GastkommentarLeighton WoodhouseEin fast leerer Kontinent! – Amerikas Freiheit ist Folge seiner BesiedlungsgeschichteDie Weiten der USA und das Erbe des feudalistischen Europa schufen gemeinsam die älteste moderne Republik. Die Frage ist, ob die materiellen Bedingungen auch weiter bestehen.06.07.2026, 05.25 Uhr6 LeseminutenEroberte Weiten: Badlands National Park um 1940.Jim Heimann / GettyDie amerikanische Zivilreligion ist unterlegt von der festen Überzeugung der Besonderheit des eigenen Landes. Dass die USA die erste moderne Demokratie gründeten, zur mächtigsten Nation der Menschheitsgeschichte aufstiegen, den Faschismus besiegten und gegen die Weltrevolution triumphierten – gründe irgendwie in einer nationalen Einzigartigkeit.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Eine mögliche (christliche) Interpretation ist, dass die Vereinigten Staaten von Gott auserwählt sind. Für Anhänger der Aufklärung steht indes die Genialität der Gründerväter im Mittelpunkt. Deren Vernunftbegabung habe die Nation auf den Weg zur Grösse gebracht. Andere wiederum nehmen einen soziologisch-historischen Standpunkt ein und berufen sich auf Tocqueville. Sie sehen das von ihm festgestellte freiwillige Zusammenkommen der Bürger als zentral für die Erfolgsgeschichte der USA.All diese Blickwinkel haben ihre jeweilige Plausibilität und historische Relevanz. Sie sind sich indes einig, dass die Vereinigten Staaten eine einzigartig begünstigte Nation sind.Ein umfassenderer Blick auf die Geschichte des Landes offenbart neben den üblichen Erklärungen allerdings einen weiteren, profaneren Zusammenhang: Amerika wurde auch dank seinen gigantischen Landreserven zu einer demokratischen Supermacht.Der lange Arm des FeudalismusDie Geschichte des Westens kennt eine Vielzahl von Momenten, die für die Entstehung der Vereinigten Staaten von Belang sind. Keiner von ihnen definiert für sich allein das Schicksal der USA. Von besonderer Bedeutung ist allerdings das aus Europa stammende Verhältnis des Feudalismus zu Land und dessen mittelbare Auswirkungen auf die Neuzeit und Amerika. Dieses Verhältnis aber geht zurück auf das Ende des Römischen Reiches.Den Königreichen, die auf dessen Trümmern gegründet wurden, fehlte die nötige Bürokratie, um ihre Untertanen zu besteuern. Ohne diese Einnahmen liessen sich aber auch keine stehenden Heere unterhalten. Stattdessen setzten die neuen Könige auf Vasallen – deren Kriegsdienste sie mit Beute und Plünderungen entlöhnten. Dazu gehörte insbesondere: Land. Aus diesem Austausch entstand die militärische Ordnung des Feudalismus. Die Macht eines mittelalterlichen Königs bemass sich militärisch in der Summe und Stärke seiner ihm unterstellten Vasallen. Zur Eroberung von Land brauchte es ihre Kooperation, doch jeder Gebietsgewinn verlangte Entlöhnung in der Form neuer Lehen.Die militarisierte Politik des feudalen Europa schuf eine komplexe, hierarchisch gegliederte Sozialstruktur: Eine lange Kette von Vasallen und Lehnsherren verband den ärmsten Bauern mit Gott. Der politische Wettbewerb schuf indes Voraussetzungen für endlose Kriege um Land, das bei jedem Besitzwechsel sofort in die feudalen Strukturen eingegliedert wurde.Freiheit oder das Aufkommen der StädteGleichzeitig brachte der Wettstreit zwischen den Kriegsherren eine gegenläufige ideologische Kraft hervor: den Republikanismus. Jahrhunderte militärischer Wettstreite in Europa hatten stetig neue Technologien hervorgebracht: Steinburgen und Belagerungswaffen, Panzerreiter und