im Achtelfinale der Europameisterschaft 2021 erstmals seit sechs Jahrzehnten in einem K.-o.-Spiel bezwungen; das Elfmeterschießen haben die Engländer zuletzt fast in eine eigene Domäne verwandelt. Sollte es bei dieser WM dazu kommen, gälte das Nervenspiel eher als eine ihrer Stärken. Bleibt das „Azteca“, wie es in England respektvoll genannt wird.Im mexikanischen Nationalstadion in der Hauptstadt Mexiko-Stadt schieden die Three Lions bei ihrem bislang letzten Gastspiel im WM-Viertelfinale 1986 gegen den späteren Weltmeister Argentinien aus – durch Diego Maradonas unsterblichen Doppelpack: die „Hand Gottes“ und das „Dribbling Gottes“. Über Maradonas zweiten Treffer urteilte Augenzeuge Gary Lineker später, es sei das einzige Mal in seiner Laufbahn gewesen, dass er ernsthaft das Bedürfnis verspürt habe, einem gegnerischen Spieler auf dem Platz applaudieren zu wollen. Die Ereignisse von damals beschäftigen England bis heute, wenn nun, 40 Jahre später, die Spielergeneration um Harry Kane und Jude Bellingham in das einstige Schicksalsstadion aufbricht. Sogar „so sehr wie nie“, schreibt der Guardian; die Zeitung verdichtet die englische Gefühlslage in der Schlagzeile: „Azteca-Rächer?“Aztekenstadion in Mexiko-Stadt:Im Tempel des epischen LichtsPelé und Maradona wurden im Aztekenstadion zu Königen des Fußballs. Über einen Betonkoloss, dessen steile Tribünen einschüchtern, und die großen Geschichten, die sich vor ihnen abspielten.Zwar treffen die Engländer in der Nacht zum Montag im Achtelfinale nicht auf Argentinien – ein Duell mit dem Titelverteidiger wäre erst im Halbfinale möglich –, sondern auf Mexiko. Mexiko hat im Aztekenstadion bislang nie ein WM-Spiel verloren, weder 1970 noch 1986, als das Land alleiniger Gastgeber war, noch bei dieser Endrunde als Mitausrichter. In insgesamt elf Begegnungen gab es neun Siege und zwei Remis, davon neun ohne Gegentor. Die zwei Viertelfinalniederlagen der Mexikaner bei den Turnieren 1970 und 1986 fanden in den Städten Toluca und Monterrey statt. Der Mythos des Azteca besteht in seinem schieren Fassungsvermögen von 80 824 Zuschauern (früher mehr als 100 000) und in seiner Furcht einflößenden Lage auf 2240 Metern. Damit ist die Spielstätte den Fußballgöttern näher als jede andere der WM-Geschichte.Die Luft für die Engländer wird also dünn werden – wortwörtlich. Die Höhenlage wirkt sich vor allem auf zwei Aspekte aus: die Atmung der Spieler und die Flugbahn des Balls. Während der Sauerstoffanteil in der Luft mit knapp 21 Prozent konstant bleibt, sorgt die geringere Luftdichte dafür, dass die Sauerstoffmoleküle weiter auseinanderliegen. Dadurch gelangt nicht mehr so viel Sauerstoff in die Muskulatur – im Aztekenstadion nur 76,2 Prozent pro Atemzug im Vergleich zum Meeresspiegel-Niveau. Die Leistungsfähigkeit nimmt entsprechend ab. Inwieweit dies bei jedem Spieler der Fall ist, lässt sich kaum pauschalisieren; es hängt von der individuellen Konstitution und der Höhenanpassung ab, eine Kausalität zur Fitness gibt es eigentlich nicht. Die Auswirkungen auf den Ball betreffen Geschwindigkeit, Länge und Drall. Die „dünnere“ Luft führt dazu, dass der Ball weniger Widerstand erfährt: Er fliegt schneller und weiter und rotiert auch weniger – die Flugkurve verläuft flacher.Der Vorteil auf mehr als 2200 Metern ist so, als würde Mexiko mit einem 1:0-Vorsprung startenWissenschaftler ermittelten bei einer Analyse von insgesamt 1460 Länderspielen in Südamerika, wo teils erhebliche Höhenunterschiede herrschen, dass 1000 Meter einem Vorteil von 0,5 Toren entsprechen für das angepasste Team. Die Engländer, die zu Hause im Schnitt auf 55 Metern über dem Meeresspiegel trainieren, würden gegen die Mexikaner gewissermaßen mit einem 0:1-Rückstand starten.Gegner ohne Höhenerfahrung beklagen sich in den Duellen mit Mexiko im Azteca seit jeher über den offensichtlichen Wettbewerbsnachteil. Auch Englands Trainer Thomas Tuchel wies vor dem Achtelfinale darauf hin, seine Mannschaft habe gegenüber den Mexikanern, die bei diesem Turnier alle ihre Spiele in Mexiko-Stadt bestritten, einen „enormen Nachteil“; es sei „unmöglich“, sich in der Kürze der Zeit an die Höhenlage anzupassen.Grundsätzlich wird eine Akklimatisationszeit von zehn Tagen vor dem Wettkampf in vergleichbarer Höhenlage empfohlen. Lässt sich das nicht realisieren, tendieren Experten zum Gegenteil: eine Anreise so spät wie möglich. Beide Optionen entfielen jedoch für die Engländer. Einen zeitigen Umzug nach Mexiko-Stadt verhinderte der Spielplan, ein klassisches Pop-in-pop-out verbieten kurioserweise die Regularien des Weltverbands Fifa. Diese verpflichten die Teams vom Achtelfinale an jeweils zu einer Trainingseinheit am entsprechenden Spielort. Bislang zogen es Tuchels Engländer bei dieser WM vor, ihre letzte Einheit am Quartier in Kansas City abzuhalten und sich erst danach zum jeweiligen Match zu begeben. Diesmal reisten sie bereits zwei Tage vor dem Spiel nach Mexiko-Stadt. „Eine Mischung aus beiden“, sagte Tuchel. Glücklich klang er dabei nicht.Der Aufenthalt von zwei Nächten könnte ein anderes Problem nach sich ziehen. Vor dem Sechzehntelfinale reichte Mexikos Gegner Ecuador eine Beschwerde bei den Turnierorganisatoren ein – mexikanische Fans machten gezielt vor dem Hotel Lärm, um die Nachtruhe des Teams zu stören. Die Engländer fürchten ähnliche Schikanen und geben deshalb die gewählte Unterkunft nicht preis. Falls diese sich doch in der Riesenmetropole herumsprechen sollte, hält das Funktionsteam die Spieler an, auf Ohrstöpsel, Schlafmasken oder in letzter Instanz auf White-Noise-Geräte zurückzugreifen, deren gleichmäßiges Hintergrundrauschen alle weiteren Störgeräusche auffangen soll. Derlei Umstände könnte Tuchel gemeint haben, als er vermutete, es könnten noch „mehr Hindernisse“ als nur die Höhe warten.All dem halten die Engländer ihre internationale Erfahrung und Wettbewerbshärte entgegen – und das Selbstvertrauen, beim jüngsten 2:1 gegen die DR Kongo tatsächlich erstmals in ihrer WM-Historie einen Halbzeitrückstand in einen Sieg gedreht zu haben. Ob auf Normalnull oder auf 2240 Metern: Mexiko gegen England im Aztekenstadion ist ein Fußballepos, egal, wie das Spiel verläuft. Denn eines ist klar: Entweder überwindet England den Mythos Azteca – oder dieser holt sie erneut ein.