PfadnavigationHomeICONISTEssen & TrinkenChampagner-Haus Roederer„Zeit ist der entscheidende Faktor, um großartige Weine zu machen“Von Heiko ZwirnerRessortleitung Stil, Leben und ReiseStand: 08:42 UhrLesedauer: 5 MinutenCristal-Champagner im Keller der Maison Roederer Quelle: LOUIS ROEDERERLouis Roederer zählt zu den letzten großen Champagner-Maisons, die ihre Unabhängigkeit bewahrt haben. Dem Klimawandel sieht der Familienbetrieb aus Reims gelassen entgegen, weil frühzeitig die entscheidenden Weichen gestellt wurden.Die Hitzewelle, die ganz Frankreich zu schaffen macht, hat auch die Champagnerstadt Reims nicht verschont. In der letzten Juniwoche herrschen dort selbst in den Abendstunden noch über 35 Grad. Zwei Tage vor dem Festakt zum 250. Geburtstag der Maison Louis Roederer wurde deshalb entschieden, die lange geplanten Feierlichkeiten von der Oper in eine Halle des örtlichen Kongresszentrums zu verlegen, die mit einer Klimaanlage ausgestattet ist. Das ist zwar nicht ganz die ehrwürdige Kulisse, die das Jubiläum verdient hätte, aber eine pragmatische Entscheidung im Sinne der rund 600 Ehrengäste, die am Abend erwartet werden.„Wir sind froh, dass wir das so kurzfristig hinbekommen haben“, sagt Frédéric Rouzaud, Geschäftsführer der Maison in siebter Generation, bei einem Gespräch im Hôtel Particulier der Firma, einem prachtvollen Anwesen in unmittelbarer Nachbarschaft der Zentrale und Sitz der hauseigenen Kulturstiftung. Die hohen Fenster im Erdgeschoss sind geöffnet, deshalb weht ein leichter Hauch durch die Räume und macht die Temperaturen einigermaßen erträglich. Für die Champagnerproduktion stelle die extreme Hitze keine Bedrohung dar, fährt Rouzaud fort. „Wir lassen die Blätter an den Reben, damit die Trauben nicht der direkten Sonneneinstrahlung ausgesetzt sind.“ Lesen Sie auchZudem schütze das einzigartige Terroir der Champagne den Weinbau vor den Auswirkungen des Klimawandels: „Die kreidehaltigen Böden wirken wie ein Schwamm. In trockenen Phasen geben sie die gespeicherte Feuchtigkeit an die Rebstöcke weiter. Und bei starkem Regen fließt das Wasser nach unten ab.“ Sein Vater habe noch ganz andere Probleme gehabt als Hitze und Trockenheit. In verregneten Sommern mussten die Trauben zum Teil schon geerntet werden, bevor sie die nötige Reife erreicht hatten. Heute könne der Kellermeister den perfekten Zeitpunkt für die Ernte bestimmen.Die Maison Louis Roederer wurde 1776 gegründet und zählt zu den letzten großen Champagnerhäusern, die in Familienbesitz geblieben sind. Das Renommee des Roederer-Champagners gründet unter anderem darauf, dass er im 19. Jahrhundert zum Lieblingsgetränk des russischen Zarenhofs avancierte. Kosakentruppen kamen auf den Geschmack, als sie nach dem Scheitern von Napoleons Russlandfeldzug bis in die Champagne vordrangen. Das sprach sich offenbar herum bis ganz nach oben. Zar Alexander II. soll das Erzeugnis aus dem Hause Roederer getrunken haben wie Wasser – oder besser: wie Limonade. Besonders der für den Export nach Russland bestimmte Champagner war erheblich süßer als das Luxusprodukt, das wir heute kennen – mit einer Dosage von bis zu 300 Gramm pro Liter, was rund 60 Zuckerwürfeln entspricht. Die Flaschen wurden mit Kutschen nach Antwerpen befördert und von da aus per Schiff weiter nach St. Petersburg transportiert, teilweise getarnt in Gemüsekisten. Nicht einmal die Hälfte der Fuhren erreichte ihr Ziel. Manche wurden geplündert, andere fielen Stürmen zum Opfer.Aromen von altem MahagoniBei der Soiree im Kongresszentrum berichtet der Weinkritiker Peter Liem, Autor eines Standardwerks über Champagner und