Ende Juni feierte das Champagne-Haus Louis Roederer in Reims gleich zwei gewichtige Anlässe: seinen 250. Geburtstag – und den 150. Geburtstag seines Prestige-Champagners Cristal. Von diesem kommen gegen Ende des Jahres die late releases Cristal Blanc und Cristal Rosé des fulminanten Jahrgangs 2008 auf den Markt, nachdem gerade erst der aktuelle 2018er seine Premiere gefeiert hat.Der Auftakt der Festivitäten der Familie Rouzaud sollte ursprünglich im nicht klimatisierten Opernhaus von Reims stattfinden. Doch angesichts von Temperaturen um die 40 Grad und 600 geladenen Gästen aus aller Welt wechselte der Zeremonienmeister des Hauses 48 Stunden vor Beginn der Veranstaltung den Ort und zog Bühne, Band und Beleuchtung um ins klimatisierte Kongresszentrum von Reims, wo es ebenfalls einen Konzertsaal gibt.Gegeben wurde dann, nachdem im Foyer zum Aperitif der Roederer Champagne Collection 247 gereicht wurde, kein Konzert, sondern eine Art Nummern-Revue; freilich ohne Klamauk oder billige Schaueffekte. Die Dramaturgie ergab sich vielmehr aus der Unterschiedlichkeit der sieben verschiedenen Nummern, die zeitgenössische Künstler und Autoren ins Zentrum rückten.Es fehlte einem an nichtsEs gab unter anderem eine berührende Hommage des vielseitigen französischen Künstlers Oan Kim an seinen in Korea als Maler etablierten und unlängst verstorbenen Vater Kim Tschang-Yeul; eine musikalisch untermalte Schilderung der dramatischen Hebung von 19 Flaschen Roederer-Champagner aus einem Mitte des 19. Jahrhunderts einige Kilometer südlich von Schweden untergegangenen Schiff; das finale Pas de deux aus Angelin Preljocajs Ballett „Le Parc“ zu Mozarts Adagio aus dem Klavierkonzert Nr. 23 (mit Mathieu Ganio und Alice Renavand, zwei enorm renommierten Tänzern); oder auch eine Diashow des Filmemachers Lee Shulman mit Familienbildern unbekannter Fotografen aus aller Welt, die Teil von Shulmans „Anonymous Project“ sind, für das er mehr als eine Million Diapositive aus Nachlässen ersteigert und kuratiert hatte.Nach der Vorstellung wurden die Gäste in 150 schwarzen Vans zum Sitz der Maison Roederer transportiert und, aus Magnumflaschen, mit dem weißen, später auch rosafarbenen Cristal des Jahrgangs 2013 versorgt, einem überaus energetischen Jahrgang, den man kein Jahr früher hätte zu öffnen brauchen. Dazu gab es fortlaufend Fingerfood von sehr freundlichen Servicekräften, die in großer Zahl angetreten waren. Kurzum, es fehlte einem an nichts, zumal hier und da ein Palasttürchen im ersten Stock aufsprang und eine womöglich in Dior gekleidete, von hellen Scheinwerfern angestrahlte Sängerin einen Popsong zu Gehör brachte.Als hätten wir alle nicht längst genug Champagner gehabt, war der Höhepunkt des Abends der sorgfältig choreographierte Einmarsch von einem scheinbar endlosen Strom Bediensteter zur blauen Stunde, die jeweils eine Magnum des 2008er Roederer Cristal late release, der erst nach mindestens zehn Jahren Flaschenlager degorgiert wird, zur Aufstellung und danach auch zum Ausschank brachten. Die Nummer erinnerte an Pariser Modenschauen oder Inszenierungen von André Heller. Ganz unabhängig von jeder Performance: Einen besseren, nachdrücklicheren und weinigeren Rosé hatte ich nie im Glas.Große Weine machen sprachlosDabei hatte mich die Dichte und mineralische Textur des weißen Cristal schon sprachlos gemacht. Mit meinem in London lebenden schottischen Freund und Kollegen Neil Beckett, Chefredakteur des Magazins „The World of Fine Wine“, kam ich zu später Stunde darin überein, dass große Weine stets ein Paradox in sich tragen. So wie der Cristal, der vollmundig, intensiv und komplex ist, zugleich aber auch unsagbar leicht, ja beinahe schwerelos, fein und elegant.Große Weine, dazu zählen selbstverständlich auch Schaumweine, faszinieren auch dadurch, dass sie einen eben sprachlos machen, dass man Worte, um sie angemessen und würdig beschreiben zu können, ohne nur im Strukturellen zu verweilen oder in der Grammatik des Weins, erst noch finden oder erfinden muss. Man fühlt sich erst einmal wie jemand, der vor den Zeiten des Internets ein Gedicht interpretieren oder gar verstehen wollte, aber nur Reclams Erläuterungen zur Hand hatte.So ein Fest, dachte ich, wäre in Deutschland undenkbar. Einen ganzen Tag nur Champagner zu trinken, zu feiern und zu staunen, und das auch noch an einem Donnerstag? Was Frankreich so elegant versteht und was wir so hartnäckig verweigern, ist die Entkoppelung von Wert und Anlass. Der eigentliche Luxus des Champagners ist nicht sein Preis und nicht sein Prestige, sondern die Freiheit, ihn zu trinken, wenn er passt – zum Fisch, zum Donnerstag, zum 250. Geburtstag. Man muss sich damit nichts beweisen. Die Franzosen, zu denen der Champagner im Kühlschrank gehört wie bei uns die Butter, nennen das „art de vivre“, wir nennen es Dekadenz. Dieses Stereotyp aus den Köpfen zu bekommen, ist jedenfalls schwieriger, als eine Flasche Champagner zu öffnen.