Langbögen. Die Kriegstechnik verlangte nach geschickten Handwerkern; diese wiederum brauchten Handelszentren und -routen. So wurden Städte für die langfristige Sicherheit jedes Thrones unabdingbar.Herrscher sahen sich infolgedessen gezwungen, attraktive Bedingungen zu bieten. Städte und Siedler in Randgebieten erhielten erweiterte Eigentumsrechte und bürgerliche Autonomie. So erlaubte etwa im 12. Jahrhundert die Charta von Dublin ihren Einwohnern, lokale Angelegenheiten selbst zu regeln und ihre eigenen Rechtsfälle zu entscheiden. Sie durften Zünfte gründen und innerhalb der Stadtgrenzen nach Belieben bauen. Bald entstand ein transkontinentales Netzwerk von städtischen Rechten, die den Bewohnern, den sogenannten «Bürgern» oder der «Bourgeoisie», bestimmte Rechte und Privilegien einräumten.Der Handel brachte Reichtum, den die Könige besteuern konnten. Diese neuen Einnahmequellen trugen zusammen mit der Entwicklung der Bürokratie dazu bei, dass Monarchen nun Söldner für ihre Kriege anheuern und sogar stehende Heere aufstellen konnten.Der Hundertjährige Krieg wurde grösstenteils von Söldnern geführt – und noch vor Kriegsende schuf der französische König Karl VII. im Jahr 1439 mit den sogenannten Ordonnanzkompanien das erste stehende Heer Europas seit tausend Jahren. Die üblicherweise von verfeindeten Lehnsherren angeheuerten Söldner wurden in den direkten Dienst des Königs gestellt. Dieser Schritt entfachte einen kurzen Bürgerkrieg (die «Praguerie» von 1440) mit einem Grossteil des Adels, den die Krone auf dessen Kosten gewann.Mit der Zeit, um es mit Max Weber zu sagen, begann die Krone, Gewalt zu monopolisieren. Die königlichen Gebiete wurden befriedet; allmählich zeichnete sich so etwas wie Nationalstaat ab. Die Befriedung förderte den Handel, und die Städte florierten, republikanisch gesinnte Bürger profitierten. Doch die alten feudalen Klassenstrukturen verschwanden nicht einfach. Zwar wandelten sich die kriegerischen Vasallen allmählich zu zahmen Aristokraten am Hof des Königs. Doch sie kontrollierten weiterhin das Land, und Bauern, Arbeiter und der niedere Adel sahen sich in einer sozialen Stagnation gefangen. Die Macht der Krone, auf ihrem Höhepunkt im Zeitalter des Absolutismus, geriet zunehmend in Konflikt mit ihren Bürgern und deren freiheitlicheren Werten.Ulster-Schotten: Die SpeerspitzeDoch für die unzufriedenen Bürger, Bauern und perspektivlosen Herren bot sich ein Ausweg. In den amerikanischen Kolonien gab es Ackerland für jeden, der den Mut hatte, in die Wildnis vorzudringen und es sich zu nehmen. Wer mühsame Waldrodung und die ständige Gefahr indigener Angriffe nicht scheute, konnte den wirtschaftlichen Zwängen entkommen, die auf weiten Gebieten des frühneuzeitlichen Europas vorkamen. Hier konnten sich die in den mittelalterlichen europäischen Städten entwickelten republikanischen Werte vielfach ungehindert vom Ballast der Aristokratie ausbreiten.Man nehme etwa die später als schottisch-irisch (oder Ulster Scots) bekannt gewordenen Einwanderer. Ihre Vorfahren waren grösstenteils Presbyterianer, die von Schottland nach Nordirland umgesiedelt worden waren. Königin Elizabeth I. hatte sie als Kolonisten angeworben, um die einheimischen katholischen Iren zu verdrängen. Die Lebensbedingungen im schottischen Grenzgebiet waren trostlos, jene ennet der irischen See deutlich besser. Dort angekommen, gerieten sie jedoch unter die Knute englischer Grundbesitzer. Der eigentliche Feudalismus war Geschichte, doch die Freiheiten liessen auf