passionierter Taucher, von einer Expedition auf den Grund der Ostsee, bei der mehrere Kisten Roederer-Champagner aus dem Schiffswrack der „Heinrich“ geborgen werden konnten, die 1861 vor der Südküste Schwedens gesunken war. Obwohl die Flaschen mehr als 160 Jahre in 58 Metern Tiefe gelegen hatten, waren sie in erstaunlich gutem Zustand. Liem überredete die anderen Teilnehmer der Expedition, eine davon zu öffnen. Die Flüssigkeit, die daraufhin in Pappbecher floss, glänzte bernsteinfarben und hatte grüne Sprenkel wie alter Madeira. „Der erste Schluck war unvergleichlich“, erinnert er sich. „Der Wein hatte Aromen von altem Mahagoni, Sattelleder, getrockneten chinesischen Pflaumen und Sandelholz-Räucherstäbchen. Obwohl er anfangs zerbrechlich wirkte, wurde er durch die Luftzufuhr immer kräftiger und vollmundiger. Es kam mir vor, als wäre mein ganzes Leben auf diesen Moment hinausgelaufen.“ Den Korken der Flasche hat Liem aufgehoben.Der Haltbarkeit von Champagner sind also offenbar kaum Grenzen gesetzt. Aber wie schafft es ein Familienbetrieb, ein Vierteljahrtausend zu überstehen – und die Turbulenzen, die damit verbunden sind? „Jede Generation hat ihren eigenen Beitrag dazu geleistet, den Fortbestand zu sichern“, erklärt Frédéric Rouzaud. Louis Roederer, der dem Betrieb seinen heutigen Namen gab, fing um 1830 damit an, Weinberge in den besten Lagen der Champagne aufzukaufen. Eine entscheidende Weichenstellung in einer Region, in der 90 Prozent der Flächen von kleinen Winzern bewirtschaftet werden, die ihre Trauben zur Verarbeitung an die großen Häuser liefern. „Dadurch können wir viel präziser arbeiten“, sagt Rouzaud. „Die Qualität eines Champagners entsteht zu 80 Prozent im Weinberg.“Lesen Sie auchLouis Roederer Junior erfand den Cristal, eine Cuvée, für die nur die gelungensten Partien aus den besten Trauben eines Jahrgangs Verwendung fanden und die exklusiv für den Zaren in transparente Kristallflaschen mit einem markanten flachen Boden gefüllt wurde – der russische Regent hatte Angst vor Attentaten und wollte deshalb keine Behältnisse mit eingewölbtem Boden. Der Cristal gilt bis heute als Inbegriff eines Prestige-Champagners. Rouzauds Urgroßmutter Camille wiederum hat das Unternehmen in ihrer mehr als 40-jährigen Amtszeit mehrfach vor dem Bankrott bewahrt, sein Vater Jean-Claude modernisierte den Betrieb ab den frühen 1970er-Jahren mit dem wissenschaftlichen Blick eines Önologen und stellte weite Teile des Anbaus auf biodynamische Bewirtschaftung um. Frédéric Rouzaud selbst hat die Produktpalette des Hauses behutsam erweitert und eine Vinothek für kostbare Jahrgangschampagner aufgebaut – wie eine Rücklage für künftige Generationen. „Zeit ist der entscheidende Faktor, um großartige Weine zu machen“, sagt er. Lesen Sie auchBei der Jubiläumsfeier, die nach der Soirée im Kongresszentrum von Reims bei Klavierbegleitung im feudalen Hof der Maison ihre muntere Fortsetzung findet, wird erstmals der Cristal 2018 ausgeschenkt, eine Kreation, die daran erinnern soll, dass man bei Louis Roederer nicht in Quartalen denkt, sondern in Dekaden. Dabei zeigt sich zugleich, dass das Traditionshaus in der Lage ist, auf aktuelle Umstände zu reagieren. Zur Kühlung wurden Ventilatoren aufgestellt, die feinen Wassernebel in die heiße Abendluft sprühen.
Champagner Louis Roederer: Wie 250 Jahre Familientradition die Hitze überdauern - WELT
Louis Roederer zählt zu den letzten großen Champagner-Maisons, die ihre Unabhängigkeit bewahrt haben. Dem Klimawandel sieht der Familienbetrieb aus Reims gelassen entgegen, weil frühzeitig die entscheidenden Weichen gestellt wurden.







