PfadnavigationHomeSportFußballWMWM 1962Trumps WM-Eklat weckt Erinnerungen an den Fall GarrinchaVon Benjamin ScherpStand: 15:15 UhrLesedauer: 4 MinutenFolarin Balogun trifft einen Bosnier am Knöchel und wird des Feldes verwiesen. Die Rote Karte zieht einen Eklat nach sich. Trump mischt sich ein, und die Fifa streicht die fällige Sperre des US-Stürmers. Das Foul im Video.Erstmals seit 64 Jahren hebt die Fifa bei einer WM eine Rote Karte auf. Damals ging es um den brasilianischen Weltstar Garrincha. Auch bei ihm sollen Staatsoberhäupter eingegriffen haben.Ein US-Präsident, der in den Verlauf einer Weltmeisterschaft eingreift? Das Weiße Haus und Donald Trump sollen erfolgreich versucht haben, Einfluss auf die Fifa zu nehmen. US-Stürmer Folarin Balogun darf im Achtelfinale gegen Belgien antreten, obwohl er im Spiel zuvor eine Rote gesehen hatte. Das zieht laut Regelwerk eine automatische Sperre von einem Spiel nach sich. Die Fifa aber hob diese auf. Weltweit gibt es Protest gegen diese Regelbeugung des Weltverbandes. Einmalig ist der Fall aber nicht, es gibt einen sehr ähnlichen Vorgang in der WM-Geschichte. Dieser liegt aber schon weit zurück, nämlich genau 64 Jahre. Im Halbfinale der Weltmeisterschaft 1962 trat Brasilien gegen Gastgeber Chile an. Der damals 28-jährige Garrincha sah nach einem Tritt gegen einen Gegenspieler vom peruanischen Schiedsrichter Arturo Yamazaki Maldonado die Rote Karte. Die Fernsehbilder zeigten den Tritt eindeutig. Garrincha sprach später von einer „unwillkürlichen Reaktion“, nachdem er zuvor mehrfach hart gefoult worden sei, und entschuldigte sich öffentlich. Brasilien-Star Garrincha durfte trotz Sperre ranFür Beobachter schien die Sache entschieden: Brasilien würde ohne Starspieler Garrincha das WM-Finale bestreiten müssen. WELT schrieb am 15. Juni 1962 nach dem 4:2-Erfolg der Brasilianer gegen Chile: „Es kann dennoch keine Diskussion geben: Garrincha muß für das Finale gesperrt werden. Sollte der Internationale Fußball-Verband jedoch einen Winkelzug finden, Garrincha zu begnadigen (...) die Weltmeisterschaft würde vielmehr endgültig zur Farce werden.“ So kam es dann tatsächlich.Damals führte eine Rote Karte noch nicht automatisch zu einer Sperre. Stattdessen entschied die Disziplinarkommission der Fifa nach Anhörung der Schiedsrichter über das Strafmaß. Weil zuvor bereits mehrere Spieler nach Platzverweisen suspendiert worden waren, rechneten nahezu alle Beobachter damit, dass auch Garrincha das Finale verpassen würde. Tatsächlich wurde der zweite im Halbfinale vom Platz gestellte Spieler, ein Chilene, für das Spiel um Platz drei gesperrt. Nicht aber Garrincha. Der wurde lediglich verwarnt und konnte im Endspiel auf dem Platz stehen.Lesen Sie auchGarrincha war damals der überragende Spieler der WM. Nachdem Pelé bereits in der Vorrunde verletzt ausgefallen war, trug der Flügelstürmer Brasilien mit seinen spektakulären Dribblings praktisch im Alleingang durch das Turnier. Später wurde er zum besten Spieler des Turniers gewählt.Präsident kontaktierte SchiedsrichterWie es zu der Entscheidung kam, dass er im Finale dabei sein durfte, darüber wird bis heute gestritten. Offenbar mischten sich auch damals schon Staatsoberhäupter ein. Nach Darstellung der Fifa soll sich ausgerechnet Chiles Staatspräsident Jorge Alessandri für Garrinchas Teilnahme eingesetzt haben. Viele Chilenen hätten sich in den spektakulären Flügelspieler verliebt und wollten ihn im wichtigsten Spiel des Turniers unbedingt noch einmal sehen. Der „Guardian“ erzählt dagegen eine andere Geschichte. Demnach soll Perus damaliger Präsident Manuel Prado Ugarteche persönlich bei seinem Landsmann, Schiedsrichter Maldonado, angerufen haben. Seine Bitte: Die Szene vor der Disziplinarkommission möglichst harmlos erscheinen zu lassen. Er soll dabei auch politische Motive gehabt haben. Peru befand sich damals in einer schweren innenpolitischen Krise, Ugarteche stand massiv unter Druck. Ein internationaler Eklat um den Ausschluss des größten Fußballstars der Welt durch einen peruanischen Schiedsrichter schien ihm offenbar nicht förderlich. So oder so: Nur wenige Wochen später wurde Ugarteche durch einen Militärputsch gestürzt.Der brasilianische Journalist Argeu Affonso schrieb später über die Ereignisse: „Es klang wie ein Kriminalroman von Agatha Christie.“ Kurios war vor allem, wie die Rote Karte überhaupt zustande gekommen war. Schiedsrichter Arturo Yamazaki hatte das Foul nach späteren Berichten gar nicht selbst wahrgenommen. Erst der Hinweis seines Linienrichters Esteban Marino habe zum Platzverweis geführt. Genau dessen Aussage wäre deshalb für die Anhörung des Weltverbandes entscheidend gewesen. Doch Hauptzeuge Marino erschien nie.Wurde ein Linienrichter geschmiert?„Die Wahrheit ist: Esteban Marino verschwand einfach“, schrieb Affonso später. „Er war die Agatha-Christie-Figur des Fußballs.“ Jahrzehnte später wurde die Geschichte noch mysteriöser. Ein ehemaliger WM-Schiedsrichter behauptete, Marino sei außer Landes gebracht worden. Verantwortlich dafür sei Brasiliens damaliger Schiedsrichterchef João Etzel gewesen. Nach dieser Darstellung erhielt Marino 10.000 Dollar, damals ein kleines Vermögen, damit er der Anhörung fernblieb. Ob sich das tatsächlich so abgespielt hat, ließ sich nie eindeutig beweisen. Sicher ist lediglich: Ohne die Aussage des Linienrichters fehlte der Fifa die wichtigste Grundlage für eine Sperre. Garrincha durfte im Finale spielen – und führte Brasilien wenige Tage später zum zweiten WM-Titel in Folge. Brasilien gewann gegen die Tschechoslowakei 3:1. Der Fall gilt bis heute als einer der rätselhaftesten und spektakulärsten Vorgänge der gesamten WM-Geschichte.Auch aus deutscher Sicht weckt der Fall Balogun Erinnerungen an Michael Ballack. Der verpasste 2002 nach seiner zweiten Gelben Karte im Halbfinale gegen Südkorea das WM-Endspiel gegen Brasilien. Zwar wurde damals darüber diskutiert, ob der DFB die Sperre anfechten könnte. Nach den Fifa-Statuten war das jedoch aussichtslos. Der Verband verzichtete auf einen Einspruch.Der Fall Ballack führte später dazu, dass Fifa und Uefa ihre Regeln änderten: Seitdem werden Verwarnungen vor dem Finale gestrichen, damit kein Spieler wegen einer Gelbsperre das wichtigste Spiel seiner Karriere verpasst.