sich warten.Im 18. Jahrhundert flohen die schottisch-irischen Einwanderer aus Ulster, diesmal an die Ostküste der Vereinigten Staaten. Nach ihrer Ankunft in Philadelphia zogen sie eilig ins Hinterland, wo sie sich in den Tälern der Appalachen einfache Farmen anlegten. Sie wurden – im Guten wie im Schlechten – zur Speerspitze des amerikanischen Expansionismus.Die Eroberung Nordamerikas erforderte eine andere Art der Kriegsführung als die ihrer europäischen Vorfahren im Mittelalter. Die Neuankömmlinge stiessen auf erbitterten Widerstand der Indianer, die zwar kriegerisch erfahren waren, aber meist nicht jenen Widerstand bieten konnten, mit dem im (früh)mittelalterlichen Krieg zu rechnen war. Die Siedler konnten ihr Land erobern, ohne ihre Gesellschaft so umzugestalten, dass eine Kriegerkaste entstand und eine ansässige unterworfene Bevölkerung verblieb, die künftig als Kanonenfutter rekrutiert werden konnte.Die Amerikaner, die sich westlich der Appalachen ausbreiteten, um Gebiete der Native Americans zu erobern, führten die Kämpfe grösstenteils selbst; die amerikanische Armee spielte meist nur eine unterstützende Rolle. Die «frontiersmen» trugen ihre eigenen Waffen und riskierten ihr Leben. Sie glaubten nicht an Treueeide, sondern an Freiheit, Unabhängigkeit und natürliche Rechte. Es war eine Form der Eroberung und Kolonisierung, die vollkommen mit den alten republikanischen Werten des europäischen Bürgertums vereinbar war.Kommende antidemokratische StrukturenNach der Gründung der Vereinigten Staaten und der Besiedlung des Westens florierte die bürgerliche Ideologie weiter. Mit der offensichtlichen, gewaltigen Ausnahme der Afroamerikaner im Süden, die noch immer von den Überresten einer europäischen Aristokratie beherrscht wurden, blühte die amerikanische Demokratie auf. Die Tendenz hielt auch im 20. Jahrhundert an, als die amerikanische Wirtschaft boomte und dadurch die Verhandlungsmacht von Arbeitern, Akademikern und Unternehmern gegenüber dem Staat gestärkt wurde.Diese Bedingungen verschwinden jedoch allmählich. Im Zeitalter der Urbanisierung ist Land kaum noch eine produktive Quelle des Reichtums. Anstatt Migranten in die Vereinigten Staaten zu locken, um die boomende Wirtschaft zu fördern, bremsen wir den Zustrom, um zu verhindern, dass sie um knappe Arbeitsplätze konkurrieren. Und da künstliche Intelligenz menschliche kognitive Arbeit verdrängt, schwinden die Anreize für Regierungen, das Engagement für die Nation zu sichern und Menschen in die Wirtschaft einzubinden. Arbeitskraft scheint billig und überflüssig zu werden.Mit 250 Jahren haben die Vereinigten Staaten längst ihre Ausnahmestellung verloren. Ob ihr republikanischer Geist Bestand haben wird, ist längst nicht sicher. Viel zu wenig Gewicht wird den materiellen Bedingungen beigemessen, die die demokratische Verfasstheit in den Vereinigten Staaten historisch ermöglicht haben. Dazu gehört: reichlich Land ohne einen Landadel. Ohne diese Bedingungen besteht die Gefahr, dass die älteste moderne Demokratie vor allem aus Systemträgheit fortbesteht.Leighton Akira Woodhouse ist amerikanischer Journalist und Dokumentarfilmer. Dieser Beitrag erschien zuerst im britischen Online-Magazin «Unherd».Passend zum Artikel
So viel Weite! Amerikas Demokratie ist direkte Folge seiner gigantischen Landreserven
Die Weiten der USA und das Erbe des feudalistischen Europa schufen gemeinsam die älteste moderne Republik. Die Frage ist, ob die materiellen Bedingungen auch weiter bestehen.













